Knarrblog: Erster Trainingstag in Kiel für die J/70-EM – Nervenaufreibender Krantermin

Der Schreck fährt in die Glieder

Wir nehmen mit der NRV-J/70 “Helga” an der EM zur Kieler Woche teil. Am ersten Trainingstag wäre das Abenteuer schon fast beendet gewesen.

J/70 Euro

Vor dem Wind die Förde runter. © Sven Jürgensen

Miklas hat es voll erwischt. Das Geschoss platscht auf das neue North-Hemd. Ein Spritzer Vogelschiss soll ja Glück bringen, aber gleich so eine Granate?   Der erste Tag auf dem Wasser steht an. Bei der Kieler Woche ein wenig üben für die J/70 Euro. Erst am Donnerstag soll das erste Rennen erst starten, aber schon jetzt füllt sich das Hafenvorfeld mit den kleinen Kielbooten. Italiener, Monegassen, Briten, die Top-Shots der Klasse wissen, wie man sich solide auf einen solchen Saisonhöhepunkt mit gleich 96 Schiffen vorbereitet.

Sie putzen, schrauben und trimmen. Wir schielen immer mal herüber. Wie machen das die J/70 Spezialisten? Wo wird getaped, gebändselt, getunt? Uns Bundesliga-Seglern fehlt noch dieses Spezial-Wissen über die Klasse. Im Liga-Modus sind Markierungen an den Schoten oder das Drehen an den Want-Beschlägen zum Verändern der Rigg Spannung strengstens verboten.

Wir orientieren uns am North-Sails-Tuning-Guide und hoffen, dass die Angaben der Segelmacher-Profis ein Niveau haben, das den Wettkampf auf Augenhöhe in der neuen Klasse ermöglicht.

Der Dreck muss weg

Aber erstmal muss der Alster-Dreck von unserer “Helga” runter. Eine unsichtbare Nano-Beschichtung soll zwar die Tierchen von einer Symbiose mit dem weißen Rumpf abhalten, aber es gibt wohl eine spezielle Alster-Spezies, der damit nicht beizukommen ist.

J/70 Euro

Den Alster-Dreck wegputzen. © Miklas Meyer

Der Krantermin steht an. Ich werde im Türmchen über dem Hafenvorfeld vorstellig um nach dem Prozedere zu fragen und lerne, dass erst einmal 59 Euro fällig werden. Wie jetzt? Wir segeln hier doch eine Regatta. “Ja”, erklärt der Mann hinter dem Tresen. Zweimal Kranen sei frei. Aber am Dienstag werden alle J/70 noch einmal im Rahmen der Vermessung an den Haken gehängt. Das sei dann nicht mehr im Preis inbegriffen.

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Mitja versucht, eine Beziehung zu “Helga” aufzubauen. © Miklas Meyer

Das hört sich ziemlich frech an. Ich atme das aufkommende Gefühl des Aufbrausens weg. Der Mann ist für die Spezies der Hafenmeister-Gilde überdurchschnittlich freundlich und sicher der falsche Ansprechpartner bei einer Beschwerde. Die zu erwartenden Mehreinnahmen dürften anderswo im Kieler-Woche-Management beschlossen worden sein. Ein echter Willkommensgruß für die neue J/70-Klasse ist das nicht. Schließlich sind schon 400 Euro Startgeld nicht von Pappe.

Ein lächelnder Ober-Hafenmeister mindert das Unwohlsein etwas. Als dann aber der zum Kranen abkommandierte Kollege den Schauplatz betritt und den Hub-Vorgang im barschen, genervten Befehlshaber-Ton begleitet, wird es wirklich ärgerlich.

Kann ja sein, dass es keinen Spaß macht, vermeintlich getopften Seglern den Weg ins Wasser zu ebnen. Und vermutlich werden auch nur wenige Euros von den 59 ihren Weg in seine Tasche finden. Aber es gibt doch auch so viele andere Jobs, die man stattdessen ausüben könnte…

Auf die Bahn donnern

Aber das bleibt nur eine Nebenerscheinung. Endlich raus aufs Wasser. Knatternde Segel, guter Wind, warmes Wetter, wir sind angekommen bei der Kieler Woche. Einmal auf dem Wasser stehen die Segler im Mittelpunkt. Die Vorfreude auf die Rennen stellt sich ein.

Wir donnern auf die Bahn hinaus. Der Wetterbericht hatte nicht unbedingt auf Glitsch-Bedingungen hingedeutet. So ist der frühe Segelspaß eine umso größere Überraschung. Eigentlich wollten wir für den zu erwartenden Massenstart ein paar Positionierungsübungen an der Linie ausführen. Aber schließlich lassen wir uns doch mitreißen, an den Speed Tests einiger Teams teilzunehmen.

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Das erste Mal angleichen auf der Kieler Woche Bahn. © Sven Jürgensen

Das Rigg ist noch nicht richtig eingestellt. Wir müssten mehr Spannung auf die Wanten drehen. Und tatsächlich halten wir auch kaum mit. Aber eigentlich wollen wir ja erst am Nachmittag, am Speed und Trimm feilen.

Da kommt was…

Plötzlich ein Schock. “Da kommt was in Lee”, sagt Miklas, und ich denke an einen Klassenkollegen,d em wir ausweichen müssen. Tatsächlich schäumt der orange Bug eines Schnellbootes auf uns zu. In Höchstfahrt prescht ein Lotse durch das Fahrwasser.

Shit! Der Anblick lässt mir den Schreck in die Gleider fahren. Das wird richtig knapp. Als er unser Heck passiert hupt er sehr ausgiebig und man mag an dem Ton die Genervtheit erkennen. Jo, kann ich verstehen, sorry.

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Nur nahe dem Fahrwasser ist Platz zum Training. Da kann es schon mal eng werden. © Sven Jürgensen

Puh, mit so einem Ding hatt ich nicht gerechnet. Wie schnell eine Kieler Woche zuende sein kann zeigt die Geschichte von der 29er-Crew, die am selben Tag von einem Traditionssegler überfahren wird.

Kurz danach hupt es noch einmal gewaltig. Ein Container-Frachter bahnt sich seinen Weg durch die Fahrrinne. Diesmal sind wir nicht gemeint. Meine Güte, hier muss man wirklich aufpassen.

Wir verlegen wir den zweiten Schlag auf See in den späten Nachmittag. Familie Schwall mit Bo Teichmann, dem J-Abgeordneten der Mittelmannswerft an Bord, hat sich zum Üben angekündigt. Die Jungs sind mit dem sehr gewöhnungsbedürftigen pinken Bundesliga-Boot flott unterwegs, und zusammen mit einem Spanier und Franzosen tasten wir uns an das optimale Speed-Gefühl für die J/70 heran. Drehende West-Winde machen die Vergleiche manchmal etwas schwierig, aber es läuft für den Anfang schon ganz ordentlich.

J/70 Euro

Das erste Mal angleichen auf der Kieler Woche Bahn. © Sven Jürgensen

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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