Transat Jacques Vabre: Rennen auf der Kaffeeroute – Boris Herrmann ist IMOCA-Favorit

Auf einen Kaffee nach Brasilien

Die besten Shorthand-Segler haben sich zur Transat Jacques Vabre, der drittwichtigsten französischen Hochseeregatta, versammelt. Für Boris Herrmann wird es ernst.

Sie ist zwar in Sachen Besucherzahlen, Medienaufmerksamkeit und Anzahl Teilnehmer  „nur“ die Nummer Drei unter den französischen Hochseeregatten, doch rein sportlich nimmt sie einen besonderen Stellenwert ein: Die Transat Jacques Vabre öffnet heute ihre Tore zum Race Village und zu den Stegen, auf denen man an 38 teilnehmenden Booten vorbeiflanieren kann. 

Und was für Boote! Sechzehn Class 40, sechs Multi 50, dreizehn IMOCA und drei Ultim Trimarane – darunter die nagelneue „Edmond De Rothschild“ des Gitana-Teams – starten am Sonntag in einer Woche über den Atlantik.

Im Vergleich zu den beiden Rennern unter den französischen Hochseerennen Vendée Globe (einhand auf IMOCA nonstop um die Welt) und Route du Rhum (einhand in verschiedenen Bootskategorien nonstop über den Atlantik) wird die Transat Jacques Vabre (TJV) im Duo gesegelt. Und da es sich bei allen teilnehmenden Klassen auch um typische Einhand-Boote handelt , entstehen bei der TJV häufig interessante Skipper-Konstellationen aus sonst „erbitterten Gegnern“. 

Über die alten Kaffee-Handelsrouten 

Doch die Transat Jacques Vabre steht auch für ein interessantes Sponsor-Konzept, das immerhin schon seit 1993 funktioniert. In der Tradition der Route du Rhum (die Strecke, auf der jahrhundertelang Rum aus der Karibik nach Frankreich (St.Malo) verschifft wurde) findet auch die TJV auf alten Handelsrouten statt. Nur dass nun eben Kaffee die namensgebende Rolle spielt. 

Transat Jacques Vabre,

Auch in Le Havre wird wieder richtig was los sein – eine halbe Million Zuschauer werden erwartet © archivbild TJV

Die Unternehmensgruppe Jacques Vabre ist Frankreichs größter Kaffeeimporteur und in der normannischen Hafenstadt Le Havre wird 80 Prozent des in Frankreich getrunkenen Kaffees umgeschlagen. Da ist es mehr als naheliegend, dass sich Stadt und Kaffeeröster Vabre zusammenschließen, wenn sie für sich und ihr gemeinsames Interessenprodukt Kaffee mehr Aufmerksamkeit erzielen wollen.

So kam 1993 die erste Regatta auf der klassischen Kaffee-Handelroute zustande und hieß folgerichtig dann auch „Route des Cafés“. Das Rennen war als Nachfolger der bis dato aufgelegten französischen Transat-Regatta gedacht und wurde noch einhand bestritten. Doch schon zwei Jahre später, bei der zweiten Ausgabe, stand Jacques Vabre als Hauptsponsor und Namensgeber im Logo. 

Transat Jacques Vabre,

Mehr als eine Woche lang wird vor dem Start gefeiert, was das Zeug hält © tjv

Nach der ersten „Route des Cafés“ hatten sich einige der damals tonangebenden Skipper kritisch über eine weitere Einhand-Regatta geäußert, die damals von den meisten Teilnehmern noch alleine finanziert werden mussten und nur selten mit größeren Sponsorgeldern bedacht wurden. Mit zwei Seglern an Bord entstand dann ab 1995 ein sportlich interessanter Kontrapunkt etwa zur Route du Rhum, was im Laufe der darauf folgenden Jahre auch von den französischen Medien goutiert und für gut befunden wurde. 

Seit Mitte der Neunzigerjahre wurden mehrere „klassische“ Kaffee-Verschiffungs-Häfen in Süd- und Mittelamerika angelaufen: Cartagena in Kolumbien, Salvador de Bahia in Brasilien, Puerto Limon in Costa Rica, Itajai in Brasilien, und in diesem Jahr wieder Salvador de Bahia. Die Stadt Savador gilt als etwa gleich alt wie Le Havre (500 Jahre), beide Städte sind UNESCO-Weltkulturerbe und standen vor allem während der Zeiten der großen Handelssegler Ende 17. bis Anfang 19. Jahrhunderts in voller Blüte. 

