Vendée Globe: Riechers ärgert sich über Jury – Solidarität der Konkurrenten

"Skandalös"


Day 54 Highlights von VendeeGlobeTV

Jörg Riechers ärgert sich bei der Vendée Globe über die Disqualifikation von Bernard Stamm, erläutert die “taktisch spannendste Phase” und warum Gabart manchmal schneller ist.

Bernard Stamm puscht seinen Open60.

Bernard Stamm puscht seinen Open60. Das Potenzial für einen vorderen Platz ist vorhanden. © JEAN MARIE LIOT / DPPI – CHEMINEES POUJOULAT / SKIPPER BERNARD STAMM

Das Vendee Globe hat einen weiteren Höhepunkt hinter sich – das unglaubliche Spitzenduo des Rennens hat das Kap Horn gerundet. Mal wieder hat Francois Gabart seine Extraklasse unter beweis gestellt und das magische Kap knapp vor seinen “Widersacher” Armel Le Cleach gerundet.

Mittlerweile lässt sich auch ein Schema erkennen, wer von beiden wann schneller ist. Bei harten Raumschotsbedingungen ist Francois Gabart klar überlegen. Bei weniger als 18kn scheint Armel LeCleach die besseren Karten zu haben. Für mich scheint es klar, dass beide ihre Segelsätze unterschiedlich abgestimmt haben, denn die Boote sind identisch und die Segler haben beide den gleichen hohen Standard.

Dieses Rennen ist alles andere als entschieden. Die beiden haben das wettertechnische Minenfeld des Südatlantiks vor sich, das durchaus für eine Vorentscheidung sorgen könnte. Hier kann sich ein Rückstand von 30 Meilen irrsinnig schnell vergrößern weil man ein “Wettergate” verpasst hat, oder der Führende sich gerade noch in ein aktives Wettersystem mogeln konnte. Taktisch geht das Rennen in seine spannendste Phase.

Verfolger Dick und Thomson kommen auf

Das jüngste Foto von Bernard Stamm. "Etwas schöne Natur, um die Laune etwas zu verbessern"

Das jüngste Foto von Bernard Stamm. “Etwas schöne Natur, um die Laune etwas zu verbessern”, schreibt er. “Gut für die mentale Gesundheit.” © Bernard Stamm / Cheminées Poujoulat / Vendée Globe

Für die beiden Verfolger sieht es auch nicht so schlecht aus. Die beiden rauschen mit soliden Raumschotsbedingungen um 25 bis 30 Knoten zum Kap Horn, während sich das Führungsduo mit einer kleinen Hochdruckzelle bei den Falklandinseln rumschlagen muss. Man sollte Jean Pierre Dick also noch mit ganz abschreiben.

Hinter ihm segelt Alex Thomson ein grundsolides Rennen ohne Fehler. Der Abstand zur Spitze von mittlerweile 800 Meilen, liegt an seinem kleinen Speed-Manko, welches seinem 4 Jahre älteren Boot geschuldet ist.

Dahinter zeigt Jean Le Cam ein äußerst einsames Rennen. Nach vorne hat er einen Abstand von 1200 Meilen. Da dürfte nicht mehr viel gehen. Und hinter sich muss er nur Bernard Stamm fürchten, alle anderen sind schlicht und einfach zu langsam, um ihn zu gefährden.

Mit Null Fingerspitzengefühl gegen Stamm entschieden

Was mich auch zum “Aufreger” des Rennens bringt. Ich persönlich finde es skandalös Bernard Stamm für das Festmachen an einem russischen Forschungsschiff zu disqualifizieren. Hier hat eine Riege von alten Männern, die noch nie Einhand gesegelt ist mit Null Fingerspitzengefühl über etwas entschieden was sie im Entferntesten nicht nachvollziehen kann.

Bernard Stamm hat 2008 in einer ähnlichen Situation sein damaliges Boot verloren. Er hat hier nur seemännisch korrekt gehandelt und eine Kollision mit dem russischen Forschungsschiff vermieden. Dass die Russen auch genauso seemännisch handelten und eine Kollision verhinderten, sollte man ihnen nicht verdenken.

