49er, Nacra17 EM: Tina Lutz und Susann Beucke holen den EM Titel – brutales Starkwind-Finale

Europameister!

Tina Lutz und Susann Beucke haben den Start ihrer Olympia-Kampagne direkt mit einem Paukenschlag eröffnet. Am brutalen Medalrace-Tag siegten sie überlegen, aber der Grund für den Titel ist ein anderer.

Lutz beucke, europameister

Die neuen Europameister im 49erFX Tina Lutz (r.) und Susann Beucke. © sailing energy

Es noch nicht lange her, dass Tina Lutz und Susann Beucke angekündigt haben, eine dritte Olympiakampagne zu starten. Es dauerte seine Zeit, bis sie die Enttäuschung verarbeitet hatten, nach London 2012 im 470er auch in der neuen Olympiaklasse 49er FX  für Rio 2016 zum zweiten Mal die Qualifikation denkbar knapp verpasst hatten. Aber nun haben sie bei den Heimspielen in Kiel geradezu meisterhaft gezeigt, dass sie wieder voll da sind.

Während ihre Gegnerinnen Victoria Jurczok und Anika Lorenz in Rio als Fünfte knapp die mögliche Medaille verpassten und ohne lange Pause in den nächsten Olymia-Zyklus starteten, hatte sich für Lutz/Beucke ein großer Trainingsrückstand angesammelt, der kurz vor der Heim-EM kaum aufholbar schien. Die Erwartungshaltung hielt sich in Grenzen. Aber nun hat das Duo aus Bayern und Niedersachsen gezeigt, wie gut es sich ohne Druck segeln lässt.

Die Liv-Übertragung des dramatischen 49erFX-Finals:

An einem brutalen Medal-Race-Tag waren sie eines der wenigen Teams, das ohne Kenterungen über den Parcours kam aber auch taktisch, technisch die Bedingungen am besten beherrschte. Sie dominierten die beiden Kurzrennen und hielten auch die beiden dänischen Teams, die bei Starkwind zu den besten der Welt gehören, locker in Schach.

Während die Gegnerinnen noch überlegt, ob der Gennaker überhaupt zu ziehen ist, und überwiegend darauf verzichteten, rissen sie die Tüte auch in Führung liegend hoch. Da gab es kein abzuwägen, rechnen nund taktieren, einfach abheben und Spaß haben. Am Ende stand fast folgerichtig der verdiente Titelgewinn.

Jurczok/Lorenz

Jurczok/Lorenz haben die Führung übernommen. © sailing energy

Dabei sind die Siege am Starkwind-Tag vielleicht nicht einmal ihre größte Leistung. Wenn Druck in der Luft ist, gehört die ehemalige Optimist-Weltmeisterin Tina Lutz mit ihrer starken Vorschoterin seit Jahren zu den besten der Welt. Vielmehr jubelte Susann Beucke am letzten Tag der Qualifikation über die Serie 1/1/2 bei schwierigen, drehenden Leichtwind-Bedingungen.

In den vergangenen Jahren hat das Duo diesen Wind nie richtig in den Griff bekommen und gerade dabei den deutschen Leichtgewichten Jurczok/Lorenz das Feld überlassen müssen. Nun scheinen sie diese Schwäche geknackt zu haben und gehen besonders motiviert in die nächste Kampagne.

Genugtuung und Revanche

Es wird ihnen eine Genugtuung gewesen sein, dass die Revanche gerade gegenüber den Berlinerinnen geglückt ist. Die waren schließlich mit einem soliden fünf Punkte Vorsprung in den letzten Tag gegangen. Zwar mag der Starkwind mag den Olympia-Fünften auf den ersten Blick nicht gerade in die Karten gespielt haben angesichts ihres geringen Crewgewichts, aber der Schein täuscht.

Bei hohen Windgewschwindigkeiten, wenn alle Teams den Druck aus den Segeln lassen müssen, ist das Gewicht nicht mehr so wichtig. Es kommt auf die Bootsbeherrschung an, und da sind Jurczok/Lorenz seit einigen Jahren immer ganz vorne mit dabei.

Diesmal aber reichte es nicht. Schon auf der Startkreuz des ersten Rennens wurden sie nach einer Wende geradezu umgeweht und emussten sich hinten einreihen. Vor dem zweiten Lauf lagen beide Teams dann fast gleichauf, und nach einem starken Pinend-Start schienen Jurczok/Lorenz das Kommando übernehmen zu können. Aber die Kontrahentinnen konnten sich in der Luvposition halten und die Wende blockieren.

Blockposition im zweiten Medalrace. Jurczok/Lorenz (grün) können nicht zum Luvtor wenden, weil Lutz/Beucke den Weg versperren.

Beide deutschen Boote kamen auf den ersten beiden Plätzen am Luvtor an, und es schien sich ein dramatisches Duell anzubahnen. Aber auf der zweiten Kreuz kentern die Olympioniken aus Berlin erneut und fielen weit zurück.

