Vendée Globe: Thomson verkürzt den Rückstand auf 88 Meilen – verrücktes Tempo

"On fire!"

Bei starkem Wind zeigt Alex Thomson, dass “Hugo Boss” bei dieser Vendée Globe immer noch schneller ist als “Banque Populaire”. Er holt weiter auf.

“The boat is on fire!” Alex Thomson schreit es mit weit aufgerissenen Augen über den Atlantik. Als könne Armel Le Clea’ch ihn hören. Der Geschichtausdruck kann einem Angst machen. Nicht nur “Hugo Boss” ist “on fire”, auch der Skipper. Mit fast 30 Knoten ballert er über den Atlantik und nagt Meile um Meile vom Vorsprung des Gegners ab.

"The boat is on fire", schreit Alex Thomson mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera.

“The boat is on fire”, schreit Alex Thomson mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera.

Nur noch 88, 5 Meilen sind es vor der Nacht, und Thomson zeigt, dass sein schwarzer Renner bei den aktuellen Raumschots-Bedingungen zwischen 17 und 30 Knoten einfach schneller ist als “Banque Populaire”.

Diesmal haben die beiden Kontrahenten fast gleichzeitig mit dem von Osten einsetzenden Wind neuen Speed aufgenommen, obwohl Thomson mehr als 100 Meilen achteraus lag. Nun geht es darum, noch einmal alles aus den Boliden rauszukitzeln was drinsteckt.

Auf die Tube drücken

Normalerweise würde es in dieser Phase des Rennens kaum 1000 Meilen vor dem Ziel darum gehen, vorsichtig das nach zweieinhalb Monaten auf See extrem belastete Material zu schonen. Aber dieser verrückte Brite drückt so sehr auf die Tube, dass es sich der Franzose auch nicht leisten kann, vom Gaspedal zu gehen.

Armel Le Cleac'h

Armel Le Cléac’h bei der Arbeit. © BPCE

Wie sehr diese Typen Druck machen, lässt sich daraus ableiten, dass sie einen solch hohen vier-Stunden-Schnitt erreichen, wie erst einmal in diesem Rennen. Thomson liegt bei 23, 4 Knoten (am 19.11 waren es 24,4 Knoten) und Le Cléac’h bei 21,9 Knoten (22,1 am 22.11.). Erstaunlich, dass die Boote und Skipper das noch hergeben.

Die beiden Führenden puschen gerade so sehr wie erst einmal im Rennen.

Die beiden Führenden puschen gerade so sehr wie erst einmal im Rennen.

Thomson sagt zwar im Interview mit der Rennleitung erst , dass die Welle nicht besonders gut läuft für Höchstgeschwindigkeiten und er sich Sorgen macht, ob das Boot auch hält. Aber im aktuellen Video beschreibt er die Bedingungen als “fantastisch”. Es sei allerdings sehr böig in einem Bereich zwischen 16 und 24 Knoten und er dürfe nicht zu “verrückt” segeln.

Der Körper ist ausgelaugt

Zuvor hatte er beschrieben, dass er sehr ausgelaugt sei und in den vergangenen Tagen versucht habe, so viel zu schlafen wie möglich, um sich besonders auf die Endphase des Rennens bei leichtem Wind vorzubereiten. “Ich bin manchmal ziemlich schwach. Und mein Körper fühlt sich so an, dass er kurz davor ist, eine längere Ruhepause einzufordern.” Aber er sei ja schon nahe dran, zwei von drei Zielen zu erreichen. Erstens: Im Ziel ankommen. Zweitens: einen Podiumsplatz belgen. Das dritte mögliche Ziel “Gewinnen” sei sogar auch in Reichweite.

Die Führenden nähern sich der Flautenzone.

Die Führenden nähern sich der Flautenzone.

Thomson drückt damit aus, dass er momentan fast nichts zu verlieren hat. Auch taktisch ist es einfach. Er segelt seinem Gegner im Moment einfach hinterher und holt durch den besseren Speed Meile um Meile auf.

Damit bessert sich seine Ausgangsposition für das Finale, das sehr von einem Tief beeinflusst wird. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch werden die beiden Duellanten eingebremst und es geht darum, in der Biskaya den frischen Nordost-Wind zu erreichen. Da scheint noch einiges möglich.