Liebe Jury, das waren Wissenschaftler und Seeleute, die interessieren sich nicht für das Vendee Globe und haben folglich auch nicht die Segelanweisungen gelesen. Bernards einziger Fehler war es, ehrlich zu sein. Sollte man das Bestrafen und gleich so drastisch? Ich denke nicht. Die Jury sollte ihre Entscheidung überdenken.

Ein Rennen wie das Vendee Globe lebt von Träumen und von der Freiheit. Beides kommt in unserer Gesellschaft oft zu kurz. Wir Einhandsegler sind es, die Menschen im Alter von 10 bis 90 Jahren zum Träumen bringen, sie mitnehmen auf unsere Reisen, unsere Freiheit mit ihnen teilen. Nimmt man diese Freiheit, dann tötet man die Träume und nimmt diesem Sport was ihn ausmacht. Aber wie sollen Funktionäre das auch nachvollziehen können? Sie kennen nur Regeln und Planvorgaben keine Träume…

Die Stimmen der Gegner

Jean Le Cam: “Bernard hat wie ein guter Segler gehandelt. Er tat alles, um sein Boot zu retten und wurde dafür bestraft. Das ist, als würde man von einer Klippe hängen, bekäme eine Hand gereicht und würde sagen, `geht nicht. Die Regeln sagen, dass ich keine Hilfe annehmen darf´. Ich habe der Jury eine Mail geschrieben, dass man solche Entscheidungen nicht treffen kann.”

Jean-Pierre Dick: “Ich find es empörend. Ich bin geschockt von der Nachricht. Die Entscheidung der Jury ist völlig unverhätnismäßig.”

Dominique Wavre: “Ich habe Bernard eine Mail geschickt und meine Solidarität und Freundschaft ausgedrückt. Ich habe keinen Zweifel, dass er alles getan hat, um sein Boot zu sichern. Die Entscheidung der Jury möchte ich nicht kommentieren.”

Mike Golding: “Ich sehe die Denkweise hinter der Entscheidung. Die Regeln sind die Regeln und alles das. Aber wenn man die Geschichte von Bernard kennt, dann fühlt es sich nicht richtig an…Alle, die Bernard folgen, werden unglücklich mit der scheinbar herzlosen Jury sein, die eine Entscheidung traf, die sie vielleicht treffen musste.”

Alex Thomson: “Ich verstehe die Gründe für die Disqualifikation fühle aber, dass es zu hart ist nach der ganzen Arbeit, die er in die Reparaturen gesteckt hat. Und angesichts seines verlorenen Schiffes 2008. Ich fühle mit ihm.”

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18 Kommentare zu „Vendée Globe: Riechers ärgert sich über Jury – Solidarität der Konkurrenten“

  1. avatar Felix sagt:

    Lieber Herr Riechers,

    Ich kann nachvollziehen wenn Sie mit der Entscheidung der Jury “unzufrieden” sind.

    Die Jury jedoch als >> eine Riege von alten Männern<< die "keine Ahnung" haben zu bezeichnen halte ich gelinde gesagt für mehr als unpassend.

    Beste Grüße

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    • avatar doubletrouble sagt:

      Riechers, Stamm, die Jury und die meisten Segler der VG sind alles Leute mittleren Alters. Von daher ist der Spruch nicht okay.

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      • avatar manfred sagt:

        Keine Ahnung von Einhandseglern! Sind bestimmt sonne Judges die jollen und kleinere kurzweilige dickschiffregatten wie cowes week judgen könnte ich mir vorstellen. Die kennen Einhandrennen doch nur inform von ben der pumpend in seinem finn sitzt.

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        • avatar wau sagt:

          Wenn die Faktenlage ergibt, dass eine Regel gebrochen wurde und die SI keine andere Möglichkeit der Bestrafung vorsieht muss eine Jury so bestrafen.
          Etwas anderes sieht die WR nicht vor.

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      • avatar mika sagt:

        es war ja auch von “alten männer die nie einhand gesegelt sind” die rede…

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    • avatar Michael sagt:

      Wo hat Herr Richers denn geschrieben, das die “alten Männer” keine Ahnung haben? Er schrieb nur:
      “Hier hat eine Riege von alten Männern, die noch nie Einhand gesegelt ist mit Null Fingerspitzengefühl über etwas entschieden was sie im Entferntesten nicht nachvollziehen kann.”

