Vendée Globe: Wäre ein Sieg ohne Foils möglich gewesen? Wie schnell waren sie tatsächlich?

Kein Weg zurück

Armel Le Cleac’h ist bei dieser Auflage der Vendée Globe vier Tage schneller gewesen, als sein Vorgänger Francois Gabart. Klar, es waren die Foils. Oder doch nicht?

Eine vier Tage schnellere Zeit bei dieser Vendée Globe im Vergleich zu 2012/13 scheint  eine enorme Entwicklung zu sein. Und die Erklärung für diesen Leistungssprung mag auf der Hand liegen: Klar, es sind die Foils. Schließlich sind die ersten vier Yachten der Regatta mit den erstmals erlaubten Tragflächen ausgerüstet gewesen.

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Mehr unter als über Wasser. Vincent Riou mit seinem Nicht-Foiler beim nassen Training vor Belle Ile © stichelbault

Aber so einfach ist es nicht. Pieter Heerema hat gerade als Vorletzter gezeigt, dass Foils nicht alles sind. Sie müssen funktionieren, und man muss bereit sein, das Potenzial aus ihnen herauszuquetschen.

Dabei ist immer noch nicht klar, ob der schnellste Nicht-Foiler Vincent Riou, der vor der Vendée getönt hatte, sehr bewusst auf die Anhänge zu verzichten, vielleicht am Ende ganz vorne gelegen hätte.

Die 24h-Speed-Linie von PRB im Vergleich zu Banque Populaire. Der Nicht-Foiler blieb auf Augenhöhe.

Vor seinem Ausfall im Süd-Atlantik lag er bestens im Rennen knapp 90 Meilen hinter Le Cleac’h. Dabei hatte er ziemlich Pech mit dem Wetter. Die typischen Leichtwindbedingungen der Doldrums, bei denen er ohne die bremsenden Quer-Schwerter hätte brillieren können, blieben nahezu aus. Dafür dominierten Power-Reachgänge im Atlantik, bei denen insbesondere Alex Thomson Gas geben konnte.

“PRB” konnte ohne Foils gegenhalten

Dennoch blieb Riou auch ohne Foil dran. Und es wäre sehr interessant gewesen, wie er den Rückweg im Atlantik bewältigt hätte. Denn der müsste ihm geschmeckt haben. Höhere Kreuz-Anteile und Leichtwind-Passagen, “PRB” wäre in ihrem Element gewesen.

Auch Alex Thomson zeigt später im Southern Ocean, dass er trotz gebrochenem Foil erstaunlich lange mit Le Cléac’h mithalten kann. Dabei ist sein schmales Rumpfdesign anders als “PRB” überhaupt nicht für das Segeln ohne den Lee-Auftrieb asgelegt.

Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass es Alex Thomson es erst ganz spät geschafft hat, die 24-Stunden-Rekordzeit von Francois Gabart von der vergangenen Vendée Globe zu brechen. Und im Süd-Atlantik, als er seine Schokoladen-Bedingungen hatte erreichte er gerade einmal die gleichen Werte wie der Nicht-Foiler.

Perfektes Wetterfenster

Die Verbesserung der Vendée-Rekordzeit von vier Tagen ist angesichts der Historie der Regatta auch nicht sehr besonders. 2008 unterbot Michel Desjoyeaux den Rekord von Vincent Riou um etwas mehr als drei Tage, und vier Jahre später waren François Gabart und Armel Le Cleac’h gleich acht Tage schneller.

Für die aktuelle Auflage muss man auch in Betracht ziehen, dass das Wetterfenster beim Start am 6. November nahezu perfekt war. Thomas Coville wählte mit seinem Maxi-Trimaran exakt den gleichen Starttag für seinen Einhand-Rekord um die Welt, und er erzielte eine Fabelzeit.

Besonders die Doldrum-Passage verlief ungewöhnlich schnell. Die Foiler fanden ihre perfekten Bedingungen und Thomson lag am Kap der Guten Hoffnung 2.100 Meilen vor der virtuellen Position von Francois Gabart. Der Sieger von 2013 hätte auch zu seinem alten Schiff (“SMA”, Meilhat) einen Rückstand von über 1100 Meilen  gehabt. Die gesamte Flotte wurde vom Wetter begünstigt.

Als "Hugo Boss" die Südspitze von Afrika erreicht liegt Gabart entsprechend seiner virtuellen Position vor vier Jahren fünf Tage zurück hinter Platz 10.

