Braschosblog: Wie Alain Marchand das Wilke 5,5er Monopol aufbrechen will

Das Ei des Kolumbus?

Der Vergleich einer modernen Sebastien Schmidt Konstruktion (weiß) mit der Seitenansicht des Marchand Entwurfs (beige) zeigt die gestreckte Wasserlinie vorn, das deutlich flachere Unterwasserschiff, den modernen T-Kiel und eine nach achtern geschobene Ruderposition. © Marchand

Der Vergleich einer modernen Sebastien Schmidt Konstruktion (weiß) mit der Seitenansicht des Marchand Entwurfs (beige) zeigt die gestreckte Wasserlinie vorn, das deutlich flachere Unterwasserschiff, den modernen T-Kiel und eine nach achtern geschobene Ruderposition. © Marchand

Das ergibt bei sechs Knoten eine einen halben Meter längere effektive Wasserlinienlänge (9,30 statt 8,80 m). Zugleich gelang es Marchand die vermessene Länge zwischen den Gurtmaßpositionen vorn und achtern von 7,83 m um annähernd 20 cm auf 7,61 m zu kürzen. Wie heute üblich überprüfte Marchand seine Überlegungen am Rechner mit einem „Computational Fluid Dynamics“ Programm (CFD).

Ergänzend hat er seine Überlegungen mit Schleppversuchen auf dem Genfer See überprüft. Das Problem bei Messreihen mit kleinen, etwa einen Meter langen Modellen sind Unschärfen infolge der maßstäblichen Verkleinerung. Sie können die Auswertung bis zur Unkenntlichkeit eines Blindflugs überlagern.

Toys"R"Us. Das Schleppmodell im Hafen am Genfer See. © Marchand

Toys”R”Us. Das Schleppmodell im Hafen am Genfer See. © Marchand

Eigentlich braucht man für verlässliche Aussagen im gegebenen Fall ein etwa vier Meter langes Modell. Diesen Aufwand mochte Marchand aber nicht für die Verifikation seiner Annahmen treiben. „Mit einem vier Meter Modell bin ich bei einem neun Meter Boot ja schon auf dem halben Weg zum Original“. Deshalb ließ Marchand es bei einem 1 m Modell, das er bei verschiedenen Geschwindigkeiten und Krängungswinkeln von Null, zehn und 20 Grad durch den Genfer See zog und aus verschiedenen Blickwinkeln filmte.

Besonders interessant an Marchands achtminütigem Film sind die Unterwasseraufnahmen ab 7:30. Dort ist die Umströmung der Kielfinne und des klassenüblich säbelförmigen Ruderblatts zu sehen.

Die Gurus nickten zustimmend

„Ich habe den Film einigen Gurus, wie es sie am Genfer See gibt, gezeigt und die nickten alle zustimmend und meinten, mach weiter!“

Marchand schleppt das Kielmodell separat neben einen langsam fahrenden Boot. © Marchand

Marchand schleppt das Kielmodell separat neben einen langsam fahrenden Boot. © Marchand

Der erhöhte Wasserwiderstand des Bleitorpedos mit ellipsenförmigem, hinten Beavertail-artigem Querschnitt macht Marchand keine Sorgen, „weil ich laut Reglement bei dieser Kielform die Finne dünner als die üblichen 15 cm ausführen und strömungsgünstiger profilieren kann.“

Natürlich erhält der Neubau die bei den modernen 5,5ern übliche Trimmklappe zur gezielten Änderung des wirksamen Kielprofils und dem gezielten Höhe ziehen an der Kreuz. Moderne Exemplare werden eine Idee tiefer, somit schneller gesteuert. Dem gekrümmten Kielprofil wird dann der Lift nach Luv überlassen.

Alternative zum 5000 Euro Großbaum

Im Unterschied zu den klassentypischen Boomerang-Bäumen aus hoch belastbaren Karbonwinkeln (die schon mal vermessungstechnisches Kopfzerbrechen bereiteten und mit etwa 5000 Euro recht teuer sind) drückt Marchand wie bei anderen modernen kleinen Klassen gelegentlich zu sehen, den Baum mit einer Stütze von oben herunter.

Das Modell auf dem künftigem Heimatrevier des fertigen Bootes, dem Genfer See mit Schneekoppe-Kulisse.  © Marchand

Das Modell auf dem künftigem Heimatrevier des fertigen Bootes, dem Genfer See mit Schneekoppe-Kulisse. © Marchand

„Den Nachteil des nahe am Lümmelbeschlag beeinträchtigten Großsegelprofils lässt sich so nah am Wasser vernachlässigen, wenn man weiß, dass sich das Meiste ohnehin erst ab einigen Metern über Wasser abspielt“ sagt Marchand.

Ende November soll der Rumpf fertig sein, der Rohbau zum Jahreswechsel. Im März möchte Marchand das Boot auf dem Gardasee segeln. Nun muss der bemerkenswerte Neubau erstens so leicht werden, wie geplant und zweitens vermessen wie der Konstrukteur es sich gedacht hat. Das kriegen bekanntlich nur versierte, sorgfältig arbeitende Bootsbauer hin.

In der kommenden Saison wird sich dann zeigen, ob Marchand bei den 5,5ern das „Ei des Kolumbus“ gefunden hat und wie sich der Neubau im direkten Vergleich mit den versiert gesegelten Schmidt/Wilke Booten macht. Ein „auf allen Kursen bei 8 bis 25 Knoten Wind schnelleres, leichteres und steiferes Boot, das wenigen Wellen macht“, das ist eine Ansage und ein Input für eine Klasse, die auch hierzulande zunehmend Segler reizt.

Daten-Vergleich zwischen Wilke und Marchand 5,5er

Technische Daten

Länge 9,30 m
Breite 1,99 m
Segelfläche 29 qm
Verdrängung 1.743 kg
Ballast 1.221 kg
Ballastanteil 70 Prozent
Rumpf und Deck aus Epoxidharz verklebten Gelegen über Schaum
Ruder, Mast, Baum, Spibaum und Pinne aus Karbon
Preis: ab 100 Tausend Euro
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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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Ein Kommentar „Braschosblog: Wie Alain Marchand das Wilke 5,5er Monopol aufbrechen will“

  1. avatar Ketzer sagt:

    Man man man, sind das Klopper. Schönheitspreis ist da wohl Fehlanzeige, oder?

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 4

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