      Und das kann ich auch nachvollziehen. Man kann sicherlich über Strafen für das Vergehen nachdenken, Aber eine offizielle Rüge hätte es sicherlich auch getan.

      Wie gesagt, hat er sich ja keine Vorteile erschlichen sondern nur sein Boot gerettet.

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    • avatar Andreas Borrink sagt:

      Von “keine Ahnung” kann ich da nichts lesen, nur “….noch nie Einhand gesegelt….” und “….Null Fingerspitzengefühl….” Also, Blog bitte lesen vorm Kommentieren.

      Jörg, ich finde Deinen Artikel absolut nachvollziehbar und durchaus moderat, obwohl ich natürlich nicht weiss, ob die Damen (Ana Sanchez ??) und Herren alt (muss kein Nachteil sein) und wirklich nie Einhand gesegelt sind. Auch mir tut der gute Bernard Stamm wahnsinnig leid und ich hoffe, er wird weiter als Teilnehmer geführt und gewertet. Heute Morgen ist ja wenigstens das “NL” verschwunden und er ist wieder in der Liste, das lässt hoffen.

      Bei allem Mitgefühl habe ich aber auch – in ungefährer Kenntnis der Funktionsweise eines guten Rechtssystems – ein gewisses Verständnis für das Verhalten der Jury. Gesetze, auch vermeintlich schlechte (auch Segelanweisungen sind Gesetze) müssen im Wortsinne eingehalten werden; geduldete Beugungen dieses Sinns öffnen Tür und Tor für Manipulation, Korruption und Anarchie. Erinnert Ihr Euch noch an den tragischen Fall Jacob von Metzeler? Da hat ein couragierter Polizist getan, was jedermann’s Verlangen nach Gerechtigkeit befriedigt hat. Trotzdem (und leider) war es eine Rechtsbeugung und damit ein Anschlag auf die Demokratie. Dementsprechend unpopulär war die letztlich richtige Entscheidung, ihn zu verknacken.

      Vielleicht alles etwas zu hoch angesetzt, aber ich möchte da doch die Funktionäre in Schutz nehmen. Das sind Leute, die aus – manchal schwer nachvollziehbaren Beweggründen – einen Job machen, mit dem Sie sich zwangsläufig immer ‘mal wieder Ablehnung und Unverständnis einhandeln. Und doch muss er gemacht werden, wenn faire Regatten gesegelt werden sollen.

      Von mir übrigens möglichst auch nicht…..

      Würde mich freuen, dazu noch was lesen zu können.

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  2. avatar mika sagt:

    danke jörg, ganz besonders der letzte abschnitt trifft es genau warum so viele nur noch mit den kopf schütteln…

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  3. avatar wooling sagt:

    Lieber Jörg,
    klare Ansage, die mir aus dem Herzen spricht. Aber egal ob die Jungs alt oder neu sind: Dieter Bohlen sollte auch kein Orchester dirigieren.

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  4. avatar Peter der Zwote sagt:

    Inhaltlich nachvollziehbar, im Ton völlig daneben.
    Herr Riechers könnte sich ja auch, anstatt immer selbst zu segeln, mal als Funktionär betätigen, sich in eine Jury setzen oder mal frischen Wind und Fachkompetenz in die “Alte-Männer-Gremien” bringen.

    Die meisten Funktionäre würden sich um Unterstützung und engagierten Nachwuchs freuen.

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  5. avatar mika sagt:

    “Inhaltlich nachvollziehbar, im Ton völlig daneben.”

    klingt für mich schon wieder wie jury. da wo das meer rauh und erbarmungslos ist sind die worte vielleicht auch derber. hab kein problem wenns ehrlich aus dem herzen kommt, zu mal von jemanden der die szene nicht nur von aussen betrachtet. wenn die regeln den geist des rennens zerstören anstatt zu beschützen sollte man die regeln einfach mal aussen or lassen. erinnern wir uns an vincent riou vor vier jahren, gabs dafür ne regel? nein aber wegen geschichten wie diesen hab ich vier jahre dem start entgegengefiebert…

    das gute an der sache… das ausmass der solidarität ist ungaublich. wirft man ein blick auf die vendee seite oder auf die seite von stamm werden es immer mehr und mehr für ihn sprechen, die die direkt gegen ihn fahren waren die ersten…. da ist er der geist der vendee globe!