Als “Hugo Boss” die Südspitze von Afrika erreicht liegt Gabart entsprechend seiner virtuellen Position vor vier Jahren fünf Tage zurück hinter Platz 10.

Aber auf dem Rückweg durch den Atlantik war das Wetter dann nicht sehr hilfreich. Gabart hätte bei seiner die Passage 2013 gut 400 Meilen auf die Spitzenreiter gut gemacht. Einen extremen Unterschied scheinen die Foils nicht ausgemacht haben.

Noch viel Potenzial

Der Grund für den doch relativ geringen Unterschied der Foiler zu den Nicht-Foilern liegt an dem regeltechnischen Bestandschutz, der den alten Modellen gewährt wurde. Das haben die Regelhüter geschickt gemacht. Sie wollten die Innovation erlauben aber älteren Yachten nicht vollends konkurrenzunfähig machen. Das ist sehr beeindruckend geglückt. So konnte “PRB” besonders durch ihr geringes Gesamtgewicht punkten.

Hugo Boss Kerguelen

“Hugo Boss” im Push-Modus vor den Kerguelen ohne Leeschwert. © Marine Nationale / Nefertiti / Vendée Globe

Andererseits haben sich die Konstrukteure auch noch nicht getraut, mangels Erfahrung und Zeit zu radikal auf die Foiler-Karte zu setzen. “Hugo Boss” hat die Grenzen mit einem schmaleren Schiff und längeren Flügeln noch am meisten ausgetestet. Thomson äußert sich allerdings mehrfach, dass die neue Technik längst nicht ausgreizt ist.

Designer Verdier bestätigt, dass vielleicht gerade einmal 20 Prozent des Potenzials erforscht sei. Die Entwicklung habe ja schon Anfang 2016 so gut wie abgeschlossen sein müssen, weil sonst kein verlässliches Testen mehr möglich gewesen sei.

Nicht wieder zurück

Thomson kennt beide Welten und will nicht wieder zurück. Er betont, wie schrecklich es sich angefühlt habe, mit Wind von Backbord ohne Foil zu segeln. Er habe auch nur 83 Prozent der im Polar-Diagramm erreichneten Werte erreicht. Auf dem anderen Bug dagegen sei es möglich gewesen, die Ziel-Daten im Foiling-Modus sogar mit 125 Prozent überzuerfüllen.

Hugo Boss Foils

Der Unterschied zwischen dem radikaleren Foil-Design von Hugo Boss und Banque Populaire (unten)

Der Unterschied ist kein Wunder. Denn “Hugo Boss” ist der radikalste zum Foilen ausgelegte IMOCA der aktuellen Flotte. Die Formstabilität des schmaleren Rumpfes ist noch geringer, als bei der Konkurrenz. Erstaunlich, dass Thomson im Southern Ocean anfangs mit Le Cléac’h auch ohne Foil mithalten konnte. “Ich habe sehr gepuscht”, erklärt er mit einem breiten Grinsen, den rätselhaften  Speed, den er auch nach dem Bruch zeigen konnte.

Die Bilder aus dem Hubschrauber bei den Kerguelen Inseln haben das bestätigt. Thomson prügelte sein Schiff mit extremer Besegelung am Limit durch die Wellen, Le Cléac’h segelte deutlich entspannter mit weniger Segelfläche und nutzte sein Foil.

Wo geht der Weg hin?

So scheint es keinen Zweifel zu geben, dass die Zeit der Nicht-Foiler vorbei ist. Wenn sich die Boliden auf die Flügel heben, wird es eher entspannter als unkontrolliert, betont auch Sébastien Josse, dessen Schiff „Edmond de Rothschild“ Boris Herrmann gekauft hat, und das bis zu seinem Ausfall eines der schnellsten der Flotte war. Er geht aber davon aus, dass die nächste Generation der IMOCA noch schmaler und mehr auf das Foiling ausgerichtet sein muss.

Armel im Flug-Modus. © zedda

Ob die Regelhüter diese Richtung unterstützen?  Blockieren sie nicht mehr den Weg zu effektiveren Foilern? Wird Herrmanns Boot dann nicht mehr siegfähig sein? Im April sollen die neuen Eckdaten festgelegt werden. Bisher sind sie immer so gestaltet worden, dass die Wettbewerbsfähigkeit der bestehenden Flotte nicht allzusehr beeinträchtigt wurde. Bei dieser Auflage der Vendée Globe ist es perfekt gelungen. Aber man kann gespannt sein, wie die nächste Generation der Einrumpf-Foiler aussieht.

 

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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