Bootsbau: Motor unter der Verglasung – Bestevaer 66

Maschine im Blick

Anlässlich der soeben aufgetakelten Bestevaer 66 „Anabel“ macht sich Erdmann Braschos über verglaste Motorraumdeckel Gedanken. Ein neuer praktischer Trend?

Das ist mal ein Steuerstand. Motorboot? © K&M Werft

Das ist mal ein Steuerstand. Motorboot? © K&M Werft

Es erschließt sich nicht auf den ersten Blick, was der Audi R8 und die Bestevaer 66 T gemeinsam haben. Klar, beide verkörpern so ziemlich das Beste, was für die Straße oder Weltmeere zu haben ist, und beides ist entsprechend teuer. Gut kostet, richtig gut noch etwas mehr.

Aber die eigentliche Parallele bietet der Blick auf die Maschine. Dem Audi kann man hinter dem Sitz auf den Mittelmotor gucken. Da sind unter einer Scheibe ein paar hundert PS untergebracht. Das ist fett. Das ist dekorativ. Und genau das wollte der Eigner der „Annabel“ für den Antrieb seiner stäbigen 20 Meter Fahrtenyacht auch. Er ließ den Lugger Diesel unter einer Scheibe seines Steuerstands einbauen.

Jeder Praktiker unter den Fahrtenseglern mit Hilfsmotor weiß, wie lästig es ist, ständig das Bodenbrett hochzunehmen, um bei Freund Rußrotzer mal nach dem Rechten zu sehen: Sind die Stecker alle drauf? Sind die Schläuche noch dran? Stimmen Keilriemenspannung, Kühlwasser, Ölstand von Motor und Getriebe? Ach es gibt viele Gründe, täglich mal unten zu gucken. Eigentlich kann der Deckel immer offen bleiben. Außer beim Segeln.

Die Maschine der Bestevaier 66 t 'Anabel' unter einem gläsernen Bodenbrett © K&M Werft

Die Maschine der Bestevaier 66 t ‘Anabel’ unter einem gläsernen Bodenbrett © K&M Werft

Das ist dem Eigner der „Anabel“ zu mühsam. Er möchte sofort sehen, was los ist. Und zwar ohne sich zu bücken und das Bodenbrett hochzunehmen.

Natürlich tun es übliche Instrumente wie Kühlwasser- und Motorölthermometer, Öldruckanzeige und eine Tröte bei spärlichem bis ausbleibendem Kühlwasser im Auspuff (die beste Warnung bei Kühlproblemen) auch. Aber der direkte Blickkontakt zum guten Stück hat seine Vorteile. Wenn der Motor im Nebel verschwunden ist: ausmachen!

Außerdem ist so eine Maschine in edlem Weiß viel zu schade, um sie sang und klaglos unter dem Bodenbrett verschwinden zu lassen. Man kann sie abends oder nachts sogar effekt- bis stimmungsvoll beleuchten. Manche Leute machen das mit ihrem Schlafzimmer.

Flaches Unterwasserschiff, Doppelruder und Hubkiel: der Rohbau der Bestevaer 66 T © K&M Werft

Flaches Unterwasserschiff, Doppelruder und Hubkiel: der Rohbau der Bestevaer 66 T © K&M Werft

Auch sonst ist „Anabel“ speziell, eine typische Eigner-Sonderanfertigung eben. Wie der Blick vom Steuersessel nach vorne zeigt ist der Eigner technisch interessiert. Er fliegt ansonsten Hubschrauber. So gibt es vor dem Sessel ein stattliches „Motherboard“ mit allerhand Instrumenten, Tasten und Kipphebeln. Sogar unter der Decke lässt sich noch was einstellen. Na, dann guten Flug!

„Anabel“ ist das Gegenteil zum Prototyp des Konstrukteurs Gerard Dykstra. Dessen eigenes Boot ist gemäß dem altbewährten „Keep it simple“ Prinzip einfach und zweckmäßig ausgerüstet. Das ist erstens günstiger, spart zweitens viele Reparaturen, Ein-, Um- und Ausbauaktionen. Drittens bleibt mehr Zeit zum Segeln.

