Ruderbruch: Wie Soldini vor Kapstadt das Ruder wechselt – Rekordversuch mit Maserati-Tri

Jäger der (exotischen) Rekorde

13.000 Seemeilen nonstop von Hongkong nach London – mehr als knapp 42 Tage dürfen sich die sechs Segler an Bord nicht Zeit nehmen. Ruder nach Kollision ausgetauscht!

„Maserati“ jagt wieder Rekorde: Der italienische Hochseeprofi Giovanni Soldini will mit einer fünfköpfigen Crew auf seinem MOD70-Trimaran die schnellste Passage aller Zeiten auf der Tee-Clipper Route zwischen China und Großbritannien schaffen.

Nun ist ist das mit den Geschwindigkeitsrekorden unter Segeln mittlerweile so eine Sache. Denn es gibt die wirklich prestigeträchtigen „Rennstrecken“ wie etwa die Nonstop-Weltumseglung (einhand oder mit Crew), die südliche und nördliche Atlantik-Route oder die „Sprints“ über 24-Stunden. Bei diesen Rekorden haben derzeit meist die Franzosen auf ihren Rennmonstern die Nase weit vorne, gesponsert von finanzpotenten Geldgebern und gefeiert von einer ganzen Nation. Allenfalls bei ihrer „Heimstrecke“ Transpac von Kalifornien nach Hawaii dominieren derzeit die Amerikaner. 

Die etwas anderen Rekordrouten

Doch es gibt noch die „etwas anderen“ Rekorde auf den Weltmeeren. Sie führen über Strecken, die ebenfalls meist einen historischen Bezug aufweisen, jedoch im Laufe der Jahre an geschichtlicher Bedeutung verloren haben. Dazu zählen die Kaffee- und Kakao-Routen von Mittel- und Südamerika nach Europa (und zurück) oder die Tee-Routen von China in die USA, von China nach Europa, die „Goldgräberroute“ von New York nach Kalifornien (rund Kap Hoorn). 

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Wenn es “Maserati” schafft, wäre dies die längste jemals nonstop auf einer MOD70 zurückgelegte Strecke © maserati

Diese Strecken sind größtenteils nicht minder anspruchsvoll (ganz im Gegenteil!), haben jedoch den Nachteil, dass sie zu selten als Rekordspielplatz benutzt werden und somit medial meist drittrangig eingestuft werden. Oder anders betrachtet: Rekordfahrten auf solchen Strecken sind schlecht zu „verkaufen“ und somit zu finanzieren.

Wenn man allerdings wie der Italiener Giovanni Soldini mit dem ausgemusterten MOD70 Trimaran “Maserati” ein zwar schnelles Schiff besitzt, aber keines, das mit der aktuellen 100-Fuß-Generation mithalten kann, muss man sich eben Strecken aussuchen, die für die anderen nicht interessant scheinen.

Neben seiner höchst beachtlichen Karriere als Hochseeregattaskipper während der letzten 20 Jahre sieht sich Soldini durchaus auch als Rekordjäger zur See. So stellte er mit dem Monohull VO-Racer „Maserati“  den Geschwindigkeitsrekord auf der „Goldgräberroute“ auf (mit dem Deutschen Boris Herrmann als Navigator) oder segelte auf der Teeclipper-Route von San Francisco nach Shanghai eine neue Bestzeit. 

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Schön schnell … MOD 70 Maserati © maserati

Soldini sorgte allerdings für Aufsehen, als er den MOD70 Tri vom Gitana Team kaufte. Damit hatten die Franzosen das Zeitalter des Hochsee-Foilings eingeleitet, als sie den ersten stabilen Flug mit einem Offshore-Multihull zeigten.

Der Italiener kündigte groß an, die Foiling-Technik für Rekorde nutzen zu wollen, brach dann aber ein Foil und konnte seinen Sponsor Maserati offenbar nicht überzeugen, für Ersatz zu sorgen. So trat er bei den meisten Rennen in der vergangenen Saison mit nur einem Foil an und sah oft nicht gut aus bei den Duellen mit dem MOD70 “Phaedo”, der ohne Flügel unterwegs ist.

