Video Fundstück: Patenthalse, dann die Grundberührung

Wo lag der Fehler?

Es mag schon etwas ungeschickt sein, die schwierige Halse so nah unter Land zu drehen, dass sie im Falle eines Scheiterns unter Youtube erscheint. Heutzutage muss man seine Taktik an solche Überlegungen anpassen. Aber auch weiter draußen gab es bei der Big Boat Series 2011 in San Francisco andere fiese Missgeschicke. So hat die Segelgemeinde jedenfalls ihren Spaß.

Aus diesem Fall der Patenthalse mit folgender Grundberührung kann man ja vielleicht noch lernen. Was sonst im Bruchteil einer Sekunde passiert, ist hier in der Wiederholung genüsslich sezierbar.

Was ist schief gelaufen? Wo lag der Fehler bei der Halse?

Als der Mann am Mast den Endbolzen des Spibaums öffnet und die Spischot frei gibt, wandert die Blase ohne Halt nach Lee mit der Luvschot zum Vorstag. Sie erzeugt so den entscheidenden Krängungsimpuls, der zum Rollen des Bootes führt.

Patenthalse vor San Francisco. Mit voller Fahrt bei der Halse aus dem Ruder gelaufen.

Danach verliert der Steuermann bei dem immensen Druck in den Segeln unweigerlich die Kontrolle. Bei der Halse überdreht er vielleicht noch ein wenig, aber eigentlich zieht das eiernde bunte Tuch die Yacht hinter sich her. Sobald das Schiff stark krängt, lässt die Ruderwirkung abrupt nach.

Abgesehen davon, dass bei diesen Bedingungen die Halse wohl ohnehin schwierig ist, hätte vielleicht das Bedenken folgender Aspekte zu einem erfolgreichen Manöver führen können.

1. Vor dem Manöver hätten die Spischoten wohl dichter und damit kontrollierter getrimmt werden müssen. Der Spi wäre breiter und flacher gezogen worden und hätte auch ohne Spibaum weniger Platz zum Auswandern.

2. Der Spi war im Moment der Halse nicht exakt zum Wind getrimmt. Er stand nicht ausbalanciert vor der Yacht und drehte deshalb ohne den Baum nach Lee.

3. Im Moment der Halse steckte das Schiff zwischen zwei Wellen fest und wurde eher gebremst. Die gesamte Kraft des Windes drückte ins Rigg. Besser wäre es, das Manöver bei der Gleitfahrt mithilfe einer entsprechenden Welle einzuleiten. Der ehrhöhte Fahrtwind verringert den Druck in den Segeln signifikant. Der Fehler beim Spitrimm wäre wohlmöglich nicht so sehr ins Gewicht gefallen.

4. Schon als der Spi nach dem Lösen des Spibaums nach Lee auswanderte, hätte das Manöver wohl besser abgebrochen werden sollen. Allerdings wurde es offenbar auch knapp mit der Tiefe.

5. Der Sonnenschuss wäre möglicherweise zu verhindern gewesen, wenn der Spitrimmer nach der Halse die neue Luvschot dicht kurbelt und die Leeschot loswirft. Das Tuch flattert dann kraftlos nach vorne aus, wenn der Steuermann das Schiff noch hinterher steuern kann. Es gehört aber Geistesgegenwärtigkeit und viel Kraft dazu, das Spiel mit den Schoten exakt auszuführen.

Auch auf dem alten Bug hätte das Flatternlassen funktioniert. Aber die notwendige Halse wäre schwierig geworden. Nur mit dem stehenden Großsegel hätte das Schiff wohl so viel Fahrt verloren, dass das herumschlagende Groß unweigerlich eine Patenthalse auf dem anderen Bug verursacht hätte.

Wahrlich eine komplexe Situation. Segeln kann manchmal eine ziemlich große Herausforderung sein, wenn man versucht, solche Extrembedingungen zu beherrschen.

Tipp: Carsten Schultz, handbreit blog

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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14 Kommentare zu „Video Fundstück: Patenthalse, dann die Grundberührung“

  1. avatar John sagt:

    Ne verunglückte Halse kann jedem mal passieren. ABER: Warum haben die nicht viel schneller das Fall gelöst bekommen?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 1

  2. avatar Guido sagt:

    Obwohl das Boot noch auf Grund sitzt wird schon der nächste Spisack nach vorne zum Bug gereicht. Diese Art zu Segeln kann auf Dauer ganz schön Materialintensiv sein :).

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  3. avatar Chris sagt:

    Habe es nicht genau erkennen können ob doppelte Schoten verwendet wurden, könnte mir vorstellen, dass das Manöver damit einfacher gewesen wäre (doch relativ viel Wind) … interessant finde ich aber auch, dass nicht kontrolliert wird, ob Leinen ins Wasser hängen (was sie tun) als die Maschine gestartet wird – das hätte eine noch hübschere Havarie geben können 🙂

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  4. avatar Wilfried sagt:

    also auf jeden Fall haben sie doppelte Schoten gefahren. Sie haben allerdings nicht vor der Halse den neuen Achterholer dichtgeholt was schon mal Fehler eins ist. Dann haben sie auch nicht in den alten Achterholer gefiert, so daß esnicht einfacher wurde. Als letztes gibt der Steuermann so wie ich das sehe schon Gegenruder als dasHeck noch gar nicht richtig durch den Wind ist. Dadurch übergeigt er den Kahn, der Spi schwingt rum und ab dafür. Warum danach nicht das Groß viel früher aufgemacht wird ist auch unklar.

