Bootsbau: Schoner „Adela“ mit aufwendiger Rumpfverlängerung

Das gleiche Boot, nur etwas länger

Jeder Segler kennt das: Das Boot ist prima. Nur etwas länger und schneller könnte es sein. Also bitte das gleiche Boot nochmal, nur anders.

Es muss auch nicht sein, wie das Beispiel des 51 m Schoners „Adela“ zeigt. Der Aufwand zur Modernisierung des Schiffes Anfang der Neunziger Jahre war erheblich gewesen. Auch baut man eine geschichtsreiche Yacht von 1905 nicht einfach etwas größer nochmal. Deshalb ließ Eigner George Lindemann aus Palm Beach sie bereits nach wenigen intensiv genutzten Jahren um 4 Meter verlängern.

Adela in der Version 1995 mit dicht vor dem Großmast stehendem Schonersegel © Pendennis

Adela in der Version 1995 mit dicht vor dem Großmast stehendem Schonersegel, also vor der Längen OP © Pendennis

Der Schoner wurde in der Mitte an der breitesten Stelle quer durchgesägt. Es wurde ein Stück eingesetzt und alles wieder zusammengebaut. Und zwar so perfekt, das man von der Maßnahme wissen muss, um sie anhand des größeren Abstands zwischen Fock- und Großmast zu erkennen. Damit wurde allerhand Volumen unter Deck gewonnen. Bei knapp acht Metern breite kamen etwa 32 qm zusammen.

Natürlich war die Maßnahme nicht einfach, weil Segelyachtrümpfe meist eine ovale Decksform haben, die Bordwand mit mehr oder minder ausgeprägtem „tumblehome“ gewölbt ist und oben mit einem spannungsreichen Sprung abschließt. Außerdem muss das Rückgrat des Schiffes, der Kiel durchgeschnitten und geschäftet werden, ebenso die Stringer, die längs durch den Rumpf geführten Balken zur Aufnahme der Torsion. Langkieler mit schräg von vorn nach achter verlaufender Kielsohle lassen sich kaum verlängern.

Deutlich zu erkennen die 5 m weiter auseinanderstehenden Masten des vor einigen Jahren mittschiffs verlängerten Schoners. Das gleiche Schiff nocheinmal, nur etwas länger ...

Deutlich zu erkennen die 4 m weiter auseinanderstehenden Masten des vor einigen Jahren mittschiffs verlängerten Schoners. Das gleiche Schiff nocheinmal, nur etwas länger …

Eigentlich geht so was nicht und wenn, dann in einem Ausnahmefall wie „Adela“. Der versierte argentinische Yachtkonstrukteur German Frers dachte nach, zeichnete die Verlängerung und bei der Gelegenheit gleich auch einen neuen strömungsgünstigeren Kiel und ein modifiziertes Ruder. „Eigentlich hatte ich dem Eigner einen Neubau empfohlen“ berichtet Frers. Ausgeführt wurde die Verlängerung bei Pendennis, einer auf den Bau großer Yachten und Refits spezialisierten Werft im südenglischen Falmouth. Hier war das Schiff bereits zuvor und zwar betreut von einem Kollegen, dem holländischen Konstrukteur Gerard Dykstra modernisiert worden. 1999 hatte Pendennis die 42 m Ketsch „Rebecca“ für einen ebenfalls amerikanischen Eigner nach Frers’ Plänen fertig gestellt. Der Argentinier und die englischen Bootsbauer kannten einander.

Kurze Segelkarriere der „Adela“ ex. „Heartsease“

Mit dieser Anzeige der Adela ex Heartsease wurde lange und vergeblich für die Wiederherstellung des Schiffes in den Originalzustand geworben

Mit dieser Anzeige der „Adela“ ex. „Heartsease“ wurde lange und vergeblich für die Wiederherstellung des Schiffes in den Originalzustand geworben © Greenwich Maritime Collection

