Transat Jacques Vabre: “Hugo Boss” gibt auf – Teilnahme nur ein PR-Coup?

Name Dropping für den Sponsor

Es ist schon etwas komisch, was da gerade bei der Transat Jacques Vabre in der IMOCA Klasse passiert. Die Atlantik-Regatta gilt ja eigentlich als eine renommierte Veranstaltung, aber die großen Rennställe sehen darin offenbar nicht mehr als ein Test-Labor und Practice Race vor der Vendée Globe.

Hugo Boss, Thomson

Die neue “Hugo Boss”. Thomson testet sich vorsichtig an die Limits. © Hugo Boss

Die alles überschattende Einhand-Um-die-Welt-Regatta, die ja erst im November 2016 startet, ist das große Ziel, und dem wird schon jetzt alles untergeordnet. Besonders die ambitionierten Teams sind deshalb überaus vorsichtig mit ihren Neubauten.

Jüngstes Zeugnis davon ist die Aufgabe von “Hugo Boss”, dem dritten von drei neuen Designs. Alex Thomson und Guillermo Altadill sind abgedreht Richtung Vigo, nach “einigen technischen Problemen”.

Ein wenig Öffentlichkeit für den Sponsor

Das britische Boot hat schon zu Beginn nicht so richtig Gas gegeben, vermied den Vergleich mit der Konkurrenz auf dem Weg nach Westen und bog sofort gen Süden ab. Da der Tracker nur den direkten Weg berechnet lag “Hugo Boss” virtuell in Führung und fischte positive Nachrichten ab.

Da stellt sich die Frage, ob das der Grund war, um überhaupt an den Start zu gehen. Ein wenig Öffentlichkeit für den Sponsor. Dieses Spiel beherrscht Thomson perfekt. Der Kiel-Walk und der Mast-Jump waren tolle Inszenierungen. Gehörte der TJV Start dazu?

Ein Neubau, der so kurz vor einem harten Rennen fertig wird, muss eigentlich ausgiebig getestet werden. Zumal die neue Foiler-Technik bisher unbekannte Belastungen für den Rumpf erzeugt. Da muss eigentlich von Anfang an klar gewesen sein, dass Thomson nicht ernsthaft am Limit über den Atlantik segeln kann.

So war die Teilnahme wohl eher ein PR-Coup zum Name Dropping, den sich der Brite mit der Presseabteilung ausgedacht haben mag. Das erinnert an Tour de France Etappen, bei denen Rennställe frühe aussichtslose Ausreißversuche unternehmen, um ihren Sponsor Namen eine Zeitlang bei der TV Übertragung zu positionieren.

Konkurrenz sammelt Erkenntnisse

Die Konkurrenz mit den übrigen Neubauten, konnte zumindest an den ersten Tagen auch wichtige Erkenntnisse im Rennmodus sammeln, als sie im gleichen Wetterfenster mit den Spitzenreitern der Flotte nach Westen raste. Das Abdrehen von “Edmond du Rothschild” ebenfalls wegen “kleinerer Probleme” erfolgte dann, als die Skipper Sébastien Josse und Charles Caudrelier als Führende der West-Gruppe das Potenzial des Schiffes gezeigt hatte.

Es habe Probleme mit der Mast Rotation und an einem Outrigger gegeben. Und dann noch der drohende Sturm. Helden-Geschichten konnten wohl nicht erwartet werden. Es mag sich aber auch die Unart eingeschliffen haben, wie bei Practice-Races in der Flotte vor wichtigen Meisterschaften. Man zeigt der Konkurrenz mal eben, wo der Hammer hängt und dreht dann ab in den Hafen. Für die Fans, die einen Hochsee-Klassiker ist das allerdings unsäglich.

Banque Populaire IMOCA

Banque Populaire segelt um den Sieg. ©Thierry Martinez / Sea&Co

Aber für Josse war es sicher wichtig, den direkten Vergleich mit dem Siegerboot der vergangenen Vendée Globe “SMA”mit Michel Desjoyeaux gewonnen zu haben. Auch die anderen beiden neuen Foiler “Banque Populaire” und “Safran” hielten sich in der Nähe von “SMA” auf, um wichtige Erkenntnisse zu sammeln.

“Banque Populaire” zeigt das Flügel-Potenzial

“Safran” musste schließlich mit alarmierenden Stabilität-Problemen im Rumpfbereich inklusive Leck aufgeben, aber “Banque Populaire” ist immer noch voll dabei. Es ist aber auch kein Wunder. Denn der Vendée Globe Zweite Armel Le Cléac’h hatte sein Schiff mit den Flügeln schon im Juni als einer der ersten Neubauten im Wasser und konnte ausgiebiger testen als die Konkurrenz.

Jean Pierre Dick dagegen ließ den letzten noch im Feld verbliebenen Foiler “St Michel – Virbac” auch erst im September zu Wasser und segelt entsprechend unauffällig mit halber Kraft im Feld mit.

Le Cléac’h dagegen lauert im Moment nur 16 Meilen hinter den beiden ersten Booten, die absolut am Limit puschen. So will der Führende Vincent Riou mit America’s Cup Segler Sébastien Col seinen enttäuschenden Abbruch bei der Vendée Globe nach einer Tonnen-Kollision vergessen machen.

