Auszeit: Fünfköpfige Familie Pilz auf “7seas” – Elternzeit in der Karibik mit Baby an Bord

„Und wie geht das mit dem Baby?“

Von Hitzepickelchen und Faltbadewannen, lästiger Sonnencreme, nie enden wollender Babybespaßung und vom Abstillen mittels Seekrankheit. Die Abenteuer der Familie Pilz auf hoher See.

Seit einem Jahr ist die Berliner Familie Pilz unterwegs: Annet (Mama/Smutje), Hendrik (Skipper/Chefingenieur), Dominik (Junior-Skipper/Kameramann), Marie (quirlige Deckshand) und Max (Junior-Junior-Skipper/Leichtmatrose). Ihre Reise dokumentieren sie mit höchst unterhaltsamen Videos, talentierter Fotoarbeit und reichlich Tipps und Tricks für angehende oder bereits kreuzende Blauwassersegler.

Für SegelReporter hat der älteste Sohn Dominik, zuständig fürs Kommunikative, einen Bericht geschrieben, in dem er wunschgemäß die wohl am häufigsten gestellte Frage beantwortet – und so ganz nebenbei noch richtig Laune auf Meer, Sonne, Segeln und noch mee(h)r macht. Prädikat: cool! 

Elternzeit in der Karibik

Unsere Story beginnt mit dem Kauf unserer 39 Fuß Comfortina im November 2015. Zu dem Zeitpunkt war die 7seas als Schiff für Ostseetouren gedacht. Wie das Schicksal allerdings so spielt: zwei Wochen später war Max auf dem Weg. Und weil wir auf Abenteuer stehen, wurde kurzerhand entschieden, die Elternzeit für eine Karibikreise über ein Jahr zu nutzen, was Hendrik schon immer machen wollte.

Dann ging die Vorbereitungszeit los. Uns blieben effektiv 6 Monate, um unser dato 32 Jahre altes Schiff zu refitten, und es für die Langfahrt auszustatten. Das war die erste Zerreißprobe, denn Hendrik war zeitweise mehr am Schiff als zu Hause, Anett war hochschwanger, und nebenbei musste das Haus ausgeräumt und vermietet werden. Übergangsweise wurde sogar noch umgezogen. Und achso… Ich hätte doch fast die Jobs vergessen.

Ohne Tests einfach los

Irgendwann lag die “7seas” dann im Heimathafen Lubmin und der Starttag stand kurz bevor. Der Plan war, dass Hendrik und ich so schnell wie möglich nach England segeln, wo Anett mit Max und Marie zusteigen sollte. Max war mit seinen 2 Wochen noch etwas zu zart. Wie sich herausstellte, war das auch die richtige Entscheidung, weil wir auf dem Weg über Ostsee, Nordsee und den Channel einige Herausforderungen zu bewältigen hatten. Die Bedingungen auf See waren meistens weniger schön und die 7seas hat es uns anfangs auch nicht leicht gemacht.

7seas, baby, Langfahrt

Junior-Junior-Skipper Max beim Segeln © dominik behringer/7seas

Wir konnten sie vor dem Start ja kaum segeln und ordentlich testen, also ist so manches gleich zu Beginn kaputt gegangen und ausgefallen. Über die Biskaya sind wir dann erstmalig alle zusammen gesegelt und seitdem haben wir auch alle anderen Herausforderungen gemeinsam gemeistert.

Immer bei Laune. Immer!

Soviel zur Vorgeschichte. Jetzt zu der uns häufigst gestellten Frage: „Wie geht das mit dem Baby?“

Meine Antwort: Das mit dem Baby an Bord läuft bei uns einwandfrei! Max ist ein wirklich entspannter Typ von Anfang an. Was eigentlich auch nicht verwunderlich ist. Schließlich ist IMMER jemand da und hält ihn bei Laune. Marie liebt ihn besonders und betreibt viel Aufwand, um ihn mit ganz viel Quatsch zum Lachen zu bringen.

