Umwelt: Kein Kraut gewachsen gegen Wasserpest – NRW-Segler verlassen Seen

"Schreckliches Heulen und Zähneklappern"

Die Seen an der Ruhr in Nordrhein-Westfalen wie der Baldeneysee sind durch die Wasserpest kaum noch befahrbar. Regatten werden abgesagt, Segler verlassen den See.

Varianta auf dem grünen Teppich des Harkortsees. © Ruhrverband

Varianta auf dem grünen Teppich des Harkortsees. © Ruhrverband

“Mein Revier der Baldeneysee wächst mit der Wasserpest zu!” schreibt SR-Leser Stephan Kern. “Segeln ist fast unmöglich geworden! Die meisten Segler meines Vereins SGB kommen nicht mehr aus der Box, Regatten wurden abgesagt, allein in unserem Club bis her 3! Der zuständige Ruhrverband unternimmt nichts!”

Es ist ein Hilferuf, der auf die Situation vieler Segler in Nordhrein-Westfalen aufmerksam macht. Fast alle Seen an der Ruhr, acht Talsperren und sieben Stauseen, haben mit zunehmender Verkrautung zu kämpfen. Algen schwimmen an der Wasseroberfläche und der Teppich ist von Segelbooten kaum noch zu durchdringen.

Am Harkortsee, Hengsteysee und Kemnader See ist das Problem schon länger so präsent, dass der Wassersport kaum noch möglich ist. Nun wird es auch am Baldeneysee in Essen, an dem gleich 19 Segelvereine ansässig sind,  immer extremer. Ein fast undurchdringliches Dickicht liegt vor den Liegeplätzen des Sees, der bisher nicht so extrem betroffen war.

Der Ruhrverband beobachtet in diesem Jahr in den Stauseen an der unteren Ruhr ein ungewöhnlich frühes Wachstum der Wasserpflanzen. Vor allem im Baldeneysee reichen die Pflanzenbestände in den Flachwasserbereichen am Südufer bereits im Mai bis an die Wasseroberfläche oder knapp darunter.

Außerdem haben Gewässerökologen festgestellt, dass auch in einigen tieferen Seebereichen Wasserpflanzen wachsen, die im Laufe des Sommers
zusätzlich die Wasseroberfläche erreichen.

Der Ruhrverband vermeldet: “Aufgrund der bisherigen Erkenntnisse ist davon auszugehen, dass in den kommenden Sommermonaten weite Bereiche aller Ruhrstauseen
zumindest abschnittsweise durch massives Wasserpflanzenaufkommen für die sportliche Nutzung nur eingeschränkt zur Verfügung stehen werden. Die Erfahrung der letzten Jahre
zeigt, dass eine dauerhafte Bekämpfung der Wasserpflanzenausbreitung durch den Einsatz von Mähbooten unmöglich ist.”

Das hört sich nach einer Kapitualtion des Verbandes an. Und folgerichtig wenden sich immer mehr Segler von ihrem Revier ab und suchen nach Alternativen.

Den Hoffnung hört sich anders an als dieses Statement des Ruhrverbandes: “Bisher konnte weder im Zuge eines mehrjährigen Forschungsprojekts noch durch
entsprechende Ideenwettbewerbe ein probates Mittel gegen das Wachstum der Wasserpflanzen gefunden werden. Der Ruhrverband sucht trotzdem weiter nach praktikablen Lösungen und setzt zusätzlich auf die Eigeninitiative der ansässigen Wassersportvereine.”

Gefährlicher Zwischenfall

2015 Jahr ist es am Harkortsee sogar zu einem gefährlichen Zwischenfall gekommen, als ein Vater mit seiner Tochter wegen der Wasserpest nach einer Kenterung weder das Boot aufrichten, noch an Land schwimmen konnte.

Die Wasserpest auf dem Baldeneysee. © Ruhrverband

Die Wasserpest auf dem Baldeneysee. © Ruhrverband

Die Ursache für die Ausbreitung der Wasserpflanze Elodea ist eigentlich positiv zu werten. Denn sie ist ein Zeichen für die besser gewordene Wasserqualittät. Das Anfang des 20. Jahrhunderts aus Nordamerika eingeschleppte Kraut findet seinen idealen Nährboden auf sandigem Untergrund in langsam fließenden Gewässern.

Ihr massiver Wuchs ist Zeichen für die Klarheit des Wassers, denn ohne Licht würde sie kaum wachsen. Sie nimmt dem Wasser CO2 und gibt Sauerstoff ab. Selbst im Winter, wenn die Pflanzen braun werden, besteht keine Gefahr, dass der See umkippt.

Ruhrverband im Fokus

Beim Ruhrverband freut man sich: “Vor allem durch den Ausbau der Kläranlagen im Ruhr-Einzugsgebiet konnte z. B. die Phosphorfracht auf ein Zehntel des Wertes der 1980er-Jahre gesenkt werden. Hierdurch ging die Dichte des Phytoplanktons zurück und Licht kann nun bis zum Gewässergrund dringen, wodurch ein Wachstum von Wasserpflanzen erst ermöglicht wird.”

