Volvo Ocean Race: Neuer Ausbruch-Versuch? – David Witt in der Rolle des Klassen-Clowns

"Segeln ist keine Raketen-Wissenschaft"

Die Volvo Ocean Race Flotte hat auf der Königsetappe rund Kap Hoorn die Eisgrenze im Southern Ocean erreicht. Kurs und Wind lassen kaum Variationen zu, Scallywag Skipper David Witt sucht dennoch eine Abkürzung.

Volvo Ocean Race

Wie auf einem U-Boot. Nur der “Turm” guckt bei Mapfre noch aus dem Wasser. © Martin Keruzore/Volvo Ocean Race

David Witt ist eine der erfrischend anderen Persönlichkeiten bei der aktuellen Auflage des Volvo Ocean Races. Oft redet er scheinbar unbedacht daher, und die Medien lieben ihn dafür. Wenn ein Peter Burling zwölfmal hintereinander sein Team lobt, ist das nett aber ermüdend. Wenn der führende Mapfre-Skipper Fernandez betont, dass das Rennen noch lange dauert und er sich nur auf die nächste Etappe konzentriert, ist das richtig aber laaaangweilig.

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Erfrischendes Bad im kühlen Southern Ocean. © Sam Greenfield/Volvo Ocean Race

Witt dagegen betont schon lange vor der Regatta, dass bei ihm keine Frauen an Bord kommen, dann übernimmt er offenbar eher ungeplant eine Seglerin vom AkzoNobel Team und sieht sich nach einem mit etwas schrägem Humor aufgenommenem Video Vorwürfen von sexueller Belästigung ausgesetzt. Kurz danach nimmt er eine zweite Frau an Bord und lässt sich von ihr den Weg weisen zu einem ersten und zweiten Platz.

Erfolgreicher Klassen-Clown

Dieser Mann scheint unberechenbar, alles andere als stromlinienförmig, passt nicht in die Schublade zu den anderen Profiseglern, und das Beste: Er ist auch noch sportlich erfolgreich.

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Turn The Tide kann wie gehabt den Speed der Schnellsten nicht halten. © Sam Greenfield/Volvo Ocean Race

Das muss man von einem Klassen-Clown eigentlich nicht erwarten. Und das tut die Konkurrenz auch nicht. Denn seglerisch trifft Witt mehr als unsolide Entscheidungen. Die Top-Platzierungen der vergangenen beiden Etappen hatten viel mit Glück zu tun. Als er schon hinten lag, musste er alles auf eine Kart setzen. Die Konkurrenz nimmt ihn deshalb immer noch nicht richtig ernst. Dafür fehlt ihm auch nach wie vor der Speed.

Und der Australier gefällt sich in der Rolle. Während die Kollegen bei der Pressekonferenz über die harte Etappe parlieren, wie respektvoll man sein muss und wie vorsichtig, dann haut Witt dazu raus: “Entweder gewinnen wir diese Etappe, oder wir verlieren unser Rigg. Wie auch immer, wir scheißen drauf. Wir machen es einfach.” Das klingt hart und kämpferisch, aber wenn man so weit wie er hinterher segelt wirkt es eher lächerlich.

Heißssporn und Dummie

Er mag darauf hoffen, dass ihm die Gegner diese Rolle des Heißsporns und Dummies abnehmen. Schließlich sagt er auch: “Segeln ist keine Raketen-Wissenschaft. Wenn ihr schlaue Menschen wollt, dann wäre ich nicht hier.” Aber seine Navigatorin Libby Greenhalgh sei intelligent, er dagegen wirklich dumm. “Sie sieht auf den Computer, ich sehe aus dem Fenster.”

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Locker an Vestas vorbei gezogen. Wenn es ernst wird kann Mapfre Gas geben. © Martin Keruzore/Volvo Ocean Race

Er kokettiert mit seinem Image. Und das mag dazu führen, dass die Konkurrenz ihn fahren lässt, wenn Scallywag mal wieder aus der Herde ausschert. Schließlich kann er ja nicht immer Glück haben.

Die Königsetappe am Kap Hoorn vorbei ist für solche Ausflüge allerdings kaum gemacht. Es gilt keine langgezogenen Flautenpassagen zu überwinden, vielmehr wird harter, solider Sport abgefragt. Es geht um Speed bei starkem Wind, und da kann Scallywag offenbar immer noch nicht mithalten.

“Das ist frustrierend”

Von Anfang an konnte Witt auf dieser Etappe mit der Konkurrenz nicht mithalten. Und selbst Turn The Tide ist schneller, obwohl Dee Caffari zuletzt fast eine Meile pro Stunde verloren hat. “Wir dachten, wir seinen schnell”, sagt die Skipperin. “Aber dann haben uns die Positionsangaben gelehrt, dass wir langsam sind. Das ist frustrierend.”

Im Rennen Richtung Eisgrenze im Süden liegt Vestas (orange) vorne und Scallywag (grau) hinten.

…Dann dreht Scallywag Richtung Norden ab und versucht es wieder mit der Abkürzung…

…Aber schließlich liegt AkzoNobel (blau) vorne, bevor die virtuelle Wand die Flotte auf einen östlichen Kurs zwingt…

…Dann kann AkzoNobel auf dem achterlichen Kurs aber die Tiefe nicht halten und Mapfre (weiß) schiebt sich immer weiter nach vorne. Turn The Tide (hellblau) fehlt der Speed.

Mapfre hat zwischenzeitlich einmal wieder den Turbo Boost eingelegt, als sich die Bedingungen kurzfristig geändert hatten und ist in Sichtweite an Vestas vorbei gerast. Nun sind die Spanier kurz davor, die Führung von AkzoNobel zu übernehmen.

Die haben zwar das Rennen zur südlichen Eisgrenze gewonnen und lagen nach dem Abbieger schon fast zehn Meilen vorne, aber inzwischen können sie die Tiefe der Konkurrenz nicht mehr halten, steuern einen etwas nördlicheren Kurs, mögen aber auch auf einen etwas linksdrehenden Wind hoffen, mit dem sie später vor dem Feld halsen können.

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Auf Mapfre herrscht wieder Helmpflicht. © Martin Keruzore/Volvo Ocean Race

Was David Witt zur zeit auf seinem deutlich nördlicheren Kurs macht, ist schwer nachvollziehbar. Und er hat schon einen Rückstand von gut 60 Meilen. Aber bei diesem Mann weiß man nie.

So sieht es im Southern Ocean aus: Drohnen Video von Scallywag

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Der Kurs nach Brasilien.

Tracker Volvo Ocean Race

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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