Der perfekt geschweißte Rumpf der 'Anabel' erhielt nur wenig Farbe © K&M Werft

Der perfekt geschweißte Rumpf der ‘Anabel’ erhielt nur wenig Farbe © K&M Werft

Wilfried Erdmanns „Kathena Nui“ ist ebenfalls aus Aluminium, aber sparsamst ausgestattet. Das Boot hat nicht mal einen Motor. Beeindruckender als das Boot sind die Reisen, die Wilfried Erdmann damit gemacht hat.

Viele der modernen, zweifellos tollen und gern zu habenden Bootsausrüstungen funktionieren am ehesten im Katalog der Hersteller. Komplizierte Motor- und Bordelektronik, geschweige denn ganze Schaltschränke würde ich niemals in ein Boot einbauen.

Für ein Fahrtenboot ist ‘Anabel‘ generös besiegelt. Die Kuttertakelung und bequeme Reffmöglichkeiten fürs Groß machen sie handlich © K&M Werft

Für ein Fahrtenboot ist ‘Anabel‘ generös besiegelt. Die Kuttertakelung und bequeme Reffmöglichkeiten fürs Groß machen sie handlich © K&M Werft

Neulich machte ich beispielsweise folgende Erfahrung: Ich hatte mich zögernd für eine an sich simple Sache wie einen automatischen Bilgenpumpenschalter entschieden. Ich kaufte eine teures Markenfabrikat, vermutlich das Beste, für diesen Zweck. Ich wollte es einbauen und 15 – 20 Jahre vergessen. Von wegen: Das Ding war prompt nach Ablauf der Garantiezeit hin. Mal gucken, wie lange das Austauschteil funktioniert.

Der Einrichtungsplan, die autarke Ausstattung der „Anabel“ mit Solar- und Windgeneratoren, nicht zuletzt die solide Bauweise der „Bestevaer 66 T“ zeigen, das man mit diesem Boot durch dick und dünn segeln kann.

„Anabel“ wird vom 2. bis 7. September während der Hiswa in Amsterdam zu besichtigen sein. Da kann man – natürlich in Museumspuschen – schon damit die Scheibe keine Kratzer kriegt, einen Blick in den Motorraum und auf den Steuerstand mit „Motherboard“ werfen.

Schauen wir mal, wie „Anabel“ mit ihrem verglasten Audi R8 Motorraum in Amsterdam – das nächste Sperenzchen? – ankommt. Wird die bengalische Maschinenraumbeleuchtung ein Trend? Indirekt beleuchtete Bootsnamen und Logos gibt es ja schon.

Das Layout eines Blauwasserseglers mit den wichtigsten Funktionen unter Deck mittschiffs bis achtern © K&M Werft

Das Layout eines Blauwasserseglers mit den wichtigsten Funktionen unter Deck mittschiffs bis achtern © K&M Werft

Es gibt Eigner, die aufwändig ausgerüstete Boote nicht nur bauen lassen und instand halten, sondern auch segeln. Dafür sind Segelboote eigentlich da. Mit dem kaum kaputtbaren Alukutter aus extrastarken Blechen im Unterwasserschiff stehen einem die Weltmeere für eiskalte Törns offen. Man kann damit im Herbst, wenn in unseren Breitengraden die Lichter ausgehen, den Ärmelkanal ansteuern und abhauen ins endlos weite Blau der Biskaya.

Technische Daten Bestevaer 66 T

Konstruktion Dykstra Naval Architects, Baujahr 2014, Länge über Alles 20,25 m, Deckslänge 19,30 m, Wasserlinie 18,03 m, Breite 5 m, Tiefgang 1,60 – 3,20 m, Verdrängung leer/voll 28,5/33 t, Ballast 7 t,  Kutter Takelage, Brückendurchfahrtshöhe 27 m, Groß 106 qm, Genua 107 qm, Stagsegel 33 qm, Trysegel 18 qm, Gennaker 250 qm, Maschine Lugger L1064T1 100 PS, Diesel 2 x 700 l, Frischwasser 2 x 1.200 l, Fäkalientanks 2 x 200 l, Baumaterial Aluminium, Werft K&M Makkum/Holland

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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2 Kommentare zu „Bootsbau: Motor unter der Verglasung – Bestevaer 66“

  1. avatar Ikarus sagt:

    Cool!! Den typ kenn ich! ist ein freund von meiner mutter!

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

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