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    • avatar Wilfried sagt:

      vergesst den Kommentar mit dem Achterholer, der ist ja vorne um eingehakt zu werden. Also nur den anderen los machen. Angenehmer und kontrollierter sind natürlich zwie Bäume.

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  5. avatar Immanuel sagt:

    Interessantes Manöver,
    man könnte viel drüber sagen, wenn man nur was wüßte.

    Mir hat’s mal jemand, der sich mit auskennt, auf einem 47ft Boot so gezeigt, dass man zuerst den Spi extrem weit auf die Luvseite holt, dann Spibaum rum, Groß rund achtern, hat mit 3 Personen Crew funktioniert, allerdings bei moderaten Bedingungen.

    Wäre nett, wenn jemand die Situation aus dem Film nochmal für ahnungslose erläutert.

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    • avatar Matze sagt:

      Bin auch ahnungslos und möchte wissen, wie eine Halse unter Spi richtig geht.

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    • avatar Falko sagt:

      Dem würde ich beipflichten. Problem fängt vorne an. Siehe auch oben 2. und 5.: Spi vor allem in Lee nicht weit genug gefiert (und auch nicht weit genug abgefallen, das eine bedingt das andere), als der Spibaum schon ausgeklinkt wird.

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  6. avatar Alex sagt:

    Manöver verkacken kann passieren. Aber mit der Kacke richtig umgehen sollte vorher klar sein.

    Ein Spi im Wasser ist schwer, erst recht wenn jeder an einer anderen Ecke zerrt. Alle Mann, außer wahrscheinlich der, wo schon den nächsten Sack anrollt, zerren oder schauen. Einer hat wohl kurzfristig die Idee die Fock zu setzen, lässt es aber beim Versuch. So dicht unter Land würden bei uns min. die ½ Crew versuchen das Boot vom Land weg zu drehen und das geht hier nur mit Druck auf dem Bug. Der Spi lag ja zum Glück auf der richtigen Seite im Wasser.
    Und im Zweifel fetzt lieber etwas Tuch als GFK.

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  7. avatar Tramp sagt:

    Hm, in 0:40 sieht man im Salingbereich entweder die Doppelschotführung oder eine Schot und den Barberholer. Ich hätte den Spinnacker vor der Halse mit beiden Barberholern “fixiert”. Wenn die Schothörner so frei/unkontrolliert steigen können, habe ich ja keine Chance den Baum auf der neuen Seite einzuhängen.
    Dann wäre es nach der Patenthalse auch möglich die Steuerbordschot ausrauschen/kappen zu lassen und das Segel Mittschiffs auf Backbord (kontrolliert) reinzuholen ohne den Spi durchs Wasser zu ziehen.
    Durch das ewige Spimanöver im Film verliert das Boot viel Zeit und damit Handlungsspielraum, da das nicht gefierte Großsegeln es weiter unter Land drückt.
    Ich glaube ich hätte alleine schon vor Angst ums Boot wesentlich früher den Motor zur Hilfe genommen – z.B. um den Bug in (bzw. durch) den Wind zu drücken. Die gekappte Schot hätte es zunächst weit nach Lee ausgeweht. Selbst wenn also der Spinnacker noch nicht ganz geborgen ist, ist die Schot zunächst weit weg von der Schraube.

    Klar ist aber auch, dass sich das am trockenen Computer immer leicht durchspielen lässt. Vor Ort mit evtl. Verständigungsproblemen (z.B. wegen des Windes oder “unterschiedlicher Lösungsansätze”), langsam aufkommende Panik und der Notwendigkeit sich in der nächsten Böe irgendwo festzuhalten ist das schon schwieriger 😉

    PS: Natürlich ist der Film so geschnitten, dass uns der Name des Bootes nicht verborgen bleibt. So hat der Eigner auch die nächsten Jahre noch immer was zu erklären. Aber wer so dicht unter Land seine Manöver macht, möchte das ja vielleicht auch 😉

    VG

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    • avatar Wilfried sagt:

      Problem ist ja, dass er eben nicht mit Barbern fährt. Der neue Achterholer ist vorne am Bug um ihn beim Durchschwingen des Spibaums einzulegen. Dadurch werden ja solche Halsen immer brisant. Mit zwei halb gezogenen Barbern ist es viel entspannter. Dann muss man aber den Spibaum nicht mit Glocke am Mast fahren und durchschwenken, sondern wie bei der Jolle durchstecken. Natürlich fährt man heute nicht mehr mit zwei Spibäumen, einfacher ist es trotzdem damit den Spi zu kontrollieren. Hauptproblem bleibt aber die falsche Schotbedienung und das nicht konsequente durchhalsen auf einen raumeren Kurs.

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  8. avatar enzo sagt:

    Wen’s interessiert; das Boot soll übrigens eine Express 37 sein.
    Klingt nach einer interessanten Yacht. Wer mehr wissen will:
    http://www.sailingmagazine.net/boats/6-used-boat-notebook/533-express-37

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