Ostsee-Orkan: 25 Jahre nach dem Unglück in der Kieler Bucht – 100 Schiffe sanken

Wenn Wind und Wasser stärker sind

In der Nacht zum 28. August 1989 sanken in Marina Wendtorf und anderen Häfen der Kieler Förde mehr als 100 Yachten im Sommerorkan, rund 500 wurden schwer beschädigt. Aus den Fehlern ist gelernt worden, aber eine Wiederholung der Katastrophe scheint nicht völlig ausgeschlossen.

Ostsee Orkan

Aufgereiht an der Kaimauer von Wendtorf wurden die Kontakte zu den Eignern für die Bergeunternehmen am Bug auf die Rümpfe geschrieben. ©Andreas Kling

Es hatte sich alles verschworen gegen die Yachteigner in dieser einen Nacht. Der Hochsommer war kaum vorbei, und alle lagen mit ihrem Booten noch im Wasser. Exakt heute, mit Anbruch des 28. August 1989, vor 25 Jahren also, nahm das Unheil seinen Lauf. Ein Nordoststurm entwickelte sich in einem schmalen Streifen über der Kieler Förde zum Orkan mit einer schweren Sturmflut und verursachte große Schäden in den Häfen. Wer nicht kaskoversichert, verlor oft über Nacht sein Ein und Alles.

Das Unwetter überraschte viele Segler, denn sein Ausmaß war nicht oder nur völlig unzureichend vorhergesagt worden. Ein kleines Tiefdruckgebiet hatte über Niedersachsen plötzlich seine Zugbahn nach Nordwesten verändert und die Isobaren rund um die Kieler Bucht arg verdichtet. Niemand hatte mit Spitzenböen von 68 Knoten gerechnet. Gemessen wurden sie beim Kieler Yacht-Club (KYC) am alten Olympiahafen Düsternbrook.

Die Zugbahn des Tiefdruckgebiets vom 27. auf den 28. August 1989.

Die Zugbahn des Tiefdruckgebiets vom 27. auf den 28. August 1989.

Das ist volle Orkanstärke. Entsprechend zu gering waren die Hochwasserprognosen ausgefallen. Es lief mit 1,70 Meter über Normalnull bis zu einem halben Meter höher als befürchtet auf, und war ursächlich für einen Großteil der rund 500 schwer beschädigten Yachten.

Winterstürme sorgten schon für noch höhere Wasserstände, aber dann stehen fast alle Boote auf dem Trocknen. So wurden sie zum Spielball der Natur. Verheerend waren die Auswirkungen vor allem in der Marina Wendtorf am östlichen Ausgang der Kieler Außenförde. Denn: Das vorgelagerte Naturschutzgebiet Bottsand wurde damals teilweise überspült. Dahinter bauten sich im Hafenbecken bereits wieder Wellen von rund einem Meter auf, die die Boote an den Stegen „tanzen“ ließen. Dabei verkeilten sich teilweise die Riggs.

Gleich zweimal verkehrt: Die helle Leine auf Slip kann bei steigendem Wasser vom Steg aus genauso wenig verlängert werden wie die blaue, gespleißte Schlaufe. ©Andreas Kling

Gleich zweimal verkehrt: Die helle Leine auf Slip kann bei steigendem Wasser vom Steg aus genauso wenig verlängert werden wie die blaue, gespleißte Schlaufe. ©Andreas Kling

Da das Wasser innerhalb weniger Stunden rasch anstieg, konnten auch längst nicht mehr alle Vorleinen rechtzeitig gefiert werden. Das lag jedoch weniger an fehlenden Helfern, als vielmehr am falschen Vertäuen durch die Skipper. Statt Kreuzschlägen auf den Stegklampen legen – auch heute noch – viele einen Palstek um die Poller, der unter Spannung nicht mehr gelöst werden kann. Und bei jedem einzelnen Boot aufs Vorschiff zu klettern, dazu fehlte schlicht die Zeit. Folge: Entweder rissen die Festmacher oder sie zogen die meist nur genagelten und einfach geschraubten Holzklampen einfach aus den Stegbrettern heraus.

