Bootsbau: Schwaben bauen für Scheichs, Segler und Sultan

Yachten und Moscheen

Seit zwanzig Jahren bauen die Waimers zunächst in Malaysia, dann in Dubai interessante Boote und abgefahrene Faserverbundteile für den anspruchsvollen Segler, Bauherrn oder Scheich. Eine Erfolgsgeschichte.

Bootsbau ist etwa seit dem Ende des Wirtschaftswunders, also seit einer ganzen Weile schon, kein einfach funktionierendes Geschäft. Es gibt weniger Geld (und Zeit) für die schönsten Sachen der Welt. Darauf kennt die Branche im Prinzip zwei Antworten: Sie denkt wie ihre Kundschaft budgetorientiert. Sie bietet viel Schiff für wenig Geld.

Das rechnet sich für die Werften nur über Stückzahlen, die sich wiederum erst mit dem multioptionalen Nutzwertbomber mit vielen Einrichtungsvarianten erzielen lassen. Siehe die zunehmend uniformen Erzeugnisse der deutschen und französischen Großserienhersteller.

Oder die Werften setzen auf Qualität, den Nimbus ihrer Marke. Sie bauen für eine vermögende und entsprechend kleine Klientel. Als Anbieter teurer Kleinserienerzeugnisse oder Einzelbauten kommen Betriebe wie Baltic, Hallberg Rassy, Hinckley oder beispielsweise Nautor seit Jahrzehnten damit einigermaßen klar.

Andere mittlerweile geschlossene Markenhersteller wie Sweden Yachts, Vindö oder die neulich gestrauchelte Najad-Werft schaffen es nicht. Auch der gediegene Yachtbau steht unter verschärftem Konkurrenz- und Kostendruck. Einfach irgendwie weiterwursteln und auf die nächste Messe, den nächsten Kunden hoffen ist eine riskante Strategie.

Denn es gibt kundige Segler, die aus guten Gründen weder den Billigheimer noch das (sünd)teure Markenfabrikat möchten, sondern sich genau im Markt umsehen und ein modernes und zeitgemäß leichtes Boot zum interessanten Preis suchen.

Hightech für den Scheich und Yachtie

Das ist die Nische der Waimers. Als Anbieter präzise gefräster Kiele, Formen für den Bootsbau, Modellen für die Automobilindustrie und Lieferant von Faserverbund-Komponenten scheiterten sie zwar zunächst in Jettingen-Scheppbach, gingen dann aber 1997 ins Ausland.

Sie arbeiteten zunächst in Malaysia für ein Joint Venture namens Dian Kreatif beendeten es aber nach neun Jahren gingen dann nach Dubai. Dort schoben sie östlich des Jebel Ali Hafens mehrere interessante Regattaboote und Cruiser-Racer  aus der Halle, zuletzt die viel beachtete Premier 45.

Im Fokus des Interesses steht gerade der 60 Füßer „Ichi Ban“, der bei der bevorstehenden Sydney – Hobart Regatta eine große Rolle spielen soll. Den Betrieb namens Premier Composites Technologies hatten sie 2006 mit einem ortsansässigen Partner gegründet.

Der Schritt zum eigenen Produkt

Nach dem Bau der Mumm 30, Farr 36, Farr 40, Farr 52 und 520 als Lizenznehmer, einigen Farr 11, der Landmark 43, Ker 53 und einem Judel/Vrolijk 40-Füßer präsentierten die Weimers 2013 mit der „Premier 45“ ihr erstes eigenes Produkt: einen ganze acht Tonnen verdrängenden Hubkieler in anspruchsvoller Leichtbauweise aus Karbon über einem Schaumkern.

Der 3,3 Tonnen Hubkiel ist in Segelstellung mit einem respektablen Hebelarm und 2,75 Meter Tiefgang unterwegs. Für die Ansteuerung der Schlei oder dänischen Südsee lässt er sich auf erträgliche 1,83 Meter anheben. Damit kommt man in Marstal noch hinten rein und kann sogar noch in Drejø  anlegen.

Man sieht dem coolen Decksdesign mit den schmalen Lichtschlitzen als Fensterersatz und den beidseitig über den Aufbau gezogenen Lichtbändern an, das Harry Miesbauer eine Weile in Mailand bei Luca Brenta & C. gearbeitet hat. Die Coolness unter Deck besorgte das norwegische Architekturbüro Snøhetta.

