Mark Trap: Neues Video vom Finn Dinghy Duell – Falle gestellt an der Leetonne

Ausgebremst

Es ist wieder Olympia-Jahr. Und das merkt man beim Segeln immer dann, wenn sich Spitzensegler aus dem gleichen Land behaken. Bei der Finn Dinghy EM duellierten sich die Amerikaner bis aufs Messer.

Finn Dinghy

Zach Railey (USA 4) hat eine Falle am Leetor gestellt und lässt den Gegner nicht runden. © Robert Deaves

Gut vier Jahre ist es her, dass die Olympia-Qualifikation zwischen Kadelbach/Ziegelmayer und Lutz/Beucke bei den 470er Frauen für jede Menge Zündstoff sorgte. Die Berlinerinnen blockierten ihrer Gegnerinnen nach allen Regeln der Match Race Kunst, und holten sich auf diesem Weg die Olympia-Fahrkarte.

Der Fall sorgte für viel Empörung und landete später sogar vor Gericht. Aber das Ergebnis blieb bestehen. Einige hielten das von den Regeln sanktionierte Verhalten für unsportlich. Und für die neuerlicher Ausschiedung 2016 versuchte das 49er FX Frauen Team sogar, solch Gebaren durch einen so genannten freiwilligen Fairness Pakt zu unterbinden.

Finn Dinghy

Caleb Paine gewinnt den dramatischen US-Zweikampf um die Rio Fahrkarte. © Robert Deaves

Denn auf die Hilfe der Regeln dürfen sie für solche Fälle nicht hoffen. Die Regeln schließen hart geführte Zweikämpfe im Fleet-Race nicht aus. Es gab immer mal wieder Bestrebungen, den Fairness Paragrafen anzuwenden. Aber die internationalen Regel-Hüter haben keine generellen Probleme damit, wenn sich Szenarien ergeben, bei denen ein Boot ein anderes blockiert, um es zu einer schlechteren Platzierung zu zwingen.

Zum Ende einer wichtigen Serie gibt es solche Ausbrems-Versuche immer wieder. Und sie gehören zu den medialen Leckerbissen im internationalen Segelsport. Olympia-Qualifikationen sind dafür prädestiniert, weil eben nur ein Boot pro Nation das Land vertreten darf.

Showdown bei den Amis

So ist es nun auch wieder bei amerikanischen Olympia-Qualifikation der Finn-Dinghy-Segler zu dem seltenen Showdown gekommen. Bei der Europameisterschaft in Barcelona gingen Zach Railey und Caleb Paine aufeinander los, weil bei der Regatta die finale Entscheidung für das Rio-Ticket fallen sollte.

Der erfahrene Railey (31), der schon zweimal bei Olympia antrat und 2008 Silber gewann, wollte es dem jüngeren Paine (26) zeigen. Railey hatte eigentlich seine Karriere beendet und war in den elterlichen Betrieb eingestiegen. Aber im vorolympischen Jahr juckte es ihn es dann doch noch einmal.

Er tat sich mit dem dänischen Kumpel Jonas Hoegh-Christensen zusammen, der 2012 so knapp Gold gegen Ben Ainslie verloren hatte. Danach war auch er zurückgetreten aber nach zweieinhalb Jahren schließlich doch wieder zurück gekommen. In Barcelona gewann  Christensen einen Lauf und segelte auf Platz elf.

Plan B: Auf den Gegner stürzen

Für den Amerikaner Railey startete die EM ordentlich, aber Kontrahent Paine wurde immer besser. Im sechsten Rennen sah sich Railey schließlich gezwungen, seine Taktik auf Zweikampf umzustellen. Erst lag er noch nach der ersten Kreuz gut 20 Plätze vor seinem Kontrahenten. Aber bei der zweiten Runde verlor er den Vorsprung gänzlich.

Plan B trat in Kraft. Der war nur möglich weil Paine im ersten Rennen den 58. Platz belegt hatte und ihn als Streichresultat durch die Serie schleppte. Raileys schlechtestes Ergebnis bis dahin war ein 38. Platz. Er konnte also 20 Punkte gewinnen, wenn der Gegner mehr als 58 Punkte sammelte.

So stellte Railey am Leetor eine Falle, die aus dem Team Race bekannt ist. Für die so genannte Mark Trap segelt das führende Boot zuerst in den Drei-Längen-Kreis der Boje, hat damit die Innenposition und stellt sich mit flatternden Segeln in den Wind. Der Gegner darf nicht zwischen ihm und der Tonne passieren, weil die Überlappung nicht rechtzeitig zustande am. Er muss einen Umweg außen herum in Kauf nehmen, sich dann aber gegen das luvende Leeboot erwehren.

Ergebnis mit Nachgeschmack

So passiert es und das Pärchen entfernt sich von der Marke. Paine war offenbar überrascht von der Attacke. 50 Boote des 90er Feldes segeln vorbei bis dem Jüngeren der Durchbruch gelingt. Er erreichte schließlich Platz 63. Raileys Plan ist aufgegangen.

Das Ergebnis hat allerdings Nachgeschmack, weil er in der folgenden Protestverhandlung disqualifiziert wird. Die Jury sieht die Regeln 18.4 und 15 gebrochen aber keinen Verstoß gegen die Regeln des sportlichen Verhaltens. Deshalb hat Paine keinen Anspruch auf eine Wiedergutmachung.

Vielmehr wurden die Männer von der Jury für ihre sachliche Argumentation und sportliches Verhalten trotz der angespannten Situation im Protestraum gelobt. Aber die Rio Fahrkarte schien vor dem letzten Lauf für Paine verloren.