Wasserpest

Gefangen von den grünen Pflanzen. © Ruhrverband

Das ist wohl auch der Grund, warum es der Ruhrverband nicht besonders eilig hat, Gegenmaßnahmen einzuleiten. Er weist auch darauf hin, dass “ein völliges Freihalten der Ruhrstauseen zur Freizeitnutzung nicht mit dem gesetzlichen Auftrag des Ruhrverbands in Einklang zu bringen ist”.

Allerdings bemühe man sich “durch Mähen der Bestände und ähnliche mechanische Maßnahmen zumindest zeitweise und lokal die Wassersportnutzung zu ermöglichen.” Ziel sei es, “die Passagen zwischen den Liegeplätzen und den noch nicht verkrauteten Bereichen der Flussstauseen freizuhalten oder aber Wettkämpfe durch Freischneiden der Regattastrecken zu ermöglichen”.

Fische sollen Elodea fressen

Auch seien Rotfeder-Fische in den See gelassen worden, denen Elodea schmeckt. Ein messbares Resultat hat diese Maßnahme aber offenbar noch nicht ergeben. Auch Versuche, Ketten mit schwerem Gerät über den Grund zu ziehen, um Pflanzen auszureißen, waren nicht erfolgreich.

Mähboote werden der Pest nicht Herr © ruhrverband

Mähboote werden der Pest nicht Herr © ruhrverband

Den Seglern bleibt nur die Hoffnung, dass die Probleme mit der Wasserpest eine größere Öffentlichkeit erreichen, um Aufmerksamkeit zu schaffen. Aber die aktuelle Saison scheint schon verloren zu sein. Besserung ist nicht in Sicht.

So mag bald das Szenario eintreten, das der Dichter Hermann Löns schon 1910 wortgewandt beschrieb, nachdem er die Kanadische Wasserpest erlebt hatte: „Es erhub sich überall ein schreckliches Heulen und Zähneklappern, denn der Tag schien nicht mehr fern, da alle Binnengewässer Europas bis zum Rande mit dem Kraute gefüllt waren, so dass kein Schiff mehr fahren, kein Mensch mehr baden, keine Ente mehr gründeln und kein Fisch mehr schwimmen konnte.“

 

 

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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9 Kommentare zu „Umwelt: Kein Kraut gewachsen gegen Wasserpest – NRW-Segler verlassen Seen“

  1. avatar Seitz sagt:

    Es ist dramatisch, das stimmt.
    Aber die Situation am Baldeneysee muß differenziert betrachtet werden. Die Vereine im tieferen Wasser (Nähe Staumauer) sind (noch) nicht betroffen und hier können auch Regatten ausgetragen werden. Letztes Wochenende haben hier noch 50 Boote um Pokale gekämpft.
    Wir Wassersportler müssen jetzt gemeinsam aktiv werden, damit etwas geschieht und in Zukunf wieder der gesamte See genutzt werden kann.

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    • avatar Maximilian sagt:

      Volkommen Ihrer Meinung. Jetzt heißt es gemeinsam aktiv zu werden.
      Ich war letzte Woche selbst dabei, und die Situation erreicht langsam schon bedenkliche ausmaße. Ein komplettes befahren des Sees war undenkbar.

      Der Ruhrverband und die Wassersportler sollten hier gemeinsam nach einer Lösung suchen, es wäre zu Schade wenn man den Baldeneysee mehr oder weniger ohne Gegenwehr für den Wassersport aufgeben würde.

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  2. avatar Bernd Krieger sagt:

    Der Segelclub Hattingen hat sich als Reaktion auf die Wasserpflanzen 2 Langkieler als Vereinsboote zugelegt. Damit kann man problemlos durchs Kraut segeln. Dadurch sind ganzjährig Ausbildung und Segelbetrieb möglich. Durch dieses Angebot konnte sogar eine leichte Steigerung der Mitgliederzahlen erreicht werden.
    Trotzdem wird es Zeit, dass der Kemnader See ausgebaggert wird.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 1 Daumen runter 11

  3. avatar Thomas Mai sagt:

    Wir haben am Baldeneysee die IG Baldeney. Darin sind alle Wassersportvereine ( Rudern, Kanu, Surfen, Segeln u.a.) vertreten. Die IG Baldeney ist alarmiert und bereits hochaktiv.. Nächste Woche ist ein Treffen mit dem Ruhrverband. Die Politik wird angesprochen usw. Es werden zur Zeit auch Versuche am See mit bisher noch nicht ausprobierten Methoden durchgeführt die Wasserpest zu entfernen bzw. einzudämmen.

