Knarrblog MAIOR: Feiertag-Ausflug auf der Förde – Flaute, Nebel, Sturm und Schäden

Die Sache mit dem Rüssel

VIDEO vom 1. Mai Förde-Glitsch (…als die Rennen wegen zu starkem Wind abgesagt wurden)

Schreie, hektische Blicke, Stau am Gate. Was für ein Chaos. Die J/80 sind vor dem Wind in das J/70-Feld geraten. Frischer Druck von hinten hat die Boote ineinander geschoben. Alle suchen nach dem besten Ausweg.

Vielen gelingt das, uns nicht. Ein Kontakt am Achterschiff leitet eine hübsche Pirouette ein, unser Bugspriet hakt im Heckkorb der voraus segelnden Bremer ein, es knackt kurz und scharf, ein paar Kohlefaser-Splitter rieseln über das Vorschiff, und ab ist der Rüssel.

Ab ist der Rüssel. Flo versucht, die Reste zu retten. © CB Fotografie

Es geht um die MAIOR-Regatta des Kieler Yacht-Clubs, die jeweils der klassische Saison-Auftakt für die Großen ist, wo inzwischen aber auch die Kleinen mitmachen dürfen. 21 J/70 sind nach Kiel gekommen.

So war die MAIOR für die anderen. Überall in Deutschland sitzen die Menschen in kurzen Hosen rum, nur Kiel will seiner Anti-Haltung, insbesondere Anfang Mai und gerne auch Ende Juni zur Kieler Woche, unbedingt treu bleiben. Erst Flaute, dann Nebel, schließlich Regen und Sturm.

Dümpeln Richtung Hafen

Wir stecken mitten in unserem persönlichen MAIOR-Drama. Eben noch einen hübschen Top-Fünf-Platz angepeilt, nun dümpeln wir Richtung Hafen. Das war’s. Aber was war das denn eigentlich? Eben noch rutschen wir vermeintlich frei in den Dreilängenkreis, dann schießt eine J/80 dazwischen, die gar nicht um diese Tonne will. Auf welchem Bug ist sie nun? Hat sie Vorfahrt?

Die Jury glaubt, ja. Und die DNF-Wertung wird in ein DSQ umgewandelt. Nur die Drohnen-Perspektive hätte wohl Aufklärung gewährt. Wann kommt eigentlich der Video-Schiri-Assistent? 🙂 Stimmt, gibt’s ja schon beim America’s Cup.

Die J/70 Flotte vor Schilksee. © CB Fotografie

Klaus am Steuer ist geknickt. Eigentlich wollen wir die etwas verkorkste Serie noch retten. Und es hat mit Rang fünf beim ersten Tagesrennen im 21-Boote-Feld auch ordentlich ausgesehen. Aber nun? Ohne Bugspriet? Hafentag?

Von wegen. Wir basteln an Plan B. Ein Bugspriet läge bei Mittelmann in Kappeln bereit. Aber die Zeit, ihn zu besorgen, würde für heute nicht ausreichen. Jemand hat auf dem Parkplatz noch eine J/70 aus Bremen gesehen. Die Telefone laufen heiß. Ja, es klappt. Wir dürfen uns den Rüssel von der SKWB leihen. Besten Dank!

Da ist wieder alles in Ordnung. GER 958 kurz nach dem Start. © CB Fotografie

Ein Sprint zum Parkplatz, Kohle-Rohr ausbauen, Sprint zurück, neues Rohr einschieben. Es ist kühl in Kiel, aber uns steht im Ölzeug der Schweiß auf der Stirn. Klappt es noch zum nächsten Rennen? Draußen auf der Bahn wird schon gehupt. Die J/80 starten schon.

Wir spannen den Torqueedo-Quirl ans Heck. Aber viel schneller als unter Segeln wird es nicht. Die J/70-Kollegen produzieren einen Frühstart. Sammelrückruf. Sehr nett. Wir schöpfen wieder Hoffnung.