Insgesamt waren bei allen Transat Jacques Vabres bereits 389 Segler aus 23 Nationen am Start, seit 1995 segelten 300 Duos auf der Kaffeeroute gen Südwesten. Bei der diesjährigen Ausgabe werden 38 Boote mit 76 SeglerInnen aus neun Ländern dabei sein. 4.350 Seemeilen müssen (auf geradem, theoretischem Kurs) gesegelt werden – mehr als 8.000 Kilometer über den Atlantik, wofür die „Beziehungskisten“ zwischen zehn und 25 Tage Segelzeit einplanen. 

Im 44.000 qm großen Race-Village-Areal werden dieses Jahr eine halbe Million Besucher erwartet. (450.000 waren es 2015). 

Ein Highlight für Class 40

Für Hochseeklassen wie die Class 40, die per se für den Ein- und Zweihand-Einsatz konzipiert sind, bilden Regatten wie die Route du Rhum und eben auch die TJV einen Saisonhöhepunkt. Das schlägt sich auch in der Anzahl Teilnehmer nieder:  16 Boote sind zwar für die Klasse nicht gerade rekordverdächtig, man zeigt so allerdings weiterhin Präsenz auf internationalem Regattaniveau und empfiehlt sich als sympathische und seriöse Flotte mit teils hochtalentierten Skippern. 

Transat Jacques Vabre,

Oman Sail beim Fastnet Race © oman sail

Darunter Spannungsgaranten wie Sidney Gavignet mit arabischem Co-Skipper Fahad Al Hasni  („Oman Sails“),  Justine Mettraux und Bertrand Delesne („TeamWork“), Louis Duc und Alexis Loison auf ihrer nagelneuen, von Lombard gezeichneten „Carac“, Aymeric Chapellier und Arthur le Vaillant auf ihrem brandneuen Mach 40.3 „Enfance et Avenir“. Die „Stella Nova“ wird als einziges deutsches Boot an den Start gehen (Skipper: Burkhart Keese und Alexander Kraus).

Sieben Multi 50

Auch bei den sieben Multi 50 dürfte es hoch hergehen. Der dreifache TJV-Gewinner Erwan le Roux will sich der immer stärkeren Konkurrenz auch diesmal erwehren und hat seinen alten Kumpel (und Gegner) Vincent Riou an Bord geholt, mit dem er auf „FenetreA“ diesmal das Rennen wuppen will. 

Boris Herrmann Podiums-Aspirant

Die 12 IMOCA-Duos werden sich wohl ebenfalls nichts schenken. Drei Mixed-Teams sind dabei, von denen das eine oder andere auch ganz vorne im Klassement zu finden sein wird. Tanguy de Lamotte und Samantha Davies wiederholen in dieser Konstellation ihre vergangene TJV-Teilnahme, die Deutsch-Französin Isabelle Joschke will auf „Generali“ gemeinsam mit Pierre Brasseur (Sieger bei der TJV 2015 auf Class 40) Akzente setzen und Louis Burton und Servane Escoffier wollen auf ihrem Foiler Bureau Vallée (ex Banque Populaire, Sieger der Vendée Globe) die Sieger-Gene von Schiff und Crew überprüfen.

Jean Pierre Dick gilt gemeinsam mit Ex-Figaro-Star Yann Ellies auf „St. Michel Virbac“ ebenso als Favorit wie Paul Meilhat und Gewnolet Gahinet auf „SMA“. Allesamt dürften von den alten Kämpen wie etwa Kito de Pavant und Yannick Bestaven gejagt werden … um nur einige zu nennen. 

Transat Jacques Vabre,

Herrmanns “Malizia” unter frischen Bedingungen am Wind © herrmann

Besonders spannend: nach vielen Jahren wird endlich in der IMOCA-Szene wieder ein Deutscher als Sieg- oder zumindest Podiums-Aspirant genannt: Boris Herrmann auf seiner „Malizia“. Gemeinsam mit seinem IMOCA-Kollegen Thomas Ruyant (siehe SR-Artikel) dürfte der 36-jährige Oldenburger immer weit vorne beim Tracking zu beobachten sein.