Damit haben sie knapp den Silberrang verlore und Bronze gewonnen. Denn der Wind nahm so stark zu, dass kein weiteres Rennen gestartet wurde und auch die geplanten 49er Finals ausfielen.

Ein drittes Rennen hätten auch Lutz/Beucke nach zwei hervorragenden Siegen nicht mehr segeln wollen. „Wir sind überrascht und überglücklich“, strahlen sie beiden, und Susann Beucke kann es noch gar nicht richtig glauben, dass sie sich nun Europameister nennen dürfen. „Es hackt aus allen Rohren“, hatte ihnen ihr Trainer gesagt. „Schlimmer als zur Kieler Woche kann es nicht sein“, hatten sie sich daraufhin überlegt. Sie segelten vorne weg, hatten keinen Vergleich zu der Konkurrenz. Tina Lutz gab die Strategie aus: Jeder kentert heute. Wenn wir vorne liegen, haben wie mehr Zeit zum Aufrichten. „Das hat den Druck rausgenommen“, erklärt Susann Beucke.

Zwei Ergebnislisten, mit unterschiedlichen Aussagen. Silber oder Bronze für Jurczok/Lorenz

Es ist eine ganz starke Leistung für die deutsche Frauen-Flotte. Und trotz der Krise beim Deutschen Segler-Verband und Probleme bei der Olympia-Kampagnen-Finanzierung scheint sich in dieser Klasse erneut eine erstaunliche Leistungsstärke zu entwickeln. Denn auch die jungen Görge-Schwestern haben mit Rang 14 gezeigt, dass sie deutliche Fortschritte auf dem Weg in die Weltspitze machen.

Auch bei den 49er Männern lief es prächtig mit dem siebten Platz von Meggendorfer/Spranger, auch wenn die Medalraces nicht gesegelt werden konnten. „Wir haben alles erreicht, was wir uns vorgenommen haben“, sagen die Nachwuchssegler vom Bayerischen Yacht Club. „Unser Ziel war es, ins Goldfleet zu kommen. Als wir als 16. drin waren, konnten wir ganz entspannt segeln, weil wir schon erreicht hatten, was wir wollten“.

Den EM-Titel holten sich Dylan Fletcher-Scott/ Stuart Bithell (Großbritannien) vor David Gilmour/ Joel Turner (Australien) und James Peters/ Fynn Sterritt (Großbritannien). Tim Fischer/ Fabian Graf (Hamburg) landeten auf dem 19. Platz, Justus Schmidt/Max Boehme (Kiel) auf dem 25., Nils Carstensen/ Jan Frigge (Flensburg) auf dem 35., Max Stingele/ Linov Scheel (Kiel) auf dem 65., Jasper Steffen/ Tom Lennart (Schwedeneck) auf dem 72., Adrien-Paul Farien/ Mirco Klösel (Kiel) auf dem 78., Leon Severens/ Lukas Hesse (Württembergische Yacht-Club) auf dem 84., Bennet Steffens/ Moritz Block (Schwedeneck), 85. und Johannes Neumann/ Til Fernholz (Rahnsdorf) auf dem 87.

Alle Ergebnisse und weitere Informationen finden Sie unter:
Ergebnisse 49er und Nacra17

Full Foiler Nacra 17 (3 Medal Races):

Zehn Minuten, die den Seglern alles abfordern. Drei Rennen, dazwischen kaum Zeit, um sich zu erholen, und dann in kurzer Zeit alles geben beim Kampf um die Medaillen, wenn das Adrenalin durch die Adern pumpt. Das erste große Event im neuen Olympiazyklus war auch die erste Regatta für die Full Foiling Nacra17. Sie hat gezeigt, woran noch gearbeitet werden, was beim Bootshandling verbessert werden muss, und wer mit den neuen oder umgebauten Nacra17 am besten zurechtkommt.

Ruggero Tita/Caterina Banti (Italien) bewiesen, dass sie ihre Segeltaktik gut adaptiert haben. „Wir hatten einen schlechten Start im letzten Rennen, aber vorher gute drei Tage und sind froh, dass es gereicht hat“, freuen sich die neuen und ersten Europameister im Full Foiling Nacra17.

„Es war sehr viel Wind und harte Bedingungen. In der Welle zu foilen, war schwierig“, erklärt Caterina Banti. Von Rennen zu Rennen haben sie immer weiter dazugelernt, vor allem bei leichtem mit Gennaker am Wind zu segeln, bedeutete für sie eine große Umstellung. „Es ist ein tolles Boot, und wir entdecken es jeden Tag neu.“  Der Steuermann Ruggero Tita sagt: „Ich bin vom 49er umgestiegen, um zu foilen. Das ist die Zukunft.“

Paul Kohlhoff/Alica Stuhlemmer (Kiel) gaben den neunten Platz nicht mehr ab. Jan Hauke Erichsen/Ann Kristin Wedemeyer (Flensburg) schlossen die EM auf dem 18. Rang ab.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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