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  4. Auch den Ruhrverband betrübt die Situation der Wassersportler an den Ruhrstauseen außerordentlich. Daher befasst er sich mit dem Wasserpflanzenbewuchs der Ruhrstauseen schon seit vielen Jahren sehr intensiv. Wir haben ein Forschungsvorhaben realisiert, Ideenwettbewerbe ausgeschrieben und unterschiedliche Methoden zur Beseitigung der Wasserpflanzen getestet. Seit mehreren Jahren besetzen wir zudem die Ruhrstauseen mit Rotfedern (Fische), die durch Fraßtätigkeit die Wasserpflanzenbestände reduzieren sollen.
    Leider gibt es gegen dieses Naturphänomen bisher keine probate, aus ökologischer Sicht vertretbare und legal einsetzbare Methode.
    Die Hauptbecken der Talsperren des Ruhrverbands im Sauerland sind aufgrund ihrer Tiefe übrigens nicht vom massenhaften Pflanzenwachstum betroffen und können problemlos besegelt werden.
    Weitere Informationen zur Elodeaproblematik und den Bericht zum Forschungsvorhaben unter: http://www.ruhrverband.de/wissen/forschung-entwicklung/elodea/

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    • Ja im Sauerland … das nützt unseren Kindern, die mit dem Fahrrad zum Jugendtraining kommen, leider herzlich wenig. Mir ist auch rätselhaft, was mit “Der Ruhrverband […] setzt zusätzlich auf die Eigeninitiative der ansässigen Wassersportvereine.” gemeint ist. Wie bitte soll die aussehen? Bei der nächsten Ausbaggerung stehen wir jedenfalls alle mit dem Spanten in der Hand bereit – versprochen!

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  5. avatar Frank Hapke sagt:

    Ich finde es ausgesprochen enttäuschend, dass wieder einmal viel diskutiert wird (und dies schon seit 2 Jahren), offizielle Pressemitteilungen der Verantwortlichen verfasst, aber nicht einmal im Ansatz brauchbare Vorschläge oder gar “Lösungsansätze” vorgeschlagen werden, das Problem in den Griff zu bekommen.
    Offensichtlich würde dauerhaft nur das teilweise Ablassen des Wassers (Wasserspiegelsenkung um 1,5m – 2m) und ein Ausbaggern des Schlammes in den Flachwasserbereichen z..B. in den Wintermonaten helfen.
    Im vergangenen Jahr (2015) war Segeln zumindest bis Ende Juni möglich, In diesem Jahr war kamen die Algen hinzu und Ende Mai war endgültig Schluss.
    Schätzungsweise über 90% aller Wassersportler wollen in 2017 ihre Segelboote gar nicht erst einkranen.-

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  6. avatar G. Luhmann sagt:

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    als Wassersportler sehe ich mit vielen Sportkameradinnen und Kameraden das Wachstum der Wasserpflanzen im Baldeneysee mit großer Betrübnis und Sorge. Die gute Wasserqualität ist keine Entschädigung für den Verlust eines Freizeitareals von vielen tausend Menschen. Sicher hat sich die Qualität des Wassers durch Inbetriebnahme des Klärwerkes in Kupferdreh sehr verbessert, doch wem nutzt dies?
    Doch viel gravierender ist für mich ein Aspekt, den ich im vergangene Jahr miterlebt habe. Mehrere Kinder waren mit Kanus unterwegs. Zwei Kanus kenterten. Die Kinder waren nicht in der Lage in den Wasserpflanzen zu schwimmen. Sie hielten sich nach vergeblichen Versuchen wieder in das Boot zu steigen am Boot fest, bis nach längerer Zeit ein Segler zur Hilfe kam. Ich hatte gerade überlegt, die DLRG oder die Feuerwehr zur Rettung zu rufen. Andere Besucher am Seeufer hatten den Ernst der Lage auch nicht erkannt, weil die Kinder zunächst viel Spaß im Wasser hatten, bis dann die Kräfte nachließen.
    Ist eigentlich sichergestellt, dass die Boote der Rettungskräfte sich nicht im Pflanzenwuchs festfahren? Als Sicherheitsingenieur sehe ich eine erhebliche Gefahr für Wassersportler, die ohne Schwimmhilfe in den See fallen. Leistungssportler im Kanu, Ruder oder Segelbereich werden oft von kleinen Booten begleitet, die wahrscheinlich auch nicht geeignet sind im dichten Pflanzenbereich zu fahren. Im jetzigen Zustand des Sees macht das Training wahrscheinlich auch keinen Sinn. Ein Training mit Schwimmhilfe ist so auch nicht möglich.
    Über acht Jahrzehnte hat uns das trübe Wasser des Baldeneysees viel Freude bereitet. Der grüne See ist wahrlich keine Augenweide.
    Ich hoffe nur, dass wir nicht irgendwann ein Opfer durch Ertrinken zu beklagen haben.
    Lassen Sie sich durch diese Mail gewarnt sein!

    Mit freundlichen Grüßen
    Gerhard Luhmann

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  7. Wie wäre es denn, das Thema „Graskarpfen“ wieder aufzugreifen? Die Viecher gehören ebenso wie die Elodea
    nicht in unsere heimischen Gewässer, haben aber einen erstaunlichen Wirkungsgrad und sind als Manöver des
    letzten Augenblicks nahezu „alternativlos“.

    Der Preis liegt z.Zt. bei ca. € 2,-. Die erforderliche große Stückzahl mindert den Preis. Wahrscheinlich ist die
    Beschaffung nur in mehren Teillieferungen möglich.

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