Braschosblog, Fundstück: Flying Dutchman auf Speed

Armaturenbrett statt Ausreitgurte

Segelst Du noch oder tuckerst Du schon: Der Eigner beim Angleiten auf der Elbe  ©Tobias Kuhn

Segelst Du noch oder tuckerst Du schon: Der Eigner beim Angleiten auf der Elbe ©Tobias Kuhn

Es ist der Gang der Dinge: Früher oder später liegen die wilden Jahre achteraus. Auch Segler werden älter. Es darf, nein muss dann etwas trockener, bequemer sein. Wohin also mit der Flunder? Verkaufen? Als Jugendboot verschenken? Im Verein vergammeln lassen? Ins Carport hängen? Als Blumenkübel im Vorgarten absetzen?

Das muss nicht sein. Man kann seinem Boot – dem Rumpf zumindest – treu bleiben, die Flunder abtakeln und umrüsten. So ist es  zu DDR-Zeiten in der Tischlerei Möller geschehen. Als einjährige Feierabendarbeit in 19395 Plau am See, dem Tor zur Müritz.

Jetzt gehört es dem Hamburger Tobias Kuhn, einem nebenberuflichen Uhrenveredler. Er hat das Schiff secondhand erworben und brettert damit in seiner Freizeit über die Elbe.

Deck aus Mahagoni

Wie bei echtedlen Motorbooten besteht das Deck aus Mahagoni mit intarsien-artig eingelegtem honiggelben Kotofugen, parallel zur Mittschiffslinie verlegt. Natürlich kam beim Umbau des FD nur eine coole Open infrage, keine Motorquatze mit ringsum eingedecktem Steuerstand, spakigen Gardinen und ähnlichen ästhetischen Kompromissen, wie man sie aus jeder Laubenpieperkolonie kennt.

Als Fahrtwindabweiser empfahl sich die Heckscheibe eines Moskowitsch. Die hat falsch herum montiert außer der passenden Neigung den Vorteil, soeben bis an den Schandeckel des FD zu langen. Bei der Motorisierung wurde auf westliche Hardware gesetzt und die 125 Kubikzentimeter Maschine eines BMW Motorrads genommen.

Die Umrüstung von der Luft- zur Wasserkühlung war für den improvisationsfreudigen Tüftler im Osten mit mehr Knowhow und Zeit als Material, dafür ausgezeichnetem Verbindungen damals eine interessante, gern gemeisterte Aufgabe. Umso größer war die Freude am Fahren. Ein FD geht halt wie Schmidts Katze.

Der Schwertkasten kam natürlich raus. Schwertkästen sind ohnehin lästig: Immer die faulen Stellen unten rum, das Spritzwasser, der Ärger, wenn das Ding drinnen beim Gebrüll und Dichtholen an der Tonne zur entscheidenden Kreuz wieder mal vergessen wurde. Die Beulen. Ganz zu schweigen von der Hürde beim Bordleben zu vorgerückter Stunde.

Armaturenbrett statt Ausreitgurte

Statt Traveller, Ausreitgurten und dem ganzen Kladderadatsch, wie ihn eh nur ehrgeizige Segler brauchen, kamen ein paar plan gehobelte Bodenbretter und Sessel rein. Das Armaturenbrett mit Lenkrad, schlichtem Schlüsselbojenhalter und einer schiffigen Blende fürs Handschuhfach blieb so übersichtlich, wie die Basisausstattung eines Serienbootes ohne sogenannte „add ons“, wie Aufpreis pflichtige Extras neuerdings gern genannt werden.

1996 war die Mauer war Geschichte, die Freude am Fahren aber ungebremst. Deshalb wurde die marinisierte bayrische Einbaumaschine durch einen handlichen Quirl japanischer Herkunft ersetzt. Eigentlich empfiehlt sich der FD aber als emissionsarmer Zeitgeistschlitten mit Elektroantrieb. Wie auf den Bildern zu sehen, fährt der Rumpf mit den strakenden Linien eh schon schon durch bloßes angucken.

Platz für den üblichen Kladderadatsch, wie ihn Motorbootfahrer unterwegs brauchen, Sonnencreme und –schirm, Polster, Grill oder Kühltasche, Spritkanister und einen Satz Paddel für den sicheren Heimweg gibt’s achtern unter dem Schiebeluk.

Sohnemanns Interesse für Boote

Diese Geschichte verdanke ich meinem kleinen Sohn Paul. Er drückt sich auf dem Weg zum oder vom Spielplatz immer an einem Schaufenster im Hamburger Stadtteil Winterhude die Nase platt. Die Scheibe gehört dem Hamburger Auktionskontor und dahinter steht das Modell einer Riva Aquarama.

Das ist zwar kein Segelboot, aber solange sich der Bursche vertieft für Boote interessiert, beantworte ich gern jede Frage. Auch zu Mobos. Das Geschäft gehört eben jenem Tobias Kuhn, der mit dem FD über die Elbe motort.

Das habe ich nur erfahren, weil mein Sohn mich wirklich jedesmal etwas zu diesem Aquarama Modell fragt: Warum es zwei Propeller und zwei Ruderblätter hat, wo die Motoren sind und wozu man auf einem Boot so ein eingebautes Bett braucht, wenn man doch eh nur tagsüber damit fährt. Wo das Klo ist und so weiter.

Also, der Kuhn ist ein ganz netter Kerl. Er hat uns kein einziges Mal von seinem Schaufenster weggescheucht, obwohl wir ihm bloß die Scheibe schmutzig machen und in seinem Laden noch nie etwas gekauft haben.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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7 Kommentare zu „Braschosblog, Fundstück: Flying Dutchman auf Speed“

  1. avatar o.h. sagt:

    Also, ich finds ehrlich gesagt gelungen, ist ein Hingucker.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

  2. avatar Kristof sagt:

    Hehe, da sind die 470er aber innovativer: http://470er.de/pix/bdm9.jpg

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    • avatar 123 sagt:

      und?
      Kommt nix nur nen smeily

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      • avatar Hobby-Regatteur sagt:

        Rufst Du vorher 470er.de auf dann klappts auch mit dem Bildchen

        Innovativer schon, aber 470er als eSolitär-Boot? Da ist der FD schon sozialer nutzbar.
        Die Farbgebung spricht für sich.

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      • avatar Kristof sagt:

        Oha, ach Kack. Da hat mein Bilderschutz schon wieder zugeschlagen. Sorry …
        :-/

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  3. avatar G54 sagt:

    Interessant finde ich den Satz “Hürde beim Bordleben zur vorgerückten Stunde”
    Das hat was ! Das schreibt nicht jeder, Kompliment !

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

  4. avatar Jollenfutzi sagt:

    eine “Zonen-Riva ” herrlich !!!

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