Braschosblog: Wie Alain Marchand das Wilke 5,5er Monopol aufbrechen will

Das Ei des Kolumbus?

 Alain Marchand, Segelmacher und Konstrukteur des neuen 5,5ers, mit einem Modell. © Marchand

Alain Marchand, Segelmacher und Konstrukteur des neuen 5,5ers, mit einem Modell. © Marchand

Wer heute erfolgreich 5,5er segelt, entscheidet sich für eine Konstruktion von Sebastien Schmidt, gebaut von der Schweizer Wilke Werft. Das eidgenössische Duo hat sich mit permanent optimierten Booten ein Monopol in der Szene erarbeitet. Gerade erst kündigte Markus Wieser an, mit Starboot-Olympia-Vorschoter Frithjof Kleen in die Klasse einsteigen zu wollen. Für die Weltmeisterschaft 2013 im exotischen Curacao legte er sich einen gebrauchten 5,5er, natürlich von Wilke.

Der moderne 5,5er ist heute gefühlt bei der Schmidt/Wilke Version 7.5.3 angekommen. Solch’ eine Dominanz muss man erst mal hinkriegen. Sie ist Ergebnis beharrlich betriebener Evolution ambitionierter Eigner und der cleveren Eidgenossen am Genfer und Thuner See.

Doch wenn irgendwann ein Konzept ausgereizt ist, wächst die Gefahr, dass man sich auf seinen Lorbeeren ausruht. Die Überlegenheit des Matadors verlangt nach einem Rivalen, einem frischen Ansatz. Das ist das gesunde Prinzip des Wettkampfes am Markt.

"Double X-bow", das trägt man anscheinend jetzt so. Der Trick: Bereits bei leicht ins Wasser gedrücktem Vorsteven verlängert sich die Wasserlinie vorne maximal. © Marchand

“Double X-bow”, das trägt man anscheinend jetzt so. Der Trick: Bereits bei leicht ins Wasser gedrücktem Vorsteven verlängert sich die Wasserlinie vorne maximal. © Marchand

Als Sebastien Schmidt Ende der achtziger Jahre als Newcomer über den 5,5er zu grübeln begann, schwangen die Amerikaner Doug Peterson und Buddy Melges mit führenden Neubauten das Zepter. Das ist aber schon gut zwei Jahrzehnte her.

Seit einer Weile hält die Szene nach neuen kreativen Talenten Ausschau. Gefragt ist ein frischer Ansatz, der neuen Wind in die Konstruktionsklasse bringt, die Monopolstellung aufbricht, die Entwicklung eines neuen 5,5ers wieder zu einer spannenden Herausforderung und nicht zuletzt kompetitive Boote günstiger macht. Ein 5,5er Neubau aus der Wilkeschen Präzisionsschmiede liegt derzeit bei 166.000 Euro. Hinzu kommt, dass die jüngsten Sebastien Schmidt Entwürfe wie SUI 222 und 223 die Erwartungen nicht erfüllten.

Mehr – mehr – weniger

Wird das der angesagte 5,5er für die nächsten Jahre? Die Realität im Maßstab 1:1 muss es ab dem Frühjahr 2013 auf dem Gardasee zeigen. © Marchand

Wird das der angesagte 5,5er für die nächsten Jahre? Die Realität im Maßstab 1:1 muss es ab dem Frühjahr 2013 auf dem Gardasee zeigen. © Marchand

Da ist das seit 2010 entwickelte Boot des Genfer Segelmachers Alain Marchand interessant. Es wird ab November in Norditalien gebaut. Im Gespräch auf der Hamburger hanseboot erläutert der 46-jährige seine Ideen. „Als langjähriger 5,5er-Segler kenne ich die Sebastien Schmidt Boote natürlich gut. Schmidt ist ein Freund von mir. Wir haben gelegentlich über neue Ansätze gesprochen. Vereinfacht gesagt habe ich versucht ein Boot zu entwickeln, das mit mehr Segelfläche, größerem Ballastanteil und weniger Widerstand unterwegs ist.“

Das Rezept „mehr – mehr – weniger“ klingt zunächst einmal sehr selbstbewusst, wie der Traum jedes Konstrukteurs. Denn das Korsett der Vorschriften und Grenzmaße ist auch bei den 5,5ern eng. Über dieses Boot wurde von cleveren Leuten in den vergangenen Jahrzehnten viel nachgedacht. Sieht man sich das Maßnahmenbündel des Schweizers aber im Detail an, erscheint es schlüssig.

Mehr Segelfläche

Der Neubau soll vermessen mit 29 statt 28,90 qm unterwegs sein, real aber 0,6 qm mehr Segelfläche aufweisen. Davon verspricht sich der versierte Segelmacher (Gautier, Incidences, jetzt bei North Sails in Genf mit One Design und Big Boat Garderobe beschäftigt) einen vierprozentigen Vorteil gegenüber den besten 5,5ern von 2011 (nachfolgend immer als Referenzboot genannt).

Neues Schiff, neues Seglerglück? Das Modell des Marchandschen Entwurfs am Ufer des Genfer Sees. © Marchand

Neues Schiff, neues Seglerglück? Das Modell des Marchandschen Entwurfs am Ufer des Genfer Sees. © Marchand

Interessanter wird der Segelflächenvergleich beim deutlich leichteren Boot, dessen Gewicht Marchand mit 1.743 kg statt 2.010 kg ansetzt. Das 15 Prozent leichtere Boot ist also mit 60 statt 70 kg je qm unterwegs. Der Marchand-Entwurf ist netto annährend 270 Kilo leichter.

Das Referenzboot ist mit 1.385 kg Ballast unterwegs, wovon 1 t in der Kielflosse, der Rest mit ungünstigem Hebelarm zwischen den Bodenwrangen im Rumpf liegt. Marchand steckt sämtliche 1.221 Kilo in den Torpedo eines T-förmigen Kiels. Das ergibt ein deutlich steiferes Schiff. „Es hat ja einen Grund, dass heute jedes moderne Regattaboot mit solch einem Kiel unterwegs ist.“ Marchand geht bei 20 Grad Krängung und 240 Kilo Crewgewicht auf der hohen Kante von einem etwa 1/3 steiferen Schiff gegenüber dem Referenzboot aus.

Weniger Bauch

„Wenn ich bei gleicher Länge (9,30 m) ein 15 Prozent leichteres Schiff zu Wasser lasse, kann ich das Unterwasserschiff flacher halten“ wirbt Marchand für sein Konzept. Der Vergleich der Seitenansicht des Referenzschiffes mit dem Marchandschen Neubau zeigt deutlich gestrecktere Linien. Der neue Enwurf hat weniger Bauch. Außerdem führt der Konstrukteur das Vor- und Achterschiff flacher aus dem Wasser heraus. Der Vorsteven ist weiter zur Wasserlinie hinabgeführt.

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Erdmann Braschos

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Ein Kommentar „Braschosblog: Wie Alain Marchand das Wilke 5,5er Monopol aufbrechen will“

  1. avatar Ketzer sagt:

    Man man man, sind das Klopper. Schönheitspreis ist da wohl Fehlanzeige, oder?

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 4

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