Vendée Globe: Schock für Alex Thomson – Der Pazifik fordert weitere Opfer

"Das hätte mich mein Rennen kosten können"

Alex Thomson konnte bei der Vendée Globe ein Desaster nur knapp verhindern. Hat er noch eine Chance, die Spitze anzugreifen? Am Ende des Feldes laufen Tränen.

Armel le Cléac’h hat den Angriff seines britischen Widersachers souverän abgewehrt. Der Vendée-Globe-Führende erreichte den stabilen Südost zuerst und legte in den vergangenen 24 Stunden gleich 75 Meilen mehr als Alex Thomson zurück. Der Vorsprung ist wieder auf 226 Meilen angewachsen, und es sieht so aus, als würde diese Tendenz anhalten. “Banque Populaire VIII” genießt stärkeren und vorteilhaft gedrehten Wind.

Le Cleac'h (blau) segelt Thomson davon und von hinten rast Beyou (rot) heran.

Le Cleac’h (blau) segelt Thomson davon und von hinten rast Beyou (rot) heran.

Le Cleac’h beschreibt die vergangenen Stunden als sehr anstrengend. Der Durchzug von Böen und Wolken mache eine hohe Aufmerksamkeit erforderlich. Mit drei Wenden hat sich die aktuelle Nummer eins auf die Steuerbord-Anliegelinie vorbei an Brasilien gebracht und steuert nun auf direktem Weg den Äquator an. “Die Manöver fallen körperlich immer schwerer, aber nach 50 Tagen auf See wissen wir, was wir tun. Die Doldrums sind das nächste Hindernis. Aber ich hoffe, dann wieder eine klare Führung aufgebaut zu haben, um die Flautenzone mit einem klaren Kopf angreifen zu können.”

Riggverlust schien sicher

Seinen Gegner ist er erst einmal wieder los. Alex Thomson freut sich zwar über den Wind von Steuerbord, auch wenn er immer noch hoch am Wind segeln muss. Aber er berichtet über einen erneuten Schock. Im Video beschreibt er den Vorfall als “interessante Zeit”. Das scheint etwas untertrieben, denn immerhin hat sich mit einem Knall das Vorstag am Bug aus der Verankerung gelöst.

“Mein Kopf war sich sicher, dass nun das Rigg herunter fallen würde.” Der Skipper sprang unter Deck auf, um den Schaden zu begutachten, stellte dann aber das lose Vorstag fest. Offenbar war ein Bolzen der Rollanlage unter Deck gebrochen oder er hat sich herausgearbeitet.

Der gebrochene Vorstag-Beschlag auf Hugo Boss

Der gebrochene Vorstag-Beschlag auf Hugo Boss

Danach pendelte das Stag mit dem flatternden Segel über Deck und schlug mit dem scharfkantigen Bruchstück an verschiedenen Stellen auf dem Boot ein. Thomson fiel vor den Wind ab, um das wirbelnde Ende des Vorstags wieder einzufangen. Der Mast wurde von den zwei weiteren Vorsegel-Stagen in Position gehalten. Danach sei es ihm gelungen, das Segel an einer anderen Rollanlage zu befestigen. Offenbar nutzt er nun die zweite etwas nach hinten versetzte Vorstag-Befestigung. “Ich habe ein paar Meilen verloren, aber das hätte mich wirklich das Rennen kosten können.”

Thomson gehandicapt

Thomson zeigt auch, dass seine Windmessanlage bei dem leichten Wind nicht funktioniert. Das hat großen Einfluss auf die Funktionsweise des Autopiloten. Der schafft es offenbar nicht “Hugo Boss” stabil mit dem eingestellten Windwinkel zu segeln. Im Video justiert der Skipper immer wieder den Kurs per Knopfdruck nach.

Das alles sind keine guten Aussichten für einen vielversprechenden Angriff auf die Führungsposition. Aber bei dem Briten weiß man nie. Vielleicht parkt Le Cleac’h doch noch einmal entscheidend bei Doldrums ein.

Le Cleac'h kann sich wieder absetzen, Beyou kommt von hinten.

Le Cleac’h kann sich wieder absetzen, Beyou kommt von hinten.

Aber einen risikoreichen Extremschlag kann sich der Brite auch nicht erlauben. Denn plötzlich muss er auch mal wieder nach hinten über die Schulter sehen. Von dort ist Jérémy Beyou auf fast 400 Meilen heran gerast. Er konnte raumschots rutschen, während die Kollegen vorne kreuzten. Nun ist er im gleichen Wettersystem wie die Führenden angelangt und muss auch die Schoten wieder dicht nehmen und Meilen-Verluste hinnehmen.

Colmans Unglück

Weiter hinten im Feld passieren weiter die üblichen Dramen. Dabei steht besonders das Schicksal des Neuseeländer Conrad Colman im Fokus, dem wie Alex Thomson das Vorstag vom Bug abriss. Aber im Unterschied zu dem Briten passierte dem Kiwi das Unglück im schweren Süd-Pazifik-Sturm bei mehr als 60 Knoten Wind.

Colman ist immer noch nicht auf Kurs. Er nähert sich Point Nemo

Colman ist immer noch nicht auf Kurs. Er nähert sich Point Nemo

Es gelang ihm lange Zeit nicht, das wie eine Fahne am Mast flatternde zerfetzte Segel zu bergen, und er verschanzte sich auf dem krängenden Schiff unter Deck. Ein gebrochener Bolzen soll der Grund für die gefährliche Sitation sein. Er hat Ersatz an Bord, aber die aktuellen Bedingungen machen es unmöglich, den Bolzen zu ersetzen. Zurzeit treibt er immer noch mit zwei Knoten Speed in die falsche Richtung. Immerhin hat er den Mast sichern können.

Erfolgreicher bei der Reparatur war der Schweizer Alan Roura, der sich bei einer Kollision mit Treibgut ein Ruderblatt abgerissen hat. Er verlor zwar 60 Meilen und den 12. Platz an Fabrice Amedo, aber ihm gelang es trotz 40 Knoten Wind das vorgesehene Ersatz-Blatt zu installieren und ist wieder auf Kurs.

Spanier reißt Großsegel

Dahinter hat der Spanier Didac Costa große Probleme, nachdem sein Großsegel gerissen ist. Er musste es bergen und wartet nun auf abflauenden Wind, um es wieder reparieren zu können.

Auf dem letzten Platz ist Sébastien Destremeau der Verzweiflung nahe bei seinem Stopp vor Tasmanien. Er will vor der Pazifik-Passage das Rigg checken und weitere Reparaturen vornehmen. Dabei gelang es ihm mehrfach nicht, die angepeilte Mooring-Boje in der Esperance Bay unter Segeln anzusteuern, wie von den Vendée-Globe-Regeln gefordert.

Destremeau parkt in Tasmanien

Destremeau parkt in Tasmanien

“Ich weinte 15 Minuten lang wie ein Baby.” Der Stress und die Angst, das Schiff im unbekannten Seegebiet auf die Felsen zu setzen, wurde zu groß. Er verließ die Bucht und wollte schon aufgeben, aber dann klappte es doch noch bei einem nächsten Versuch. Der Riggcheck schien auch nötig. Er muss nun  Laminierarbeiten an einer Saling erledigen.

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Carsten Kemmling

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