Nun also gab Hauptsponsor „Maserati“ grünes Licht für den Rekordversuch auf der Tee-Route zwischen Hongkong und London, um einen zehn Jahre alten Rekord zu brechen.

Es wird kaum gefoilt

Theoretische 13.000 Seemeilen sind in weniger als 41:21:26 Tagen zu absolvieren – dieser Rekord wurde 2008 vom 100-Fuß-Katamaran Gitana XIII (ehemalige „Innovation Explorer) mit Skipper Lionel Lemanchois aufgestellt. Will Soldini diese Zeit unterbieten, muss ihr Trimaran „Maserati“ vor dem 1. März, 8 Uhr die Ziellinie vor London erreichen (Start in Hongkong war am 18. Januar).

Es wäre das erste Mal, dass ein MOD70-Trimaran so eine lange Strecke nonstop bewältigt. „Diese Mehrrumpfer haben ein unglaubliches Potential,“ sagte Soldini kurz vor dem Start. „Sie können einerseits richtig was aushalten, sind aber eben auch fragil und mitunter zickig!“ orakelte er weiter.  Obwohl Guillaume Verdier, einer der „großen“ französischen Bootsdesigner, den Trimaran „Maserati“ im letzten Jahr mit Foils ausgerüstet hatte, will der italienische Skipper während dieser Rekordfahrt auf „Nummer sicher“ gehen.

Vor dem Start kündigte er an, dass er nur bei allerbesten Bedingungen mit den Foils „abheben“ wolle. Zu schwierig sei damit die Segelei auf Hoher See, zudem hätten Team und Skip nur wenig Zeit für gemeinsames Foil-Training gehabt. „Das größte Risiko für die Foils sind jedoch die unzähligen UFOs, die vor allem im Streckenbereich zwischen Hongkong und Kap der Guten Hoffnung umhertreiben,“ stellte Soldini vor dem Ablegen klar. Und ahnte nicht, wie Recht er mit dieser Einschätzung hatte. 

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DER italienische Hochseeskipper zur Zeit: Giovanni Soldini © maserati

Denn nun raste „Maserati“ mit 20 Knoten Geschwindigkeit gegen eines dieser „Unidentified Floating Objects“, von dem im Nachhinein tatsächlich keiner sagen konnte, ob es sich um einen dicken Ast, einen treibenden Container oder – viel wahrscheinlicher – um einen Wal oder großen Fisch handelte. „Das Ruder ist ein Totalschaden,“ konstatierte Soldini über Facebook kurz nach der Kollision. „Aber die Aufhängung wurde nicht vollständig aus dem Heck gerissen“. 

Basteln unter(m) Hochdruck

Da „Maserati“ ein Ersatzruder mit sich führte, war Bastelarbeit angesagt. Dafür mussten Soldini und Crew zunächst in eine Hochdruckzone abdrehen, um bei relativ ruhiger See die Reparaturen ausführen zu können (siehe Video) . Stunden später meldeten sie Vollzug: “Das neue Ruder arbeitet perfekt und wir hoffen nun, dass das gesamt Rudersystem die Höchstbelastungen bei stärkerem Wind tatsächlich aushalten wird!“ 

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Handwerklich begabte Herren bei ihrer Lieblingsbeschäftigung © maserati

Die „Maserati“ segelt derzeit mit einem Vorsprung von 534 Seemeilen auf ihren virtuellen Gegner „Gitana XIII“ südlich von Madagaskar mit Kurs auf das Kap der Guten Hoffnung. Die Routenplanung sieht interessanterweise vor, dass sich „Maserati“ relativ nah an der afrikanischen Westküste auf mehr oder weniger direktem Kurs Richtung Europa „hangeln“ wird.

Dort ist um diese Jahreszeit zwar mit kernigen Tiefs zu rechnen, die den Trimaran ordentlich anschieben werden. Ein Knackpunkt könnte jedoch, vor allem südlich des Äquators, die häufig wechselnde, vorherrschende Windrichtung werden. Wehen dort eher nördliche Winde, dürfte reichlich Zeit beim Aufkreuzen verloren gehen. 

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Michael Kunst

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