Das erste Mal Tornado. Selbstversuch am Thunersee

"Unschön, das Geräusch von nachgebendem GFK..."

Autor Christian Stock schlägt sich gut. Beim Tornado Erstversuch mit Vollgas auf Rang drei. © YCSp

Freitagmorgen, bei der Arbeit. Meine Laune ist mäßig. Die Wetter- und Windaussichten für das Wochenende sind bescheiden. Vor allem aber ist die ursprünglich geplante Regattateilnahme geplatzt. Das Boot hat einen Schaden, und der Stammvorschoter keine Zeit. Was tun mit dem unverhofft frei gewordenen Wochenende?

Das Handy klingelt. Es ist Clubkollege Sebastian, einer der besten jungen Tornadosegler aus Deutschland und mehrfacher Weltmeister im Topcat K1. „Sag mal, du hast doch Zeit, hab ich gehört?“

Das Ablegen erfolgt noch mühsam. Ein Tornado kreuzt so schlecht auf engstem Raum. © Alexander Moser

„Ja, warum?“ In mir keimt ein Verdacht, denn ich habe schon von seinem Vorschoterproblem bei der bevorstehenden Schweizer Meisterschaft der Tornados vernommen. „Also, ich bräuchte einen zweiten Mann…“

Sehr lange muss er mich nicht überreden. Die Regatta findet im wunderschön gelegenen Spiez am Thunersee, mitten im Berner Oberland am Fuße von 3000er-Alpengipfeln statt. Hier hat die Landschaft etwas von einer Modelleisenbahnanlage. Und last but not least bin ich als eingefleischter Jollen- und Skiffsegler noch nie bei einer echten Katamaranregatta mitgesegelt. So eine Horizonterweiterung kann nicht schaden.

Blick nicht vom Helikopter, sondern von einer Aussichtsplattform. "Wir sind hier in den Alpen ;-)", schreibt Stock. © Alexander Moser

Spätestens beim Aufbauen des Katamarans bekomme ich Zweifel an meinem Übermut. An diese ultradünne Trapezleine soll ich mich hängen? Sowas würden normale Segler allenfalls als Takelgarn verwenden.

Sebastian beruhigt mich mit knappen Worten: „Das hält.“ Und was ist mit den extremen Lasten auf der Spischot, über die ich schon viel Schlimmes gehört habe? Könnten wir da nicht wenigstens einen zweiten Ratschblock einbauen? „Das stört bei der Halse.“ Da muss ich also durch. Hoffentlich ist nicht viel Wind…

Von wegen! Pünktlich zum ersten Start sorgt eine Gewitterzelle für kräftige Luftbewegung. Zeitweilig hat es fünf Windstärken, manche der auf dem Parcours ebenfalls mitsegelnden Katamarane wie die A-Cats  spielen munteres Kenterballett.

Viel Platz zum "Flyern" auf einem Rumpf am Thunersee. © Alexander Moser

Der Tornado entpuppt sich wie erwartet als ultimative Rennmaschine. Im Doppeltrapez an der Kreuz sind es sicher 14 Knoten! Und Downwind? Hab ich keine Zeit, auf den Speed zu achten. Denn das mit den hohen Lasten auf Spischot stimmt.

Der scheinbare Wind fällt so weit vorlich ein, dass die 25 qm des Gennakers nicht mit einem Spi, sondern mit einer Genua vergleichbar sind. Und die rupft man schließlich auch nicht ohne Winsch einfach so dicht!

Wenn ich nicht aufpasse und mich gut auf dem Luvrumpf verkeile, zieht mich die Schot einfach so übers Trampolin. Zumal dieses beim Flyern auf einem Rumpf ohnehin eine abschüssige Rutschbahn darstellt.

Sebastian Moser und Christian Stock liegen an der Luvtonne hinten. Danach blasen sie zur Aufholjagd. © Alexander Moser

Irgendwie kommen wir ins Ziel, ohne dass ich mich total als Weichei blamiere. Sebastian hat mich geschont, er verzichtete darauf, mich ins Trapez zu schicken. Bei über drei Meter Bootsbreite würde selbst mein Leichtgewicht für noch mehr Zug auf der Schot sorgen…

Mein Respekt vor den zahlreich vertretenen Mixed Teams wächst gewaltig, denn bis auf zwei Ausnahmen sind die Frauen an der Vorschot zugange. Der deutsche Klassenhäuptling Markus Betz ist sogar mit seinem erst dreizehnjährigen Sohn Nikolai angetreten – und der sieht eher aus wie elf!

