America’s Cup: Land Rover BAR ausgeschieden gegen Kiwis – Match war enger, als erwartet

Plötzlich gleichschnell

Land Rover BAR Team ist bei den America’s Cup Playoffs als erstes Team ausgeschieden. Neuseeland gewann 5:2. Aber Ben Ainslie wäre fast eine Überraschung geglückt.

Eigentlich war das Land Rover BAR Team längst am Ende. Diese Niederlage zum 1:4 musste Ben Ainslie und seinen Mannen den Rest geben. Brutaler kann man kaum verlieren.

Die Gegner fuhren am Start nicht mal richtig los. Neuseeland hatten ein technisches Problem mit der Backbord-Tragfläche, die sich plötzlich anhob. Waren das noch die Nachwirkungen der Kenterung? Hat sich das Salzwasser einen Weg in ein nicht gechecktes Elektronik-Teil gebahnt? Kiwi-Fans musste das Herz stehen bleiben. Ainslie war schon fast an der ersten Tonne als Burling die Startlinie kreuzte. Das sollte er sein, der zweite Punkt für England.

Das entscheidende Überholmanöver der Kiwis auf der zweiten Kreuz durch extreme Speed-Differenz.

Er war es nicht. Die Neuseeländer kamen auf dem Kurs immer näher, ohne erkennbare große Fehler bei den Briten. Ihr Speed reichte einfach nicht aus. So dramatische Unterschiede waren bisher kaum in den Herausforderer Duellen zu sehen. Bei 16 Knoten Wind war es dann auf der letzten Kreuz so weit. Ainslie konnte die Speed-Differenz von teilweise 9 Knoten nicht verteidigen. Die Unterlegenheit sah schrecklich aus. Klar, dass im nächsten Rennen das verdiente Aus für die Briten erfolgen musste.

Aber einen Ainslie sollte man nicht zu früh abschreiben. Wieder behauptet er einen Vorteil am Start und Burling hält sich geschickt zurück. Warum soll er diesem Typen beim Start nahe kommen? Der hat nichts zu verlieren und kann nur mit einem aggressiven Start punkten. Auch vor Kollisionen wird er nicht zurückschrecken. Diesen Ruf hat er sich längst erarbeitet. Für Burling heißt die Strategie wie bei dieser gesamten Duell-Serie gegen die Briten: Bloß kein Risiko eingehen und dann auf den Speed setzen.

Plötzlich gleichschnell

Dafür überlässt er ihm ohne große Gegenwehr die Innenseite der Startlinie. Nahezu gleichzeitig rasen die Kontrahenten los. Jeden Moment müssen die Kiwis in Luv drüber rasen. Aber das passiert nicht. Irgendetwas haben sie mit ihrem Trimm gemacht, an irgendeinem Schräubchen gedreht. Plötzlich sind sie gleichschnell.

Ainslie liegt beim 2. Start vorne aber Burling ist schneller…

Highspeed-Duell auf Augenhöhe. Die Kiwis kommen nicht in Luv vorbei. © ACEA 2017 / Photo Gilles Martin-Raget

Bord an Bord rasen die Teams auf die erste Tonne zu, aber Ainslie bleibt innen.

Und es kommt noch besser für das Land Rover Team. Es hält den kleinen Vorsprung, segelt die Windschwankungen optimal aus und feiert einen nicht mehr für möglich gehaltenen Sieg.

Kaum Unterschiede im zweiten Duell des Tages. Neuseeland verliert sogar bei den ersten Wenden.

Es keimt wieder Hoffnung auf im britischen Lager. Nun sollten die Kiwis auch ein wenig Druck verspüren. Sie müssen endlich mal den Matchball versenken. Offenbar reicht es nicht mehr aus, Ainslie den Start zu überlassen.

So kommt im siebten Rennen noch einmal eine Spannung auf, die niemand erwartet hätte. Aber fast genauso plötzlich hat es sich damit auch schon wieder erledigt. Der Start, bei dem der Brite noch mal so richtig punkten, seine gesamte Erfahrung in solchen Momenten ausspielen und den kleinen Kiwi-Jungspund so richtig an den Hammelbeinen ziehen könnte, dieser Start geht völlig daneben.

