Olympia 2012: Die Bilanz – Wie man Medaillen gewinnt – Schümann spricht

Kein Platz für Überraschungen

Das Sailing Team Germany bei der Verabschiedung in Kiel. © STG

Das Sailing Team Germany bei der Verabschiedung in Kiel. © STG

Die deutsche Segel-Olympiamannschaft fährt 2012 ohne olympische Medaillen nachhause. Damit ist die Ausbeute so schlecht wie 2004 in Athen als die Segler ebenfalls kein Edelmetall gewinnen konnten. 2008 glänzten die Peckholt Brüder mit ihrer Bronze Medaille.

Die Plätze in Weymouth sind 4. (RS:X M), 5. (RS:X F), 6. (Star), 6. (Laser), z.Zt 8. (470 F),  11. (49er), 13. (470 M), 26. (Laser F). In Qingdao 2008 sah es so aus: 3. (49er), 4. (Yngling), 7. (Star), 8. (Tornado), 9. (470 F), 15. (Laser F). Damit liegt das Ergebnis in etwa auf dem Niveau der Spiele vor vier Jahren.

Wie sind die Leistungen zu bewerten? Das Ergebnis “keine Medaille” hört sich niederschmetternd an. Denn im Vorfeld wurde die Hoffnung geschürt, dass zwei bis dreimal Edelmetall möglich gewesen sein sollte. Aber wo sollte das herkommen? Nach den Leistungen im Vorfeld waren Medaillen unwahrscheinlich.

Stanjek/Kleen wurden 6. Eine Enttäuschung ist das nicht. © onEdition.

Denn wie wird Gold, Silber, Bronze im Segeln gewonnen? Wer gewinnt es? Olympia 2012 hat wieder einmal deutlich gemacht, dass es kaum Platz für Überraschungen gibt. Segeln mag in der Theorie durch seine sich ständig ändernden äußeren Bedingungen mehr Platz für Glück oder Pech lassen. In der Praxis aber siegen besonders häufig bei Olympia die Favoriten. 2012 gehen vielleicht nur drei von 30 Medaillen an Athleten, denen man es nicht zugetraut hätte. Erfahrung in der Klasse und bei Olympia zählt sowei speziell die Leistung bei den WMs im Vorfeld.

Beispiel Starboot: Das Podium wird exakt durch die selben Steuerleute besetzt wie vor vier Jahren, nur in einer anderen Reihenfolge. Frederik Loof aus Schweden holte mit neuem Vorschoter Max Salminen Gold mit einem Sieg im spannenden Medalrace. Das mag als Mini-Überraschung gelten, da Loof bei den vergangenen beiden WMs jeweils nur 5. wurde, aber die Schweden sind Weltranglisten Erste und Loof ist seit 22 Jahren im Geschäft, wurde schon dreimal Weltmeister im Finn und zweimal im Star.

Allein in dieser Klasse hatte das Sailing Team Germany mit Stanjek/Kleen eine Crew, die sich im Vorfeld der Spiele eine WM Medaille sichern konnte. Aber die ersten drei waren in Weymouth so überlegen, dass man schon vorher kaum an eine Chacne für andere Teams in den Top drei glauben konnte. Zudem war das deutsche Starteam das jüngste in dieser Klasse. Es hat nicht enttäuscht. Platz sechs ist im Rahmen der persönlichen Bestleistung.

Ferdinand Gerz und Patrick Follmann verpassten das Medalrace um zwei Punkte.  © Marina Könitzer

Ferdinand Gerz und Patrick Follmann verpassten das Medalrace um zwei Punkte. © Marina Könitzer

Beispiel 470er Männer: Auf den ersten beiden Plätzen haben Belcher/Page (AUS) und Patience/Bithell (GBR) Silber vor dem Medalrace schon sicher. Beide Teams wurden bei den vergangenen WMs jeweils erster und zweiter. Lucas Calabrese und Juan de la Fuente (ARG) liegen auf Bronze Kurs und könnten vielleicht als Überraschung durchgehen, da sie bei der jüngsten WM “nur” 5. waren. Calabrese ist allerdings kein Niemand. Er wurde Opti-Welt- und Vize-Weltmeister (2000 – 01) und ist möglicherweise mit überdurchschnittlichem Talent gesegnet. Aber sicher hat er Bronze längst nicht. Besser würde zur Erfahrungs-These passen, wenn der Italiener Gabrio Zandonã im Medalrace die fehlenden drei Punkte aufholt. Der segelt seit 17 Jahren 470er.

Das deutsche 470er Team Gerz/Follmann blieb im Rahmen seiner Möglichkeiten als 13. Es war 12. und 15. bei den vergangenen WMs und verpasste das Medalrace nur um zwei Punkte.