Ein Blick in die Geschichte: 1905 war das Schiff in Mischbauweise aus Holzplanken über Stahlspanten nach einem Entwurf von W.C. Storey bei einer Southamptoner Werft als Zweimast-Gaffelschoner entstanden. Ein Anachronismus in Zeiten, als die großen Herreshoffschen Rennschoner und ihre deutschen Pendants, die Kruppsche „Germania“ und die kaiserlichen „Meteore“ bereits aus vernietetem Stahl entstanden. Stahl war angesichts der Beanspruchung der Schiffe eindeutig das geeignetere Material. Bis zum ersten Weltkrieg 1914 wurde „Adela“ von ihrem Auftraggeber Claude Thornton Caley für zahlreiche Regatten und Reisen genutzt. 1924 ersetzte der Bankier und Politiker Sir Seymour King als zweiter Eigner den dunklen Mahagoniausbau im viktorianischen Stil durch helles Ahorn und nannte das Schiff „Heartsease“. Mit seinem Tod endete 1933 die seglerische Nutzung des Schoners.

Ein Halbmodell zeigt Adela ex. Heartsease als Langkieler © Greenwich Maritime Collection

Ein Halbmodell zeigt „Adela“ ex. „Heartsease“ als Langkieler © Greenwich Maritime Collection

Zuletzt als Hausboot genutzt lag er bis Ende der sechziger Jahre im Modder der ostenglischen Küste, sollte als Dreimaster für Chartertörns in der Karibik flott gemacht werden und war dann eine ganze Weile auf dem Markt, bis sich George Lindemann für das Schiff begeisterte. Er beauftragte die Pendennis Werft und den holländischen Konstrukteur Gerard Dykstra mit der Wiederinbetriebnahme. Bereits der Transport des sicherheitshalber mit Luftsäcken gefüllten Schiffes von der englischen Ostküste bis nach Cornwall war ein Abenteuer.

Modernisierung à la „Adix“

Bald zeigte sich, wie morsch das knapp neun Jahrzehnte alte, ein halbes Jahrhundert stillgelegte Schiff war. Die Schwäche der Mischbauweise aus Holz über Stahlspanten war unübersehbar. Die notorisch Schwitzwasser bildenden Stahlteile waren vom Rost zerfressen und zu ersetzen. Dykstra, Pendennis und der Eigner entschieden sich angesichts dieses Aufwands für einen Neubau des Schiffes mit einem Stahlrumpf, dessen Form über Wasser dem Original entsprach, unter Wasser dagegen als möglichst flach gehaltener Rundspanter mit separatem Flossenkiel und Skeg-geführtem Ruder anstelle der langkieligen Form entstand. Das Unterwasserschiff wurde auf einer bestimmten Höhe abgeschnitten und mit komplett neuen Linien gebaut.

Der ursprünglich langkielige Schoner von 1905 erhielt 90 Jahre später einen modernen Lateralplan mit Flossenkiel und Skeg-geführtem Ruder © Pendennis

Der ursprünglich langkielige Schoner von 1905 erhielt 90 Jahre später einen modernen Lateralplan mit Flossenkiel und Skeg-geführtem Ruder © Pendennis

So hatte es Dykstra bereits 1991 beim Dreimastschoner „Adix“ ex „Jessica“ gemacht, einer misslungenen Konstruktion, die zugunsten Manövrierfähigkeit und Segelleistung  und mit einem modernen Lateralplan modernisiert worden war. „Adela“ wurde nicht mehr restauriert, sondern entstand mit zahlreichen Modifikationen als „Sprit of Tradition“ Segler neu. Eine weitere, damals viel diskutierte und umstrittene Änderung nahm Dykstra beim Rigg vor. Die umständliche Gaffeltakelage des Zweimasters wurde durch eine am Wind leistungsfähigere und einfacher zu handhabende Hochtakelung ersetzt, wobei das Schonersegel am Fockmast zunächst von einer Spreizgaffel gehalten wurde. Sie bewährte sich jedoch nicht und wurde bald durch ein achtern weit ausgestelltes Tuch ersetzt. Das Video zeigt Adela noch mit dem Spreizgaffel-geführten Schonersegel in der Originallänge.