Ainslies letzter Start geht völlig daneben.

Das Timing zur Startlinie passt nicht. Die Briten sind viel zu spät dran und liegen am Start gut drei Längen zurück. So einen Fehler hat sich der Meister bisher gar nicht zuschulden kommen lassen. Was ist passiert?

“Probleme mit den Knöpfen”

Die Kommunikation auf dem ersten Vorwindkurs lässt vermuten, dass die Navigationsanzeige ausgefallen ist. Es gebe Probleme mit den “Knöpfen”. Taktiker Giles Scott konnte sich nicht mehr darauf verlassen, dass sein Bildschirm die richtigen Anliegelinien zum Tor anzeigt, und so etwas wäre auch eine Erklärung für den Desaster-Start. Die Teams verfügen über Software, die ihnen Speed und Zeit zur Linie vorgibt. Wenn sie ausfällt, segeln die Steuerleute im Vergleich zur Konkurrenz blind.

Ainslie selber geht nicht darauf ein. Es würde sich wohl zu sehr als Ausrede anhören. Das ist nicht seine Art. Und es wäre auch eine große Überraschung gewesen, wenn er dem Speed der Neuseeländer tatsächlich etwas entgegenzusetzen gehabt hätte. Verdient wäre ein Sieg nicht gewesen.

So gibt sich der Brite in den Interviews danach geschickt als Underdog und Newcomer, der als neues Team viel geleistet hat. Dabei verschweigt er, dass sein Syndikat mit über 100 Millionen Euro im Vergleich zu den unterfinanzierten Neuseeländern ein deutlich höheres Budget – verschiedenen Schätzungen zufolge das Doppelte – zur Verfügung hat.

Kiwi Chefdesigner gekauft

Ainslie merkt auch an, dass sie ein neues Team seien, und deshalb nicht viel erwarten konnten. Und das mag auch eine Rolle spielen, weil vor dreieinhalb Jahren, als sich das Syndikat gründete, einige der hellsten Köpfe der Yacht-Design-Szene schon bei den etablierten Teams unter Vertrag standen.

Den spät ins Geschehen eingreifenden Japanern wird es nur mit viel Geld gelungen sein, den Neuseeländern ihren Chef-Designer Nick Holroyd wegzukaufen. Das ist für sie auch kein so ein großes Problem, wenn hinter dem Team Masayoshi Son steckt, der reichste Japaner mit einem Privatvermögen von über 20 Milliarden Dollar.

Aber es war schon erschreckend, wie langsam die Briten waren, als sie spät nach Bermuda kamen. Ainslie hatte schon im SR-Interview 2016 erklärt, dass es gute Gründe gäbe, lange in England zu bleiben, aber die waren nicht sportlicher Natur. Im Nachhinein mag es ein Fehler gewesen sein, als Neuling das eigene Design ohne Vergleichsboote entwickeln zu wollen.

Mit Vollgas weiter

Ainslie räumt nun ein, es habe einige Fehler gegeben. “Es gab verschiedene Gründe für den fehlenden Speed.” Aber er lässt sich nicht zu Schuldzuweisungen hinreißen. Alle haben tief gegraben, um uns immer mehr wettbewerbsfähig zu machen.”

Nun wolle man mit Vollgas weitermachen für den nächsten America’s Cup. Land Rover hat schon für die nächste Periode zugesagt und auch das Geld von 11th Hour, die Umwelt-Stiftung der Schmidt Familie soll wieder fließen. Selbst wenn die Neuseeländer gewinnen und wieder zu Einrümpfern zurückkehren sollten – was er für Quatsch hält – sei man gut aufgestellt für eine erneute Herausforderung.

Wenn das Team zusammen bleibt kann es beim nächsten Mal sicher weiter oben mitspielen. Denn Ainslie hat schon recht. Land Rover BAR hat sich am schnellsten entwickelt von den Herausforderern. Es hat aber auch auf einer so tiefen Stufe angefangen, wie es zuvor so nicht für möglich gehalten worden war.

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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