Am Anfang im „kalten“ Europa war der Kleine im Kindersitz unter der Sprayhood festgeschnallt oder in der Bugkabine im Stillkissen eingebaut. Im Salon haben wir backbord ein Leesegel installiert, sodass er nicht herausfallen kann. Dieses Leesegel ist eine geniale Erfindung und sehr zu empfehlen, auch wenn man ohne Kinder unterwegs ist. In den ersten Lebensmonaten war er noch klein, dass er sich nicht weg bewegen konnte.

Das war also alles ziemlich unkompliziert. Sein Tag bestand aus nicht viel mehr als Schlafen, Essen und Windeln füllen. Bei den Windeln haben wir keine besondere Lösung. Wir nutzen Wegwerfwindeln und so müssen wir nur etwas öfter den Müll wegbringen.

Die wohl größte Herausforderung war zu Beginn die Seekrankheit. Max geht es auf See immer gut. Babys werden nie seekrank. Anett musste leider feststellen, dass Seekrankheit eine natürliche Art zum Abstillen ist.

Entschieden gegen Kopfbedeckung

Seit Kap Verde, also den südlicheren Gegenden, wird es im Kindersitz zu warm unter der Sprayhood, also war Max nur bei Manövern angeschnallt. Ansonsten hat ihn während des Segelns immer jemand auf dem Schoß oder er sitzt oder liegt im Cockpit. Auch die zwei Wochen auf dem Atlantik waren kein Problem. Im Gegenteil: jeder von uns hatte noch mehr Zeit für die Bespaßung von Max!

Wenn es vor Anker mal zu heiß wird, dann setzen wir ihn in seine tolle blaue Faltbadewanne. Manchmal klettert er auch selbst hinein. Inklusive Windel. Die Wärme hier in der Karibik scheint ihm bis auf ein paar Hitzepickelchen nichts weiter auszumachen. Allerdings geht er entschieden gegen jede Art von Kopfbedeckung vor, wodurch wir schon einige Mützen „verloren“ haben.

Unsere Lösung: wir tragen seit Curacao einen total unauffälligen Sonnenschirm mit uns rum. Aufwendig, aber notwendig, ist das tägliche Einschmieren mit Sonnencreme, was Max nicht so gerne hat. Aber das ist natürlich kein Vergleich zum An- und Ausziehen von Winderklamotten daheim!

7seas, baby, Langfahrt

Coole Familienyacht für die Langfahrt: die Comfortina 39 “7seas” © 7seas/behringer

Wir wollen die Inseln und Länder gerne selbstständig erkunden und die schönsten Flecken zu Fuß erreichen. Im ersten Jahr unserer Reise saß er bei Wanderungen daher immer im Manduca. Das Hin- und Herschaukeln gefällt ihm anscheinend. Er meldet sich nur bei Hunger und so können wir mit Pausen den ganzen Tag unterwegs sein, selbst Kletterpassagen wie zum Boiling Lake auf Dominica waren kein Problem. Mittlerweile (im Alter von 14 Monaten) sitzt er in unserem großen Tragerucksack, wo er eine viel bessere Aussicht genießen kann und es etwas luftiger ist.

Selten abgestürzt

Als wir uns für ein zweites Jahr Reisen entschieden haben, war Max schon fleißig am Krabbeln. Also musste ein Relingsnetz her, damit er sich an Deck frei bewegen kann und mal mehr Auslauf hat. Wir haben schnell gemerkt, dass trotzdem immer jemand mindestens ein Auge auf ihn werfen muss. Er ist anfangs nicht nur regelmäßig von den Sitzflächen im Cockpit abgestürzt, sondern er versenkt auch mit voller Absicht alles, was ihm in die Hände fällt. Es wurde wohl sein liebstes Hobby, den Umriss unseres Schiffs mit haufenweise Wäscheklammern, Schüsseln, Spielzeugen oder Besteck auf dem Ankergrund zu verewigen.

Sein zweitliebstes Hobby wäre dann wohl Essen. Wirklich… Wir nennen ihn schon liebevoll Raupe Nimmersatt. Aber das kann ihm definitiv niemand verdenken bei Anetts Kochkünsten und den vielen unfassbar leckeren Früchten hier in der Karibik. Unser kleiner Genießer bekommt einfach nicht genug von Papaya, Mango und Co.

