Vendée Globe: “Hugo Boss” stark durch Doldrums – Gegner suchen Thomsons Achillesferse

"Raten und Glück haben"

Es läuft für Alex Thomson. Dem überraschenden Comeback hat er eine perfekte Passage der Doldrums folgen lassen. Aber es gibt genügend Gründe, warum sich seine Fans nicht entspannen können.

So richtig viel nachzudenken scheint Alex Thomson bei seinem aktuellen Rennen nicht. Erfrischend unbekümmert macht er seine Fehler – und bügelt sie danach umso beeindruckender wieder aus. “Es war heute ein fantastischer Tag”, jubelt er. “Es war die einfachste Passage der Doldrums, die ich je hatte.” Es sei wirklich unglaublich gewesen. Nahezu ohne Stopp ging es durch die Flautenzone.

Thomson ist eigentlich an der breitesten Flauten-Stelle durch die Doldrums passiert. Aber er wurde trotzdem nicht gebremst.

Thomson ist eigentlich an der breitesten Flauten-Stelle durch die Doldrums passiert. Aber er wurde trotzdem nicht gebremst.

Der Brite wählte die direkteste südliche Route durch die neuralgische Stelle, und entgegen vieler Vorhersagen funktionierte der Coup erneut.  Er habe gar nicht auf die Gegner gesehen, sagt er. “Man kann auch nicht auf die GRIB Files sehen und Schlüsse daraus ziehen. Sie bedeuten nicht viel.” Man könne auch auf Satellitenbilder oder andere Quellen sehen aber es sei immer noch viel Raterei und Glück im Spiel.

“Für mich ist das keine feststehende Wissenschaft”, glaubt Thomson in Bezug auf die Vorhersage der Doldrum-Aktivität.  Wenn man allerdings mit seinem Wetter-Guru Jean Yves Bernot rede, höre sich das doch wie Wissenschaft an. “Aber ich bin einfach meine Winkel entsprechend des Windes gesteuert, um so schnell wie möglich da rauszukommen. Ich hasse das.”

Schweißperlen auf der Stirn

Bei der vergangenen Vendée Globe habe er in den Dodlrums 36 Stunden nicht schlafen können, und darauf sei er jetzt auch vorbereitet gewesen. Aber nun ging es so schnell wie nie.

Thomson hat mit seinen jüngsten Entscheidungen sehr richtig gelegen. Aber dennoch zeigen seine Äußerungen eine Einstellung zu diesem Rennen, die seinen Fans noch einige Schweißperlen auf die Stirn treten lassen werden.

Armel le Clech'h bei der Kapverden Vorbeifahrt. Hat er sein Pulver schon verschossen?

Armel le Clech’h bei der Kapverden Vorbeifahrt. Hat er sein Pulver schon verschossen?

Der erfahrene Einhand-Skipper macht sein Ding und kümmert sich nicht um die Konkurrenz. Das ist ziemlich spannend für die Zuschauer, aber bei dieser Art zu segeln entstehen immer wieder große Querabstände, die es schwer machen, die Gegner zu kontrollieren.

So ist auch der große Vorsprung zu diesem Zeitpunkt des Rennens nicht unbedingt hilfreich, auch wenn es paradox klingt. Wenn “Hugo Boss” jetzt tatsächlich das schnellere Schiff ist, wäre es eine sichere Strategie, einen kontrollierten Abstand zu halten, um auf jeden Split-Versuch der ärgsten Kontrahenten zu reagieren.

Risiko Abwägung

Aber eine solche Denkweise im Spiel mit der Risiko-Abwägung ist Thomson fremd. Man lernt sie in Einheitsklassen-Flotten und ein Armel Le Cleac’h, hat diese Taktik der Sieger im ultraharten Figaro-Zirkus eingeimpft bekommen. Auf beiden Gebieten hat er kaum Erfahrung. Deshalb muss er volles Risiko gehen, um dieses Rennen zu gewinnen.

Risiko ist schon in seine Yacht eingebaut worden. Das vergleichsweise wenig breite Design mit den längsten und schmalsten Foils der Flotte ist auf spezielle Wetterbedingungen und Windwinkel zugeschnitten. Es muss sich erst noch zeigen, wie gut es um die Allround-Leistungsfähigkeit bestellt ist. Es mag eine Achillesferse geben. Wenn sie von den Konkurrenten gefunden wird, ist der Brite sehr verletzlich.

Bis dahin donnert er einfach vorneweg und ignoriert das Spiel der Gegner. Für eine Le Cleac’h muss das auch schwierig sein. Thomson verhält sich nicht so, wie er es erwarten kann. Diese Unberechenbarkeit ist vielleicht die stärkste Waffe des schwarzen Bootes.

Angriffe der Meute

Aber nun ist Alex Thomson auch immer mehr auf sich alleine gestellt. Bis zu den Doldrums konnten die Wetterexperten in seinem Team vielleicht noch Szenarien erarbeiten, die er einfach absegelte. Ein wenig hört es sich so an, das er die erste kostspielige Halse nach diesem Muster platziert hatte.

Aber mehr als eine Woche können die Wetterfrösche nicht voraussagen. Nun muss sich zeigen, ob der Brite die Angriffe der hetzenden Meute abwehren kann, indem er sich geschickt vor ihr platziert.

Außerdem ist es spannend, ob sein Schiff auch den neuen Modus beherrscht. Der Wind kommt stark und deutlich spitzer von vorne als bisher. Er muss höher knüppeln statt tief zu foilen. Aber vielleicht meistert sein IMOCA auch diesen Gang.

Das östliche Durchfahren der Doldrums beschert ihm auf jeden Fall eine Luvposition, die er in einen weiteren Meilengewinn umsetzen kann. Außerdem kommt er schneller in den stärkeren Wind. Das wird erst einmal den Vorsprung weiter erhöhen, wenn er den Speed der anderen halten kann.

Paul Meilheit auf der ex Siegeryacht "Macif" war vor den Doldrums knapp hinter "Safran" grau platziert auf Rang sieben.

Paul Meilheit auf der ex Siegeryacht “Macif” war vor den Doldrums knapp hinter “Safran” grau platziert auf Rang sieben.

Die Konkurrenz muste in der Flautenzone nach Westen abbiegen...

Die Konkurrenz muste in der Flautenzone nach Westen abbiegen…

...Meilhat rutschte östlich auf der Innenkurve vorbei und ließ besonders Lagravière stehen...

…Meilhat rutschte östlich auf der Innenkurve vorbei und ließ besonders Lagravière stehen…

...um auch den Foiler "Maitre Coq" deutlich stehen zu lassen. Die Flügel bremsen. Auch PRB (orange) gewinnt im direkten Vergleichzu Josse.

…um auch den Foiler “Maitre Coq” deutlich stehen zu lassen. Die Flügel bremsen. Auch PRB (orange) gewinnt im direkten Vergleichzu Josse.

 

 

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Carsten Kemmling

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