Damals am IJsselmeer

Ich gebe meine Story von der SPA-Regatta im Flying Dutchman zum Besten. Vor Medemblik am IJsselmeer anno dazumal. Es war wohl der sinnvollste Segeltag meiner privaten Bilanz. Ich will sie auch hier nicht vorenthalten. Also sorry für den kleinen Exkurs:

Spektra-Tauwerk kam groß in Mode, und ich kam auf die glorreiche Idee, den Trapezdraht gegen einen dünnen Tampen auszuwechseln. Also rausgefahren bei guten 6 Windstärken, einmal ins Trapez gestellt, Spektra-Tampen gerissen, und wieder reingefahren. Tampen neu fest gebändselt oben am Mast, hat wohl schamfielt. Wieder rausgefahren, wieder gerissen, wieder rein. Das mag etwas aussagen über meine Bastel-Künste damals – meine Frau sagt, auch heute. –  Kumpel Willi an der Pinne ist schon ziemlich genervt. Aber selber Schuld. Ich versuche damals Journalist zu werden, er Maschinenbauer. Klar, wen man mit welchen Aufgaben betraut 🙂

Also ich suche reumütig einen echten Trapezdraht, eben aus echtem Draht von einem Ersatzmast. Wir fahren wieder raus – immer noch bei guten sechs Windstärken – Kurz bevor wir an der Linie sind, starten die Kollegen. Rennen verpasst.

Also draußen warten. Es soll ein weiterer Lauf stattfinden. Der Wind frischt weiter auf. Brecher rollen durch das Cockpit. Es ist schweinekalt. Als das erste Boot im Ziel ist, zeigt die Wettfahrtleitung an: Keine weitere Rennen. Toll! Nur unter Groß machen wir uns auf den Weg zurück in den Hafen. Dabei kentern wir nach Luv. Der Mast steckt im flachen IJsselmeer. Mastbruch! – Was für ein Tag!!

Rennen annuliert

Kommt es in Kiel ähnlich? Die Rennen sind heutzutage kürzer, und der Wind weht diesmal sehr leicht. Die Boote treiben alle hintereinander auf einem Anlieger ins Ziel. Da haben wir nichts verpasst! Es kommt sogar noch besser. Im Moment des Zieleinlaufs nach verkürzter Bahn direkt am Gate steigt die Abbruch-Flagge auf dem Startschiff in die Höhe? Wie jetzt? War’s das nun?

Das Feld versinkt am Sonntag im Nebel. Kurz danach werden die Rennen abgesagt. Die Tonnen werden nicht mehr gefunden. © CB Fotografie

Diese Frage wird später auch noch von der Jury verhandelt. Geschah die Abbruch-Entscheidung vor dem Zieleinlauf des ersten Bootes, oder danach? Es gibt unterschiedliche Zeugenaussagen. Schließlich wird die Wettfahrtleitung bestätigt. Das Rennen ist annulliert.

Nett für uns, und es folgen noch zwei ordentliche Rennen, nachdem der Wind um 180 Grad auf West gedreht hat. Aber so richtig kommen wir nicht mehr in Schwung. Der vierte Tag soll es dann bringen. Doch für die J/70 wird früh abgebrochen. Ein Sturm verspricht 38 Knoten Wind und Ekel-Wetter. Die Offshore-Klassen sollen auf der Innenförde segeln.

Noch etwas rumglühen?

Flo will das nicht gelten lassen. “Woll’n wir nicht noch was rumglühen?” Die Resonanz ist geteilt. Wir sind ein Mann zu wenig. “Duuuu, Schatz”, säusel ich am Handy. “Lust auf einen schönen 1. Mai-Ausflug?” Ich erzähl auch noch was von Helga-Cup-Training – da will sie mitmachen – und tatsächlich verzichtet sie zugunsten des Feiertag-Törns auf den geplanten Trip nach Hamburg.

Also ein paar Mal hoch und runter glitschen, vorbei an den paar ORC-Helden, die sich auf die Rennbahn trauen, und so fühlt sich der Ausflug nach Kiel doch noch etwas besser an. Selbst Klaus kann schließlich einen großen Verlust verschmerzen. Die schöne, rote Mount-Gay-Käppi aus der Karibik bleibt auf See. Das finale Mütze-über-Bord-Manöver ist nicht erfolgreich.

 

Ergebnisse J/70 MAIOR 2018

 

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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