Beim sommerlichen Fastnet-Race hatte Boris Herrmann (mit anderem Co-Skipper) mit einem dritten IMOCA-Rang bereits bewiesen, was in ihm und der ex „Baron de Rothschild“ steckt. Wir dürfen gespannt sein, wie sich nun das Duo Herrmann/Ruyant auf der Langstrecke schlagen wird. 

Wird „Gitana“ durchhalten?

Bei den drei Ultim-Trimaranen sind derzeit alle Blicke auf den brandneuen, foilenden Trimaran „Gitana“ gerichtet, der von Sebastien Josse und Thomas Rouxel überhaupt erstmals bei einer Regatta auf Herz und Nieren überprüft wird. Einhellige Meinung vieler Szene-Beobachter: Wenn alles hält und sich bewährt, dann sind die beiden nicht zu schlagen… wenn! Zumal Francois Gabart auf seinem Ultim Tri „Macif“ wahrscheinlich zeitgleich für einen Solo-Weltumrundungs-Rekord unterwegs sein wird.

Thomas Coville, der diesen Weltrekord vor 10 Monaten spektakulär einstellte, will jedoch ebenfalls die TJV für sich entscheiden. Gemeinsam mit seinem Freund und Weltumseglungs-Router Jean Luc Nelias  wollen die beiden nach dem Motto „never change a winning team“ mit perfekter Taktik und präzisen Wetterdeutungen die per se schnellere „Baron de Rothschild“ in ihre Schranken verweisen. Und wenn zwei sich streiten, dann gibt es ja bekanntlich immer noch den Dritten: Bernard Stamm wird gemeinsam mit Lionel Lemanchois auf der deutlich langsameren „Prince de Bretagne“ davon profitieren, wenn weiter vorne in der Hitze des Gefechts gewisse Unachtsamkeiten passieren. 

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Michael Kunst

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5 Kommentare zu „Transat Jacques Vabre: Rennen auf der Kaffeeroute – Boris Herrmann ist IMOCA-Favorit“

  1. Jetzt habe ich mal auf der Jaques Vabre Seite nachgesehen. Es gibt keinen Start eines deutschen Class40. Es wäre zwar interessant, die ehemalige Nivea – als momentan einzigem konkurrenzfähigen Class40 aus D – am Start zu sehen aber … dazu ist es offensichtlich nicht gekommen.

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    • avatar Michael Kunst sagt:

      Stella Nova, durchaus konkurrenzfähige Class 40 (4. Les Sables – Horta, 10. Fastnet-Race) mit Skipper Burkhart Keese, war ursprünglich gemeldet, wurde mittlerweile aber wieder aus der Teilnehmerliste heraus genommen.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

    • Sorry Michael – Da hätte ich etwas besser recherchieren können. Stella Nova ist nicht wesentlich älter als die vormalige Nivea und hat einige bemerkenswerte Erfolge – auch unter Burkhart Keese – eingefahren. Wäre sicher interessant gewesen.

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  2. avatar Breizh sagt:

    Auf zur Kaffeefahrt mit interessanten Skipperkompinationen.
    Das Feld der Class 40 wächst mit neuen Booten anscheinend kräftig weiter. Nur leider nicht mit Deutschen Skippern(innen). Bei der Stella Nova ist die Herkunft anscheinend nicht ganz klar aber einen neues Boot ist sie wohl nicht. Höre aber auch zum ersten Mal von dieser Class40. Welches Boot war es denn vorher und welche Ziele haben denn die beiden Skipper?Vielleicht doch die Ex-Niveau mit neuem Namen? Dann ist zu hoffen, dass sie vor dem Start noch einmal aus dem Wasser gekommen ist. Denn der letzte Eindruck, den sie auf mich gemacht hat, war der eines Seegraszüchters. Wirklich traurig. Aber dafür hat sie jetzt die Initialen eines großen Hamburger Yachtclub am Heck 😉. Wirkt in Frankreich eher deplatziert insbesondere in Kombination mit dem Unterwasserschiff und dem Gesamtzustand.
    Bei den Imocas bin ich gespannt, ob Boris Herrmann seine gute Platzierung aus dem Fastnet wiederholen kann. Aber einen Inside-Reporter gibt es diesmal wohl nicht? Wie wäre es damit Ihr Segelreporter? Hoffe, dass er an die guten Ergebnisse von Jörg Riechers bei den ehemaligen Handelsrouten anknüpfen kann. Wobei es die Schokoladen-Route ja nicht mehr gibt. Geschmacklich würde sie mir auch am meisten Zusagen 🍫.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

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