Gleich dreimal falsch: Die Heckleinen mit Palstek und festgezurrter Schlaufe gehören durch den Ring, die Verholleine nicht an den Ring.  ©Andreas Kling

Gleich dreimal falsch: Die Heckleinen mit Palstek und festgezurrter Schlaufe gehören durch den Ring, die Verholleine nicht an den Ring. ©Andreas Kling

So ist die Heckleine korrekt angebracht.  ©Andreas Kling

So ist die Heckleine korrekt angebracht. ©Andreas Kling

An den Heckpfählen sah es noch schlimmer aus. Viele Leinen schwammen an den dicken Holzdalben auf und übergaben die Yachten den Urgewalten. Mehr als 70 trieben ungewollt durch die Stegreihen und blieben mit ablaufendem Wasser an der Kaimauer liegen. Andere kamen erst gar nicht so weit. Sie rieben sich mit den Nachbarliegern auf oder wurden sogar von den Pfählen regelrecht aufgespießt. Mehr als hundert Boote sanken an dem Tag.

Was sich wie eine nüchterne Bilanz nach Abflauen des Orkans liest, war in der Nacht vor Ort ein Drama an mehreren Schauplätzen. In Düsternbrook wurden so berühmte Yachten wie das Ausbildungsschiff der KYC-Jugend, die „Kuh“ genannte „Zukunft II“, extrem in Mitleidenschaft gezogen. Auch der ehemalige Admiral’s Cupper „Duva“ von Hans Lubinus und die legendäre „Germania VI“ der Alfried-Krupp-von-Bohlen-und-Halbach-Stiftung erlitten schwere Schäden.

In Wendtorf kreiste ein SAR-Rettungshubschrauber über den gefährlich schlagenden Masttopps. Ausrichten konnte er genau deswegen nichts. Einige Crews schossen in ihrer Verzweiflung Drei-Stern-Rot – Seenotraketen im scheinbar sicheren Hafen. Doch auch der DGzRS-Rettungskreuzer aus Laboe und sein Tochterboot kamen lange Zeit gar nicht durch die aufgewühlte Hafeneinfahrt herein. Wer sein Heil nicht in einem beherzten Sprung über Bord suchte und an Land schwamm, harrte auch auf dem Großbaum sitzend aus und musste mit ansehen, wie so mancher Traum von Segelboot ausgelöscht wurde.

Claus Prölß velor seine Dehler 25 'Tidendriver II' im Orkan, baute sie jedoch in drei Jahren wieder auf und liegt nun am Wellenbrecher von Steg 6.  ©Andreas Kling

Claus Prölß verlor seine Dehler 25 ‘Tidendriver II’ im Orkan, baute sie jedoch in drei Jahren wieder auf und liegt nun am Wellenbrecher von Steg 6. ©Andreas Kling

Nur ganz wenige wagten angesichts der harschen Bedingungen, einfach die Leinen loszuwerfen und mir ihrem Boot auf und ab zu motoren. Dabei war das eine durchaus sichere Methode, den unkontrollierbaren Kräften zu entkommen, und wird sogar in einigen Ratgebern empfohlen. Gute Seemannschaft verbietet natürlich das Auslaufen in schwere See. Doch wenn der Hafen selbst genug Platz und damit Schutz bietet, ist „nur“ ein wenig Courage erforderlich.

Stattdessen waren die Vorwürfe damals vielfältig, und trafen vor allem die Wetterfrösche. Nun, eine reife Leistung war die Vorhersage wohl auch eher nicht; ein menschliches Versagen des diensthabenden Meteorologen wird kolportiert, Irren ist ja leider menschlich. Ein Vierteljahrhundert später sind die Vorhersagemodelle besser, weil engmaschiger, und die Rechner viel schneller, um solche extremen Entwicklungen eher prophezeien zu können.

Der neue, höhere Steg 5 der Marina Wendtorf.  ©Andreas Kling

Der neue, höhere Steg 5 der Marina Wendtorf. ©Andreas Kling

Auch wurden die Stege mit ihren Befestigungsmöglichkeiten scharf kritisiert. Holzklampen gehören seitdem fast überall der Vergangenheit an und wurden durch verbolzte Metallpoller ersetzt. Seit diesem Jahr hat der Familienbetrieb Eberhardt aus Arnis die Marina Wendtorf übernommen und tauscht die gesamten Steganlagen mit Hochdruck aus. Die neuen sind entweder höher als die alten oder gleich Schwimmstege, was allerdings vom Komfort her nicht jedem Eigner gefällt.

Apropos Eigner: An die eigenen Nasen packen sich viele zuletzt. Denn die Eisenringe, die schon in der Saison nach der Katastrophe an den Heckpfählen angebracht wurden, werden immer noch von einigen ignoriert. Wird der Festmacher dort durchgeführt, bevor die Schlaufe um den Pfahl geht, kann er nicht mehr aufschwimmen.