Kloschüssel aus Karbon

Schöner wohnen auf 45 Fuß – verpackt in Haselnussbraunmetallic. Eigentlich sieht das Boot aus, als hätten der Wally Gründer Luca Bassani und Rudi Magg mal über ein mittelgroßes Fahrtenboot der Zukunft nachgedacht. Und weil die Premier 45 nicht nur aussehen, sondern auch segeln soll, ist sie bis hin zur Kloschüssel aus Karbon. Der Einwand, das sei ja wohl etwas übertrieben, ist richtig. Aber eine Toilette aus Kohlefaser hat halt nicht jeder.

Das Ganze gibt es für eine halbe Millionen Euro. Nun sind die Waimers nach mehreren Anläufen und Kooperationen (zunächst mit Rudi Magg, dem innovativen Powerhouse und schwäbischen Universalgenie in Sachen Segeln), der separaten Speedwave Gründung an der A8, dem DK Joint Venture in Malaysia und der 2006 gegründeten Firma PCT in Dubai lange genug im Thema, um zu wissen, wie es geht.

Die Schwaben haben ihr Knowhow clever auf mehrere Märkte gestreut. Premier Composite Technologies ist breit aufgestellt: beliefert die Baubranche mit Faserverbundteilen oder Zughersteller mit Front- und Heckpartien, Seitenverkleidungen und leichten Waggon-Interieurs. 1.100 Mitarbeiter beschäftigt der Betrieb mittlerweile.

Bootsbau als Kirsche auf dem Kuchen

So wie es aussieht, kommen noch einige hundert dazu. Der Bootsbau beschäftigt gerade mal 80 Mann, ist also vom Aufwand und Volumen her die Kirsche auf dem Kuchen. Das Nischengeschäft High Tech Bootsbau ist das Add On und Technologieschaufenster eines ohnehin laufenden Betriebs.

So laminieren die cleveren Schwaben in Dubai innovative Boote mit zeitgemäßem Leistungsgewicht zum interessanten Preisen. Und weil sie mit 350 Tonnen Kohlefaser jährlich zu den weltweit größten Abnehmern des teuren Materials gehören, kaufen sie es günstiger als üblich ein.

Mit ihrem modernen Maschinenpark, darunter einer Fünfachsfräse zur Bearbeitung 28 Meter langer Teile empfiehlt sich PCT auch als Lieferant von Rotorblättern für moderne Windmühlen. Hinzu kommen die gegenüber Mittel- und Nordeuropa zwei Drittel günstigeren Lohnkosten, die Versandmöglichkeiten an diesem rasant ausgebauten Verkehrsknotenpunkt und der unbedingte Wille einheimischer Investoren, etwas aus dem Standort zu machen.

Das Management und die Qualitätssicherung besorgen die Waimers selbst. Deshalb wurde die neulich abgelieferte Carkeek 60 „Ichi Ban“ trotz knapper Bauzeit pünktlich für das Sydney Hobart Race fertig. So etwas gibt es im Bootsbau selten. Nun glänzt sie mit ungespachtelter Außenhaut in einem exzellenten Finish, wie es nur bei Rümpfen möglichst ist, die aus einer Form gehoben wurden.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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5 Kommentare zu „Bootsbau: Schwaben bauen für Scheichs, Segler und Sultan“

  1. avatar Ostnordost sagt:

    Braschos Blog mag ich sehr, Werbesondersendungen aber nicht so.

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  2. avatar Erdmann sagt:

    Ich berichte hier regelmäßig über bemerkenswerte Projekte, interessante Boote, darin steckende Technologien und dahinter stehende Werften. Da ist der Artikel auf die Waimers in Dubai anlässlich der interessanten „Premier 45“ und des 60-Füßers „Ichi Ban“ für’s bevorstehende Sydney-Hobart Race keine „Werbesondersendung“ sondern meiner Ansicht nach Pflicht. Wozu diesen interessante Karriere von Jettingen nach Dubai ignorieren?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

  3. avatar na_hoppla sagt:

    Kenne einen Eigner eines Premier-Segelbootes.
    Kommentar: Bei denen würde ich nicht mal mehr ne Bodenplatte fertigen lassen.

    In der Tat eine Erfolgsgeschichte….der anderen Art.

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    • avatar Erbsenzähler sagt:

      Gibt es dazu auch Fakten?
      Oder bleibt es beim üblichen “Eigner-Küstenschnack”?

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  4. In einem anderen Forum verlinkte ien Eigner eines anderen Premier-Bootes den SR-Artikel als lesenwert bezüglich der Werft und derjenige scheint auch immer noch recht angetan …

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