Ghandi Spruch für Thomson

Es gibt schon einige, die auf den Briten als Sieger setzen. Der Einhandsegler Nicolas Boidevézi twittert einen Ghandi-Spruch: “Erst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann kämpfen sie gegen dich, dann gewinnst du.” Er mag perkfekt das Verhältnis von Thomson zu französischen Segelszene beschreiben.

Aber so weit ist es längst noch nicht. Und nach wie vor sieht das Wetter so aus, als müsse Thomson die letzten Meilen mit Wind von Backbord hoch am Wind segeln bei starkem Druck segeln. Ohne Foil ist das genau seine verwundbare Seite.

Einhand-Weltrekordler Thomas Coville tippt deshalb auch auf den Franzosen als Sieger. “Er segelt ein brilliantes Match”, sagt er den französischen Medien. Aber er hat auch großen Respekt vor Thomson. “Eines Tages wird er gewinnen.” Er glaubt, dass er die nötige mentale Stärke hat, und ist sich sicher: “Ohne das gebrochene Foil würde er schon jetzt gewinnen.” Sein Boot sei leichter und besser für die Foils ausgelegt. Es habe allen Gegnern bei dieser Vendée Angst gemacht.

 

 

 

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Carsten Kemmling

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7 Kommentare zu „Vendée Globe: Thomson verkürzt den Rückstand auf 88 Meilen – verrücktes Tempo“

  1. avatar oh nass is sagt:

    “The boat is on fire!” Alex Thomson schreit es mit weit aufgerissenen Augen über den Atlantik. Als könne Armel Le Clea’ch ihn hören. Der Geschichtausdruck kann einem Angst machen.

    Das ist wohl leicht übertrieben. Vor allem der ‘Geschichtausdruck’. Da scheint es einer Thomson nicht zu gönnen, dass er evtl. diese Regatta doch noch gewinnt. Warum eigentlich diese negative Einstellung? Hat Thomson Herrn K. mal was getan, dass solche reißerischen Sprüche kommen?
    Ich persönlich finde, Thomson hat soweit alles richtig gemacht (genauso wie Le Cléac’h). Und wenn das zum Photofinish auf der Ziellinie wird – um so besser.

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    • avatar Olli sagt:

      Ich hatte nicht das Gefühl, daß auf SR besonders parteiisch für Armel Bericht erstattet wurde. Eher im Gegenteil.

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    • avatar Andreas Borrink sagt:

      Für mich klingt “Herr K.” wie ein glühender Thomson-Fan. Und das wird man ja auch, wenn man den Mann Weihnachtslieder singen und den Speed seines Boote vom Display vorlesen sieht und hört. Das sind Emotionen, das ist Herzblut!

      Da muss es den Franzosen wohl richtig schwer fallen, jemanden wie den guten Armel so richtig lieb zu haben. Das war ja schon mit Gabart nicht so einfach; die Grand Nation steht mehr auf Helden wie Jean LeCam, die auch mal ‘ne Flasche Rotwein weghauen und den Text der Marselleise kennen. Aber Armel toppt das noch mit seiner kühlen Art und seinem aalglatten Auftritt….muss man mögen.

      Gewinnen soll trotzdem der bessere oder eben der, der noch alle Flügel hat. Und da müsste es schon mit dem Teufel zu gehen, wenn Alex das noch schafft. Aber wer weiss, mit wem er sich verbündet……sauspannend, das!

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      • avatar Klaus P. sagt:

        Aber warum? Armel ist ein Profi, dem man direkt bei der Arbeit zuschauen kann. Und ich finde es gerade richtig spannend, dass man trotz aller Professionalität die menschliche Seite sieht und merkt, mit welchem Herzblut er dabei ist. Alex hat da die etwas “komfortablere” Situation, einfach nur hinterher fahren zu dürfen und auf einen Fehler zu warten. Und wenn es bei ihm nicht klappt…da ist ja noch der Flügel…

        Ich würde es nach der Leistung beiden wünschen.

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      • avatar dubblebubble sagt:

        Nicht jeder eignet sich zum Popstar. Aber deshalb muss man Le Cleach nicht als aalglatt bezeichnen.

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  2. avatar Martin sagt:

    OK, sie sollen beide gewinnen! Was für ein Finish!

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  3. avatar Borgfels sagt:

    Go Alex! Weiterhin Daumen drücken! ??

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