Sailing Conductors: 3.600 sm von Kapstadt nach Rio de Janeiro

Samba Atlântico

Sailing conductors, Atlantiküberquerung, Kapstadt-Rio

Marianne im Passat © sailing Conductors

Passatdümpeln

Passatwinde sollten eigentlich konstant zwischen Windstärke 4 und 5 (11 – 21 Knoten) wehen. Der Traum eines jeden Blauwasserseglers. Gut, zumindest unserer. Dann schaffen wir Maximalgeschwindigkeit, die Selbststeueranlage steuert das Boot problemlos, so dass unser Steuer tage- oder manchmal wochenlang nicht angefasst wird, die Bewegungen des Bootes sind angenehm, das Material wird geschont, du kannst dich zurücklehnen, beobachten, lesen, Kaffeetrinken, Musik hören, entspannt am Laptop arbeiten, kochen, spülen, schlafen, eine Salzwasser-Eimerdusche nehmen und – hatte ich schon beobachten? Dann ist das Leben schön. Und die Meilen purzeln nur so dahin.

Unsere Passatwinde haben jedoch ihren eigenen Willen. Sie liegen bei Windstärke 2 bis 3 (4 – 10 Knoten). Immerhin sind sie stetig, das muss man ihnen lassen und wir kommen einigermaßen schnell voran. Auch wenn die Segel konstant schlackern. Und das ist fast noch schlimmer als gar kein Wind.

Sailing conductors, Atlantiküberquerung, Kapstadt-Rio

Kleine Fluchten © sailing conductors

Dieses ständige „flapp“ und „peng“ und „bumm“ und das Zittern des Riggs. Wir fühlen mit „Marianne“ und jeder Ruck schmerzt auch uns. Aber was sollen wir machen? Segel runternehmen und gar nicht mehr vorankommen? Keine Option. Andere Segler würden wahrscheinlich jetzt den Motor anschmeißen und tagelang Diesel vergeuden. Wir haben viel zu wenig Diesel und müssen außerdem unseren uralten Motor schonen. Auch keine Option. Also, Zähne zusammenbeißen und unter schlackernden Segeln weiter kriechen.

Zwei Wochen geht das so, tagein, tagaus. Dann ist der Wind für 4 Tage komplett weg und wir treiben ohne Segel einfach nur herum. Bei brüllender Hitze. Die kleinste Bewegung und der Schweiß fängt an zu laufen. Und es ist doch nicht mehr weit bis Rio! Noch knapp 1000 Meilen. Man hat fast das Gefühl, man könne die Stadt schon fühlen und riechen. Und dann geht es langsam weiter. Und die Segel schlackern.

Vom Sternen- ins Lichtermeer

Das GPS-Gerät ist ein Fluch, denn man ertappt sich dabei, alle paar Minuten auf das Display zu schauen, um die letzten Meilen bis zum Ziel abzulesen. Als ob die Zahl immer kleiner wird, je öfter man darauf schaut. Und plötzlich zieht uns Rio wie ein Magnet an. Wind kommt auf.

Orcas schauten auch mal schnell vorbei © sailing conductors

Wir werden immer schneller und fangen fast wieder an, unsere alten Rekorde zu brechen. Und dann sehen wir morgens zum ersten Mal Land. Ein gutes Gefühl. Und auf einmal sind da wieder so viele Schiffe. Überall. Und Öl-Bohrinseln. Nachts sind wir umringt von einem riesigen und hellen Lichtermeer, fast wie eine schwimmende Stadt. Und Schiffe funken uns an, weil wir im Weg sind. Wie seltsam ist dieses Gefühl wieder mit fremden Leuten zu reden! Ich bin total aufgeregt.

Wir segeln so schnell, dass wir mitten in der Nacht vor der Hafeneinfahrt stehen. Und da unser Motor wieder den Geist aufgegeben hat und wir lieber nicht blind durch das Gewusel von Tankern und Pilotbooten segeln wollen, lassen wir uns bis zum Morgengrauen treiben. Und dann ist der Wind 3 sm vor dem Yachthafen tot.

Sechs Stunden versuchen wir irgendwie voranzukommen, aber keine Chance. Die Strömung ist stärker und wir sind am Ende. Was ist eigentlich los mit diesem Wetter? Ist es die globale Erwärmung? Liegt es an uns? Oder was?

Sailing conductors, Atlantiküberquerung, Kapstadt-Rio

Kontakt mit der Heimat, aber keiner will einen Kasten Bier über Bord werfen! © sailing conductors

Wir wollen abgeschleppt werden, versuchen zu funken, aber die Marina meldet sich nicht. Ich rufe mit unserem Satellitentelefon an, aber leider bietet der Yachtclub keinen Abschleppservice an.

In den Hafen rasen

Also warten. Irgendwann sehen wir ein kleines Boot, das Menschen von einem Tanker abholt. Hannes ist an der Funke, ich stehe an Deck und winke wie ein Verrückter.

Das Boot kommt langsam näher und nach wenigen Minuten haben wir die Burschen überredet – ich werfe ein Seil rüber.

Sailing conductors, Atlantiküberquerung, Kapstadt-Rio

Im Schlepp in den Hafen © sailing conductors

Überglücklich, aber hochkonzentriert versuche ich unsere Marianne hinter dem Motorboot möglichst gerade zu halten, damit das Seil nicht reißt, denn der gute Mann am Steuer gibt nun richtig Gas. Unser Heck ist fast komplett im Wasser. So schnell waren wir wohl noch nie unterwegs, aber jetzt ist alles egal, wir sind gleich da!

Die ersten Schritte an Land fühlen sich komisch an und ich spüre schon jetzt den Muskelkater in den Waden, der mich übermorgen erwarten wird. Aber auch das ist egal. Marianne ist sicher am Steg festgemacht, Hannes und ich liegen uns in den Armen und es gibt jetzt nur noch einen Gedanken: Wo gibt’s das nächste Bier?

Website Sailing Conductors

Sailing conductors, Atlantiküberquerung, Kapstadt-Rio

Angekommen © Sailing conductors

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