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Carsten Kemmling

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6 Kommentare zu „Olympia 2012: Die Bilanz – Wie man Medaillen gewinnt – Schümann spricht“

  1. avatar Reinhard aus MeckPom sagt:

    Ausführliche Analyse – danke Carsten!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 14 Daumen runter 0

  2. avatar Rolf Albert sagt:

    Ich schließ mich da an, sehr gut recherchiert u. zu “papier” gebracht. was aus meiner sicht bei allem erreichen bzw. nichterreichen der selbstgesteckten oder durch das nähere u. weite umfeld (wir hier z.b. !) ziele auffällt, ist, dass ganz offensichtlich ein großer teil des pulvers unserer segelolympioniken während bzw. mit der qualifikation verschossen wird. bei den spielen selbst sind sie dann – ausnahmen bestätigen die regel – nicht in der lage, die ganz großen leistungen, “ihr bestes segeln” zu zeigen. lieg ich da richtig ?
    zerreist mich gerne in der luft jetzt ob derer eigenen medallienlosigkeit, aber ich meine, das amerikanische system, das der usa genauer, ist speziell für unseren sport wie geschaffen u. auch das bessere : die setzen relativ kurzfristig vor den spielen sog. “trials” an, ausscheidungswettfahrten. jeder kann teilnehmen, ob kadersportler oder ententeichsegler… Carsten wird das a.g. seiner beiden fd- u. laserkampagnien bestätigen können. das format ähnlich dem vier wochen drauf folgendem olympischen. und, der beste, der sieger, fährt zu olympia. punkt u. aus. ein system, dass bisher, von diesem jahr abgesehen, bestens funktionierte, dafür sorgt, dass eben der DERZEIT beste u. mental auch stärste kandidat nach olympia fährt.

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  3. avatar Kristof sagt:

    Alles nicht so schlimm. Immerhin haben wir uns nicht vorher mit so peinlichen Bootcamp-Quatsch blamiert: http://www.youtube.com/watch?v=lcIsyxcKDoI

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  4. avatar SR-Fan sagt:

    Geht das jetzt schon mit den An- und Entschuldigungen los? Meiner Meinung nach ist einfach die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit (resp. öffentlichen Sendeanstalten) viel zu hoch.

    Allgemein liegen wir da doch gar nicht schlecht (siehe Medaillenspiegel). Wenn es in der Vergangenheit so viel besser war (?) dann doch wohl nur auf Grund der Sonderkonjunktur der Ex-DDR. Warum sollten wir also besser abschneiden als früher?

    Beim Segeln im Speziellen haben wir doch schon lange nichts mehr “gerissen”. Nur weil wir irgendwann mal eine oder zwei Medaillen geholt haben, heißt das doch nicht, dass jetzt mit anderen/neuen Seglern alles besser wird. Das waren auch in der Vergangenheit Einzelschicksale – mit Sicherheit nicht der tollen Unterstützung und den außerordentlichen Trainingsmethoden des DSV zu verdanken.
    Segeln ist und wird auf absehbare Zeit eine Randsportart sein, mit der sich nur wenige identifizieren können. Relativ komplex, z.B. auch deshalb, weil man die Grundlage der Entscheidungen des Seglers (z.B. Winddreher auf der Bahn) am Fernsehen nicht nachvollziehen kann. Strategie aber vor allem Taktik bleiben so im Verborgenen. Andere Sportarten (Leichtathletik, Fußball, …) sind hier näher dran, bekommen mehr Geld, mehr Aufmerksamkeit, bessere Sendeplätze, … und am nächsten Morgen wird in der U-Bahn darüber gesprochen.
    Ich hätte Grötelüschen auch eine Medaille gegönnt. Speziell weil er in meiner Wahrnehmung, zusammen mit Buhl richtig gut im Verhältnis zur internationalen Konkurrenz stand. Hat halt nicht sollen sein – das wird ihn selber aber am meisten ärgern. Wie Couchpotatos am Fernseher hier eine “Erwartungshaltung” aufbauen können finde ich ziemlich erstaunlich (siehe: Schande für Deutschland, …).

    Wenn sich Deutschland für “Brot und Spiele” entscheidet und meint die Bevölkerung mit Medaillen ruhig stellen zu können, dann wäre wohl auch die finanzielle Unterstützung besser (vgl. mit der DDR). Der Sportler wird dann zum Erfolg “gezüchtet” und muss sich um andere Themen nicht kümmern. Aber hier – speziell beim Segeln – ist der Sport doch eher ein (ambitioniertes) Hobby, das die Sportler neben dem Geld verdienen machen – oder verstehe ich da was falsch? Wenn ich mir einen Ben Ainslie ansehe, habe ich dagegen den Eindruck, er beschäftigt sich ausschließlich mit dem Segeln. So was schafft meines Erachtens schon einen gewissen “Mehrwert” und Vorteil (auch hier -> Einzelschicksal).

    Auf Grund der Unterstützung vom STG eine fulminante Steigerung der Leistung zu erwarten ist wahrscheinlich auch etwas zu hoch gegriffen. Das ist aber doch – wenn ich das richtig verstehe – eine private Finanzierung durch Sponsoren. Hier müssen vor allem die Geldgeber prüfen ob ihr Investment sinnvoll ist und die Sportler ob sie eine entsprechende Unterstützung einfordern können. Ich könnte mir vorstellen, dass so ein Engagement so oder so viel mehr Zeit benötigt um sich auszuzahlen.

    Und das die Funktionäre des Sports trockner und finanzielle besser gepolstert sitzen als die Sportler selber – das ist jetzt auch (k)eine Binsenweisheit. Sie werden Ihren Erfolg nicht vom Misserfolg der Sportler abhängig machen (umgekehrt allerdings schon 😉

    VG

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 18 Daumen runter 3

  5. avatar Uwe sagt:

    Schümann sagt: “arbeiten und studieren neben dem Sport.”

    Sicher kann man neben dem Sport arbeiten oder studieren, erfolgreich wird man jedoch
    nur dann sein, wenn man Profi wird und ausschliesslich segelt !

    In diesem Zusammenhang wäre es interessant zu erfahren, wie die kleineren Nachbarländer Holland und Dänemark im Gegensatz zu uns zu ihren Segel-Medaillen gekommen sind.

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