Blick über die Marina Wendtorf und den Bottsand vor 24 Jahren. Das Naturschutzgebiet liegt heute höher und wehrt Hochwasser ab.  ©Andreas Kling

Blick über die Marina Wendtorf und den Bottsand vor 24 Jahren. Das Naturschutzgebiet liegt heute höher und wehrt Hochwasser ab. ©Andreas Kling

Die Gefahr einer Wiederholung dieser Katastrophe scheint aber zumindest speziell in Wendtorf deutlich geringer als vor 25 Jahren. Denn der Bottsand ist seitdem durch Vorspülungen und Flugsand, der im spärlichen Bewuchs hängenblieb, nach und nach gewachsen. Eine exakte Vermessung erfolgte bereits bei Satellit, ist allerdings noch nicht kartographiert. Die Erhöhung wird vom örtlichen Naturschutzbund NABU auf bis zu anderthalb Meter geschätzt, so dass eine erneute Überflutung hinreichend ausgeschlossen erscheint.

Die 'maßgeschneiderte' Heckleine wird bei Hochwasser schnell zum Verhängnis.  ©Andreas Kling

Die ‘maßgeschneiderte’ Heckleine wird bei Hochwasser schnell zum Verhängnis. ©Andreas Kling

Außerdem liegen quer vor den Stegköpfen der Marina Betonschwimmstege als Wellenbrecher, die jene Gefahr abmildern. Ein Gang über die Stege zeigt vielerorts dennoch, dass die in den meisten Hafen- und Liegeplatzverordnungen propagierte freiwillige Selbstkontrolle, die Yachten sicher anzubinden, nicht überall auf Einsicht stößt. So sind Ruckfender längst noch nicht bei jedem Eigner Standard. Und wer sein Schiff im angestammten Heimathafen mit einem Tampen mit zwei gespleißten Enden genau auf Länge anbindet, darf sich schon gar nicht wundern, wenn er bei Hochwasser wieder eines der ersten Opfer wird.

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https://northsails.com/sailing/de/byt-til-nyt-dag

8 Kommentare zu „Ostsee-Orkan: 25 Jahre nach dem Unglück in der Kieler Bucht – 100 Schiffe sanken“

  1. avatar Zuschauer sagt:

    Akuter YACHT- Alarm oder was?

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 7 Daumen runter 8

    • avatar Piet sagt:

      Kein uninteressantes thema, aber schon etwas dreist wiederverwertet.
      Aber auch umsonst im gegensatz zur yacht.

      Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 3 Daumen runter 10

  2. avatar Festmacher sagt:

    Spannendes Thema: Festmachen!

    Was ich immer wieder sehe und nie begreifen werde: Da wird das Schiff mit geschlagenen PP-Leinen von Max-Bahr in alle Richtungen abgespannt, viele Leinen helfen viel… Dabei immer schon kurz, z.B. von der Mittelklampe in 45° runter auf die Klampe am Auslegerschlengel. Gleiches bei dem Vorleinen.
    Wenn dann etwas Wind kommt und sich im Hafen etwas Welle aufbaut kann sich das Boot kaum bewegen. Das dabei das Boot bei etwas mehr Welle enorme Lasten auf die Beschläge ausübt scheinen nur wenige zu schnallen.

    Noch besser sind die Leute, die ihre ausgedienten Fallen als Festmacher verwenden. Klar, hohe Bruchlast. Aber auch kaum Reck…

    Für mich reicht immer der Klassiker: Ein paar handige, lange Leinen mit gut Reck. Damit Vorleine(n), Springs, Achterleine setzen. Wenn absehrbar etwas Wind kommt dann alle Leinen schön lang ausbringen. Reck dämpft und verringert damit massiv die Belastung der Anschlagpunkte.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

  3. avatar Andreas Kling sagt:

    Ausgediente, angeschubberte Schoten sind auch als Festmacher beliebt! Beängstigend, wenn ausgerechnet der Nachbarlieger die benutzt (gerade gesehen!)…

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  4. avatar Alexander sagt:

    “Doch wenn der Hafen selbst genug Platz und damit Schmutz bietet, ist „nur“ ein wenig Courage erforderlich.”

    Man muss jedoch höllisch aufpassen, dass in dem ganzen Schmutz der Propeller nicht festkommt.

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  5. avatar Kluchschieter sagt:

    Als mir ist das latte ob da gerade was vergleicbares in der YACHT steht. Ich lese sie nicht.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

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