Happy End für den Attackierten

Der geht schließlich sehr gefasst mit der Situation um: “Es gibt manche, die sagen, dass so etwas nicht in einem Fleet Race passieren sollte. Aber auf olympischer Ebene ist das ein akzeptierter Teil des Sports. Es ist keine bösartige Taktik. Sie gehört dazu. Ich habe damit kein Problem, und ich glaube auch nicht, dass das hier jemand anders sieht.”

Er hat auch noch eine Chance, auf dem Wasser zu antworten. Das letzte Rennen muss die Entscheidung bringen. Diesmal will Railey den Gegner schon beim Start abfangen. Aber Paine schafft es, sich nach rechts zu lösen und Railey lässt ihn ziehen, weil er denkt, dass diese Seite auf der Kreuz nicht funktionieren würde.

Aber der Wind wird immer leichter und plötzlich stellte sich rechts als richtig heraus. Paine segelt auf Rang 7 Railey wird 44. In der Gesamtwertung landet Paine schließlich als 26. fünf Ränge vor seinem Landsmann und darf in Rio unter dem Sternenbanner antreten.

“So ist es eben beim Regattasegeln”, sagt Railey danach. “Caleb wird vielleicht oft unterschätzt. Aber es war für mich unglaublich hart nach der Pause, sein Level wieder zu erreichen. Das wusste ich schon vorher. Nun werde ich meine Olympia-Karriere endgültig aufgeben. Am Montag sitze ich wieder im Büro.”

Holländer legt Trauma ab

Bei diesem hochdramatischen Zweikampf ging zwischenzeitlich fast unter, dass  Pieter Jan Postma schließlich den Titel holen konnte. Viele gönnten den Titel dem Holländer, der 2012 in Weymouth durch einen unglücklichen Penalty kurz vor dem Ziel nicht nur Gold sondern überhaupt eine Medaille verlor und auf Rang vier landete.

Pieter Jan Postma

Pieter Jan Postma segelt zum Titel und legt ein Trauma ab. © Robert Deaves

Danach entwickelte sich schon fast ein Trauma, weil er oft bei internationalen Regatten vorne lag, am Ende aber dann doch verlor. Vielleicht wurde er auch deshalb von Bouwe Bekking nicht für das Volvo Ocean Race Team nominiert, bei dem er sich einen Kampf mit Robert Stanjek lieferte.

Für das junge deutsche Finn Dinghy Team, das nicht in Rio am Start sein wird, segelte Phillip Kasüske auf Rang 30 und holte im Vergleich mit 21 Junioren den Vize Titel. Mit einem sechsten Platz im letzten Rennen bestätigte er sein Potenzial.

Phillip Kasüske

Phillip Kasüske erhält die Silbermedaille in der Junioren-Wertung. © Robert Deaves

Ergebnisse Finn Dinghy Europameisterschaft 2016

 

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Carsten Kemmling

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5 Kommentare zu „Mark Trap: Neues Video vom Finn Dinghy Duell – Falle gestellt an der Leetonne“

  1. avatar Attacke sagt:

    “Holländer legt Trauma ab”

    Das Trauma der Niederländer besteht weiterhin, da sie im Finn noch nie eine olympische Medaille erringen konnten, obwohl sie die zahlenmässig zweitgrösste Finnflotte besitzen, während Deutschland mit Kuhweide (1964) und Schümann (1976) bereits zwei Goldmedaillen gewinnen konnte.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Olympiasieger_im_Segeln/Medaillengewinner#Finn-Dinghy

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  2. avatar Silberbeil sagt:

    Carsten ich kann ja nachvollziehen, dass Du als Matchracer solche Szenen interessant findest aber aus meiner Sicht ist das ganze gruselig anzuschauen. Du drehen die beiden ihre Pirouetten an der Leetonne und behindern einen Großteil des Feldes bei einer Europameisterschaft, unter anderem den bis dahin führenden Neuseeländer.

    Der Verstoß gegen Regel 18.4 ist doch ganz eklatant und lässt sich aus meiner Sicht nur dadurch erklären, dass USA 4 und USA 6 nicht klar war, dass im Fleetrace andere Regeln gelten als im Teamrace. Im Teamrace gilt 18.4 explizit nicht. Oder verstehe ich da irgendetwas falsch.

    18.4:
    When an inside overlapped right-of-way boat must gybe at a mark to
    sail her proper course, until she gybes she shall sail no farther from
    the mark than needed to sail that course.

    Das USA 4 nicht wegen Unfairniss disqualifiziert wurde lag vielleicht nur daran, dass nicht vorsätzlich regelwidrig gehandelt wurde und USA 6 seine Rechte nicht geltend gemacht hat sondern auch noch selbst gekringelt hat. Die Formulierung in der Protestentscheidung liest sich jedenfalls anders als die Schilderung im Artikel:

    The protest committee does not establish clearly that the principles of sportsmanship
    were violated and there are no grounds for redress for USA 6.

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  3. avatar Carsten Kemmling sagt:

    Ich finde das nicht interessant im Sinne von “super, bitte nachmachen”. Ich bilde nur ab, was da draußen auf dem Wasser schon mal passiert. skurril und sicher spannender, als das reine ergebnis der regatta. es gibt wie zitiert eine regel-entscheidung, die ich nicht gewertet habe. aber ich denke, dass es keine schöne sache ist, wenn jemand eine regel brechen darf, um einen anderen zu behindern. die disqulifikation des gegners hat paine ja nicht geholfen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  4. avatar Silberbeil sagt:

    Habe nochmal einen Regelpapst dazu befragt und versucht die Sache soweit wie möglich aufzuklären:

    https://www.raceoffice.org/sailorstalk/viewtopic.php?f=4&t=1332

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