Für diese Änderungen – de facto ist „Adela“ ex „Heartsease“ kein restauriertes Schiff, sondern ein Lookalike im klassischen Gewand mit zahlreichen modernen Lösungen – hat Dykstra von der Klassikerszene, die aus guten Gründen auf den Erhalt segelnder Kulturgüter abonniert ist, viel Kritik einstecken müssen. Für die Metamorphose vom herkömmlich langkieligen Klassiker mit unhandlichem Gaffelrigg zum modernen Bermudaschoner mit zeitgemäßem Lateralplan spricht, das die 1995 eingewasserte und später verlängerte „Adela“ ein leistungsfähiges, seit vielen Jahren begeistert gesegeltes Schiff ist.

Adela-Skipper Steve Carson schwört auf die praktische Besegelung. Dank gaffellosem Schonersegel und den handlichen Vorsegeln sei die Überführung der Yacht durch eine kleine Besatzung problemlos möglich.

Mit Vollzeug im Passat: Die um 5 Meter verlängerte Adela in der Karibik bei der St. Barts Bucket 2013 © Tim Wright/Pendennis

Mit Vollzeug im Passat: Die um 5 Meter verlängerte Adela in der Karibik bei der St. Barts Bucket 2013 © Tim Wright/Pendennis

Beeindruckender Schlitten

Wer je die Gelegenheit hatte, dieses Schiff aus der Nähe zu sehen, wird sich dem Reiz des Blauwasserschlittens mit dem kühnen Deckssprung und rasanten Klipperbug schwer entziehen können. Natürlich braucht sich der Eigner mit dem modernisierten und dann verlängerten Schiff bei den Klassikerregatten des Mittelmeeres, wo unter anderem die Originaltreue der Teilnehmer im CIM-Rennwert des „Comité International de Méditerranée“ berücksichtigt wird, erst gar nicht blicken zu lassen. Es gibt für die Yacht mit Heimathafen Palm Beach viele schöne Reviere wie den Atlantik, die Karibik mit der „St. Barths Bucket“ oder die windsichere San Francisco Bay, wo „Adela“ neulich wieder mit ihrer effektiven Besegelung beim Big Boat Begleitprogramm zum 34. America’s Cup Eindruck hinterließ.

Schoner „Adela“ in Zahlen

Konstruktion William C. Storey 1903 im Mischbauweise aus Holzplanken über Stahlspanten, Neubau einer modernisierten Variante mit Rumpf aus geschweißtem Stahl nach Plänen von Gerard Dykstra 1993-5 durch die Pendennis Werft. Verlängerung in der gleichen Werft mit modifiziertem Kiel und Ruder nach Plänen von German Frers 2000. Länge 55,10 m (zunächst 51,20 m) an Deck zunächst 40,54 m lang, Länge Wasserlinie (1995) 30,20 m, Breite 7,90 m, Tiefgang 4,80 m, Verdrängung 227 – 250 t, 169 Registertonnen, 2-Mast Bermudaschoner, Am Wind Besegelung 1.160 qm, Raumschots 2.260 qm, Maschine 640 PS, 8.700 l Diesel, 5.160 l Frischwasser, Spitzengeschwindigkeit unter Motor 12 kn, Reisegeschwindigkeit 10 kn, Kajüten für acht Personen plus siebenköpfige Crew.

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Erdmann Braschos

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3 Kommentare zu „Bootsbau: Schoner „Adela“ mit aufwendiger Rumpfverlängerung“

  1. avatar Jan-X sagt:

    Ein klein bisschen ist das ja schon ein Sakrileg. Aber gut ist es geworden. Hut ab vor dem Mut, so ein schönes Schiff zu zerschneiden, man weiß ja nicht, ob sich nicht doch jemand um einen Zentimeter vertut…

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  2. avatar Stefan sagt:

    …ist sie nun um 4 oder um 5 m verlängert worden? Die Angaben im Text und in den Bildunterschriften widerspreche sich da….

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  3. avatar seilor sagt:

    Kann man die “Erdmann Braschos” Beiträge nicht vielleicht in eine extra Kategorie packen? Bis jetzt fand ich Segelreporter ja immer ganz spannend und lesenswert, sowas gehört doch aber eher auf die letzte Seite der Yacht oder in die Boote Exclusiv …

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