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  6. avatar Marsha sagt:

    Cheminées hat laut Tracker TWA 0º – DTL ist auch O. Also haben sie ihn wohl aus dem Rennen genommen. Sie könnten ihn doch weiter tracken – zumindest bis der Appeal entschieden ist.
    Es drängt sich auf, dass diese Herren nun gerade auf stur schalten.

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  7. avatar doubletrouble sagt:

    Er wird als NL – not located – geführt. Das hat noch nichts zu bedeuten.

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    • avatar Uwe sagt:

      …vielleicht hat er vor Wut seinen Tracker abgetreten und heizt jetzt im Stealthmode. 🙂 Für uns wäre das doof.

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  8. avatar Uwe sagt:

    Political correctness ist nicht immer das Gebot der Stunde. Vielleicht hat Jörg da etwas zu scharf formuliert – in der Sache hat er meiner Meinung nach recht. Abkürzen durchs TSS also Vorteil wird mit mickrigen Zeitstrafen geahndet und dann die russische Mooringaktion ohne Vorteil derart drastisch – das ist nicht vermittelbar. Hätte Bernard nix gesagt – niemand hätte etwas erfahren. So wird Fairness und Ehrlichkeit nicht gerade gefördert. In Zukunft halten wahrscheinlich alle die Klappe und tapen Ihre Kameras zu.

    Auch für mich hat jetzt die Vendee Globe stark an Attraktivität eingebüßt. Vor allem seit Bernard vom tracker genommen wurde. Der hat jetzt so ‘ne Wut und wird sich sicher noch bis Europa vor Mike Golding schieben.

    Gerade Bernard Stamm ist ein Paradebeispiel des Niemals-Aufgebens bei seiner Vergangenheit. Manch Anderer wäre jetzt wohl suizidgeefährdet…

    Die Jury muss aber nach objektiven Kriterien urteilen und nicht nach dem “Druck der Strasse” oder geplatzten Träumen. Damit hat es sich.

    Jörg, der letzte Absatz von Deinem Kommentar ist ja richtig poetisch!

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    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      du solltest deinen nick kennzeichnen, um dich von anderen hier postenden “uwes” zu unterscheiden

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  9. avatar Manfred Schreiber sagt:

    Klasse Beitrag Jörg,
    und lass dich nicht beeinflussen in deiner Schreibe. Kann doch nicht sein, dass man alles weich spült wie in der Politik, bloss keinem auf den Schlips treten. Die Worte müssen raus, dann gibt es auch Diskussionen. Sieht man doch hier deutlich. Lahmer Beitrag = null Kommentare.

    Und zum Thema zurück: Da gehe ich mit Andreas Borrink. Ob die Regeln im Originaltext (sicherlich französisch) eine Interpretation im Hinblick auf “Sicherheit” durch Kollisionsabwendung seitens Dritter zulässt, kann ich nicht beurteilen. Vielleicht gibt es bei der nächsten Ausführung einen “Stamm §”. Dann hat die Diskussion (nicht hier) wenigstens etwas genützt. Einer muss immer der erste sein, der so etwas in Gang setzt. Dann kann er immer noch Seahorse Segler des Monats werden.

    Ach übrigens: Habt ihr diesen Monat schon für Giovanni Belgrano gestimmt? Ein Deutsch Italiener (Freund von AB und mir), der im NZ AC Team massgeblich dazu beiträgt, dass die ETNZ fliegt. Der Einfachheit halber hier: http://www.seahorsemagazine.com/sailor-of-the-month

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  10. avatar CaptainTom sagt:

    Habe gestern die ePetition mitgezeichnet, die sich für Stamm einsetzt (denn der Widerspruch läuft ja noch). Hier kann man sich eintragen (leider alles in Französisch):
    http://www.petitions24.net/bernard_stamm_en_course
    Und hier, in einer Facebook-Gruppe pro Bernard, Solidarität zeigen:
    http://www.facebook.com/#!/PourQueBernardStammNeSoitPasDisqualifie

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