Und Yann Ellies will auf der zweitplazierten “Groupe Queguiner – Leucémie Espoir” zeigen, dass sich die ehemalige “Safran” mit ex Skipper Marc Guillemot unter Wert verkauft hatte. Bei der Vendée war bei der stark modifizierten Konstruktion von 2007 nach nur 50 Meilen der Titan-Kiel abgebrochen.

Monohulls schneller als die Trimarane

Interessant an der aktuellen Lage ist die Tatsache, dass sich die schnellsten 60 Fußer bei der Anfahrt auf die Azoren vor den Multi50 Trimaranen befinden. Sie haben ausnahmslos das harte Wetter im Westen ausgelassen und müssen nun mit Gegenwind zurechtkommen.

Spannend ist immer noch das Duell der beiden 100 Fuß Tris an der Spitze. Sie sind schon bei den Kanaren angekommen und Francois Gabart liegt mit seiner neuen “Macif” konstante 40 Meilen achteraus. Ob er mit seinem Gegner spielt?

Auch für “Macif” ist das Duell eine große Chance, vor den anstehenden Rekord-Versuchen im Einhand-Betrieb die besten Winkel bei den verschiedenen Segel-Kombinationen auszuprobieren. Außerdem ist “Macif” mit einem Foil unterwegs, dessen Effekt ausprobiert werden soll. “Sodebo” ist dafür ein perfekter Sparringspartner. Ob der Neubau schließlich kurz vor dem Ziel vorbei ziehen wird? Alle andere wäre wohl eine große Enttäuschung für das Team.

Race Tracker Transat Jacques Vabre

Event Website Transat Jacques Vabre

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden

7 Kommentare zu „Transat Jacques Vabre: “Hugo Boss” gibt auf – Teilnahme nur ein PR-Coup?“

  1. avatar pl_mnuessgen sagt:

    Man kann die Dinge ja immer von verschiedenen Standpunkten aus beurteilen.
    Einer der hier klar zu kurz kommt ist, dass Thomson schon vor dem Rennen klargestellt hatte hier nicht auf Sieg segeln zu wollen, sondern vor allem das Ziel hatte wichtige Erkenntnisse über die Leistungsfähigkeit des neuen Bootes zu erlangen.
    Vor diesem Hintwrgrund schien mir die Entscheidung nicht gleich als erstes nach Westen ins schwere Wetter zu segeln absolut einleuchtend.
    Dazu spricht zu diesem Zeitpunkt weder auf der Internetseite, noch auf Facebook niemand von Aufgabe sondern von Reparaturatopp.
    Wir werden sehen ob sich die Nachricht von der Aufgabe tatsächlich bewahrheitet.

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 1

  2. avatar mantis sagt:

    Hallo Carsten,

    Hauptsache! Hauptsache ihr macht das nächste mal endlich Nägel mit Köpfen und trefft klare Entscheidungen:

    1. Foiler
    Foiler sind Sieger, Foiler zeigen allen wo der Hammer hängt, Foiler geben nicht auf, Foiler nehmen ihre PR Aufgaben ernst, denn sie machen nur das was ihnen vorgeschrieben wird.
    Foiler belegen immer einen hervorragenden 2. Platz, Nichtfauler (mir fällt kein schlimmeres Schimpfwort ein) können dann im Höchstfall nur Vorletzte werden.

    2. Nichtfauler sind sowas von Losern, liegen wahrscheinlich sogar noch Klafter tief darunter.
    Sie sind doch gar nicht erwähnenswert. Gott verdammt nochmal.

    Nichtfauler können sonst noch irgendein Rennen gewinnen oder vorne liegen, sie sind trotzdem nicht konkurrenzfähig und zwar generell und endgültig.

    Wenn ihr diese 2 Punkte beachtet, ich flehe euch an macht das endlich, wird der nächste Bericht legendär werden.

    Den allerschönsten Tag auch noch.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 18

  3. avatar Andreas sagt:

    das war dann wohl doch nix mit PR-Gag. Alex und sein Co Skipper wurden heute vom sinkenden Schiff geborgen. Die Struktur hat aufgegeben….so ne sch….

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

  4. avatar RVK sagt:

    Name dropping oder boat dropping? Hugo Boss ist gesunken… Glaube kaum, dass das im Interesse des Sponsors war…

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 1

  5. avatar Breizh sagt:

    Beim oberen Link zu Hugo Boss findet man die Nachricht nicht mehr. Aber hier http://m.transat-jacques-vabre.com/fr/alex-thomson-et-guillermo-altadill-hugo-boss-helitreuilles Allerdings nur auf französisch.

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  6. avatar Fördesegler sagt:

    Klasse recherchiert der Artikel….Nicht.

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

  7. avatar Advokat sagt:

    Thomson and Altadill Helicoptered off Hugo Boss. Both safe and sound.

    http://www.transat-jacques-vabre.com/en/thomson-and-altadill-helicoptered-hugo-boss-both-safe-and-sound

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *