Volvo Ocean Race: Seemannschaft im Fokus – 60 Knoten Druck in der Luft

Es braut sich was zusammen

Der Volvo Ocean Race Flotte droht in den nächsten Stunden der heftigste Sturm seit Jahren. Wie die Teams der Gefahr begegnen. Reporter erhält beunruhigende Mail.

Die Volvo Ocean Racer wollten es ja unbedingt. Es sollte mehr im Southern Ocean gesegelt werden, so wie früher. Zuletzt war die klassische Etappe durch den Indischen Ozean Sponsor-Verpflichtungen zum Opfer gefallen. Abu Dhabi und China hatten Boote in der Flotte und wollten sie im Heimathafen sehen. Doch nun wird wieder durch das eisige Südmeer bis nach Australien gehämmert.

Vestas wird von einer Squall gejagt. Dahinter droht noch fieseres Wetter. © Sam Greenfield/Volvo Ocean Race

Dongfengs Neuseeländer Stu Bannatyne (46), der schon mit Illbruck das Volvo Ocean Race gewonnen hat, bringt die Erwartungshaltung und Faszination auf den Punkt. “1993 segelte ich mit New Zealand Endeavour tief im Indischen Ozean und das waren die besten Wellen, die ich je erlebt habe. Sie waren so lang und gleichmäßig – perfekt geformt. Mit einem Surfbrett hätten man sie stundenlang abreiten können, aber auch für ein großes Schiff war genug Platz zum pausenlosen Surfen. Bis heute habe ich so etwas noch nicht gesehen. Deshalb mache ich dieses Rennen. Ich bin auf der Suche nach diesen Wellen von damals. Hoffentlich finden wir sie im Indischen Ozean.”

Ausweichen kaum möglich

Sein Wunsch dürfte in Erfüllung gehen. Dabei mag er ihn aber noch bereuen. Denn was da gerade von hinten auf die Volvo Ocean Race-Flotte zurauscht, ist ein handfester 60-Knoten-Sturm. Er bewegt sich so schnell, dass es den VO65 nicht möglich ist, vollständig drumherum zu segeln.

Die Front rast von Westen auf die Flotte zu.

Dennoch geht es um die Risiko-Abwägung. Der schnellste theoretische Kurs führt in den Süden nahe an die virtuelle Ausschlusszone heran, die vor verstärktem Eisgang der Antarktis schützen soll. Das Queren ist mit einer Zeitstrafe belegt. Wenn ein Team aber im Sturm technische Probleme bekommt und es weiter südlich abgetrieben wird, kann es zu Problemen kommen.

Deshalb ist Turn The Tide mit seinem unerfahrenen jungen Team schon gen Norden abgedreht (Video-Beschreibung der Vorbereitungen auf den Sturm), und auch Vestas hat sich weiter nördlich positioniert. “Es ist risikoreich, weiter südlich direkt vor die Front zu geraten”, sagt Vestas Navigator Simon Fisher. “Wenn wir im Norden gut vorwärts kommen ist das seemannschaftlich sicher der bessere Weg.” Der morgige Tag wird zeigen, ob der Sieg-Navigator vom vergangenen Rennen ein besseres Gespür für die Situation hat, als die Kollegen, die weiter südlich unterwegs sind. 

Dort hat Dongfeng die Führung vor Mapfre, dem zurzeit überraschend starken AkzoNobel -Team (die Akzo-Crew erklärt die Situation im Video) und der wieder einmal schwächelnden Brunel-Crew übernommen.

“Sieht ziemlich eklig aus”

Vestas Onboard-Reporter Sam Greenfield fängt von der Stimmung auf vor dem nahenden Sturm: “Möchten Sie etwas über die beunruhigendsten Gespräche des Tages erfahren? Es war ein einfacher Zwei-Zeilen-Austausch zwischen Tony Mutter und dem Navigator Simon Fisher, der mir den Magen umdrehte.

Dunkle Wolken über Mapfre. © Jen Edney/Volvo Ocean Race


‘Es sieht ziemlich eklig aus, oder?’ ‘Ja, tut es’, antwortet SiFi. Dazu muss man wissen: Tony Mutter ist ein Kiwi. Also ist alles, was er sagt, eine Untertreibung. Und er hat den Southern Ozean so oft besucht, dass er wahrscheinlich Neptuns Nummer auf der Kurzwahl haben wird.
Ich fühlte mich in der Rolle eines Kindes, das von den Eltern Wörter hört, die es nicht hören soll. In 30 Stunden segeln wir in etwas Gemeines, und es gibt keinen Ort, wo man sich verstecken kann, sagte wie Skipper Charlie gestern Abend noch betonte.
Charlie setzte sich dann ans Navi, musterte den Bildschirm und vergrub kurz den Kopf in den Händen.

Dann kam auch noch eine E-Mail von von unserem Onboard-Reporter-Koordinator Brian Carlin aus dem Volvo Ocean Race Hauptquartier.

Betreff: Hartes Wetter. Ich weiß, dass euch das mächtige Tief im Rücken bewusst ist. Tut mir den Gefallen, in den nächsten 48 Stunden in Sicherheit zu bleiben und nichts für ein gutes Bild zu riskieren. Genießt einfach das wahrscheinlich das beste und verrückteste Segeln beim Volvo seit Jahren.

Volvo Ocean Race Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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4 Kommentare zu „Volvo Ocean Race: Seemannschaft im Fokus – 60 Knoten Druck in der Luft“

  1. avatar Peter Müller sagt:

    Toi toi toi!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

  2. avatar SailingMaxi sagt:

    Stu Bannatyne Wetter?
    Vermutlich der Beste Starkwindsteuermann auf diesem Planeten!!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  3. avatar ttres sagt:

    “Knoten” sind eine seltsame Einheit für “Druck”, nur so als Hinweis…

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