Doch obwohl es in der hier anwesenden gehobenen Amateurliga der Tornados familiär zugeht, ist ein hohes seglerisches Niveau geboten. Die meisten sind dem Tornado schon seit vielen Jahren treu, die Vorschoterinnen haben oft ein, zwei Jahrzehnte Erfahrung. Ein suboptimaler Start oder eine falsch gesetzte Wende, und man ist in diesem Feld weg vom Fenster.

Der Thunersee beschert zeitweilig richtig guten Druck für den Vorwindgang. © YCSp

Bei der nächsten Wettfahrt hat der Wind stark nachgelassen. Zeitweilig liegen wir in Führung, dann ist Windroulette angesagt und die Wettfahrt wird abgebrochen. Schade eigentlich, denn so langsam habe ich richtig Geschmack an der Sache gefunden.

Am nächsten Tag gehen wir hochmotiviert auf die Bahn. Die anderen Teams allerdings auch, und so ist bis zur letzten Wettfahrt bei den Podiumsplatzierungen einiges offen. Wir rechnen nach: Wenn wir dieses Rennen gewinnen, reicht es punktgleich mit dem bislang führenden Mixed Team Martin und Julia Rusterholz zum Gesamtsieg.

Verdiente Sieger zum wiederholten Mal. Das schweizer Ehepaar Rusterholz mit Nachwuchs. © Alexander Moser

Wir setzen auf Angriff, haben ein guten Start und schenken dem Team Rusterholz aus der sicheren Leestellung großzügig Abwinde. Auf der linken Seite der Bahn ist ordentlich Druck, wir segeln weit hierüber. Sebastian denkt laut über eine Wende nach: „Wir sollten nicht zu weit fahren“.

Leider versäume ich es, ihm ausdrücklich beizupflichten. Dabei ist die Sache eigentlich klar: Alle direkten Konkurrenten um die Podiumsplatzierungen sind hinter uns auf die rechte Seite gefahren. Wir müssten sie decken… immer zwischen Tonne und Feld bleiben, heißt die taktische Grundregel.

Es kommt, was kommen musste. Arghhhh, die rechte Seite entpuppt sich in der Endabrechnung als viel besser, schätzungsweise acht Teams runden vor uns die Luvtonne. Egal, während des Rennens bringen Frust aufbauen und Fehleranalyse nichts. Jetzt bloß weiter Vollgas segeln!

Wir überholen pro Schenkel mindestens ein Boot. Einer unserer Gegner ist ein wenig übermotiviert, er crasht bei der Tonnenrundung als Luvboot voll in unseren Bug rein. Nicht schön, das Geräusch von nachgebendem GFK… Immerhin segelt er sich durch diese Aktion selbst ins Off, das bereitet ein wenig Genugtuung.

Mit unserem vierten Platz in dieser Wettfahrt sind wir indes nicht so recht zufrieden, da wäre mehr drin gewesen. Bei der Verteilung des „Zinns“, wie der Wettfahrtleiter die Punktpreise nennt, wird klar: Das Ehepaar Rusterholz gewinnt.

Der Wanderpreis verrät, dass dies seit vielen Jahren bei der Schweizer Meisterschaft eigentlich immer so ist. Man habe inzwischen Rabatt beim Graveur, sagt die erfreute Vorschoterin nur halb im Scherz…. Ihr kleiner Sohn ist mächtig stolz auf seine Eltern. Ganz zu Recht!

Ergebnisse

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Christian Stock

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Ein Kommentar „Das erste Mal Tornado. Selbstversuch am Thunersee“

  1. avatar Richu Werder sagt:

    Wahrlich ein Tolles Wochenende auf diesem wunderschönen See…
    Am Thunersee ist die 18HT Klasse die meist vertretene Katamaran-Klasse. Ein Boot das schon bei leichtem Wind traumhafte Geschwindigkeiten erreicht….
    SAIL FAST AND LIGHT Video:
    http://zumgoldenenanker.net/videos/?view=84

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