Wenn man mit Kindern unterwegs ist, ist es natürlich von Vorteil, zu fünft zu sein: Es können immer mindestens zwei von uns die Manöver fahren. Wenn doch noch eine Hand mehr benötigt wird, passt Marie kurz auf Max auf. Und teilweise schaffe ich es sogar, dabei zu filmen.

Während wir uns beim Segeln auch mal abwechseln, zeigt sich vor Anker schon eher eine Arbeitsteilung. Der Skipper kümmert sich um die Instandhaltung des Schiffs, die Mama ist die Chefin im Haushalt. Ich plaudere mal ein bisschen aus dem Nähkästchen, wir sind ja unter uns. Beide sind Perfektionisten und geben 130% auf ihrem jeweiligen Gebiet. Auf dem Gebiet des jeweils anderen….naja… Der Witz über Hendriks „Schapp-Phobie“ kommt nicht von ungefähr. Ich bin irgendwo dazwischen, aber überall dabei und Marie sorgt für Entertainment des Kleinsten. 

Mama und Kids sprechen Englisch

Apropos Marie: Wir unterrichten sie selbst, was manchmal etwas schwierig ist, wenn man rundherum türkises Wasser und Freunde auf den Schiffen nebenan hat. Aber im Großen und Ganzen funktioniert die Schule mit Marie super und sie lernt schnell und gerne.

Anett spricht mit den Kindern seit deren Geburt ausschließlich englisch. Somit fiel es Marie leicht, schnell Freunde zu finden und sich mit Einheimischen zu unterhalten. Ihre Beurlaubung für das erste Schuljahr wurde leider nicht verlängert. Trotz aller Bemühungen und Gespräche mit der Schule und den Ämtern war es nicht möglich, Bürokratie und Entscheidungsstarrheit zu überwinden, weshalb eine Abmeldung des Wohnsitzes aus Deutschland nötig war. Im Schulamt wurde sich lediglich auf ein völlig veraltetes Schulgesetz berufen. Wir finden das sehr schade. Ist aber eine andere Geschichte.

Man at work © 7seas/behringer

Zurück zu Max: Wichtig für uns war, dass wir unterwegs alle empfohlenen Impfungen für ihn erhalten. Das war tatsächlich nicht immer einfach aufgrund von Sprachhindernissen und dem Auffinden der tatsächlich zuständigen Impfstelle. Nicht zuletzt wegen der Unterschiede in den Gesundheitssystemen muss man ganz einfach manchmal viel Geduld und Zeit mitbringen.

Was die standardmäßigen U-Untersuchungen angeht, haben wir einige ausgelassen. Max ging es durchgängig sehr gut, also gab es keinen Anlass für weitere Arztbesuche, worüber wir ebenfalls sehr froh sind.

Entspannte Type

Max schläft seit Anfang an ziemlich regelmäßig und die Nächte auch durch. Das Schaukeln auf See und die ganzen White Noises sind für Max sehr beruhigend. Es ist ihm auch egal, wo er einschläft. Es gab nie Probleme, ihn abends mit auf das Schiff von Freunden oder zum Strand zu nehmen. Auch dabei ist er wirklich sehr unkompliziert. Wie schon am Anfang geschrieben: Einfach ein entspannter Typ! 

Nach etwas mehr als einem Jahr können wir behaupten, ganz gut eingespielt zu sein in unserem kleinen Zuhause. Wir haben eine tolle, unwiederbringliche Zeit als Familie, erleben so Vieles auf unseren Reisen und machen einzigartige Erfahrungen, die wirklich zusammenschweißen. Die Zeit so nah mit den Kids ist einfach einmalig. Also warum diese besondere Zeit nicht auf eine besondere Weise nutzen?

Text: Dominik Behringer, zur Zeit auf SY “7seas”

Facebook: Sehr empfehlenswert für alle, die möglichst oft „dabeisein“ wollen

Website: eine Fundgrube für alle, die praktische Tipps für ähnliche Reisen (auch ohne Kids) benötigen. Ausführliche Videos u.a. über folgende Themen: Atlantiküberquerung als Familie, Proviantierung und Ernährung, neuer Windpilot, warum ist unser Baum gebrochen?, Energiehaushalt auf Langfahrt… 

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