Designstudie: Flucht-Phantasie für Millionäre – Stefano Pastrovichs Mutterschiff

Spielzeugträger

Es ist wohl richtig, das moderne Boot als schwimmende Erlebnisplattform und „maritime Chill Out Zone“  zu sehen, weil es überwiegend so genutzt wird. Nur darf man dabei im üblichen Format nicht erwarten das sie auch noch aussieht und fährt.

Pastrovich

Warum nicht mal den Strand zum Boot? Die verlängerte Gangway machts möglich © Stefano Pastrovich

Da haben es die Designer von schwimmendem Millionärsspielzeug einfacher. Der pfiffige Italiener Stefano Pastrovich trennt Gesichtspunkte wie Bordlebensqualität, sprich Platz und Komfort vom Fahrspaß und Sport. Er beschäftigt sich schon länger, seit der Kusch Yacht „Senses“ oder dem Spielzeugträger „Le Grand Bleu“ mit großen Mutterschiffen und interessanten Beibooten

Auf dem Mutterschiff wird gelebt. Mit den Beibooten für die Spritztour wird abgelegt. Das klappt, wenn das Mutterschiff groß und das Beiboot leer, leicht und agil ist.

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Auch die Besatzung einer großen Yacht möchte sich mal aus dem Weg gehen. Mit einer eigenen Marina und Privatsteg zum Strand klappt es © Stefano Pastrovich

Seine Konzepte namens „77 m X R-Evolution“ und „90 m X-Kid Stuff“ sind zwar irgendwie noch Boote, eigentlich aber mobile Plattformen im modern coolen Look. Sie sehen zwar aus wie schnelle Motoryachten, würden sich aber, sofern jemals gebaut, in langsamer Verdrängerfahrt verholen.

In der Karibik- oder Mittelmeerbucht angekommen, wird antörnendes Segelspielzeug ins Wasser gehoben. Außerdem gibt’s ein paar flotte Spritsäufer zum Angeben und Brettern bei Flaute, zum Brötchen oder Sonnencreme holen. Wenn es zu langweilig,  warm oder voll wird, ließe sich die mobile Insel auch in grönländische Fjorde verlegen.

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Immer nur Mittelmeer oder Karibik ist auf Dauer langweilig. Grönland kann auch schön sein: mit der richtigen schwimmenden Hardware © Stefano Pastrovich

Zwar hatte Luca Bassani diese Idee vor acht Jahren schon mal mit seiner „Wallyisland“, einem mit Palmen begrünten Luxusfrachter. Vier Jahre später präsentierte er sie gemeinsam mit dem Pariser Edeltäschner „Hermès“ zur „Why“ modifiziert.

So überzeugend, so klar und konsequent seine Idee war, die Sache erschien etwas speziell. Angesichts dieses 60 x 40 m Objekts war sich die Branche damals sicher, Bassani hätte was geraucht.

Eigentlich war „Why“ eine dieser wunderbar charmanten Bassani – Bambini Ideen. Sie ließ jeden, der sich das länger ansah, grinsen. Das Schiff hätte dank seiner enormen Breite angenehm ruhig im Wasser gelegen. Mit ihrem Openhaus-artigen Foyer wäre sie repräsentativer als das Kanzleramt geraten. Das ist für Eigner mit entsprechender Brieftasche auch ein Thema.

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Pastrovich lernte bei Martin Francis und Wally. Er hat neuerdings ein eigenes Büro in Monaco © Studio Pastrovich

Das hatte mit dem üblichen Protz (Glastische, Blubberbecken und Helipads) wenig zu tun. Die „Wally Hermès Yacht“ (kurz Why), eine Art beweglicher Privatinsel im Format einer großen Immobilie, wäre für 70 Millionen Euro zu haben gewesen. Wassergrundstücke kosten immer etwas mehr, wobei man dieses an die Flensburger Förde, ins Maddalena Archipel oder die Baie de Anges hätte legen können.

Jetzt hat Bassanis langjähriger Mitarbeiter Pastrovich ein eigenes Konzept vorgestellt. Dabei sind seine Renderings der Realität insoweit angenähert, dass man damit im Mittelmeer sogar einen Liegeplatz im Yachthafen statt Fährterminal fände

Seine 77 und 90 m Formate erscheinen eher wie Boote und weniger wie schwimmendes Phantasialand für Milliardäre.

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Die Privatinsel aufgeräumt, mit den Spielzeugen unter und an Deck © Stefano Pastrovich

Pastrovich ist clever genug, seine Mutterschiffkonzepte wie schnelle, sportliche, moderne Motoryachten erscheinen zu lassen. Denn auch die schwimmende Datsche muss cool daher kommen, damit sie gekauft wird.

Er hat die smarte Idee der tatsächlichen Nutzung von Yachten als stationärer „Chill Out Zone“ in einem vertrauten Frack gewandet, statt sie wie Bassani mit einem konsequent breite Design betont anders erscheinen zu lassen.

Bleibt die Frage ob das geht, die Zukunft ist: Ich glaube nicht. Selbst der sogenannte Custom Yachtbau bewegt sich im engen Fahrwasser des Konventionellen. Es sind eher kleine, überlegte, evolutionäre Schritte, die gegangen werden. Auch muss das Gefährt ja eines Tages verkäuflich, sprich marktfähig sein. Da tut sich der kühne Wurf schwer.

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Bau Dir Deinen Hafen oder Steg. Mit diesen Modulen ist vieles möglich © Stefano Pastrovich

Zweitens erfinden die großen Bootsbauetats unserer Tage die Yacht wenn überhaupt, dann lieber selbst für sich neu. Siehe Otto Happel und sein yachtbaulicher Meilenstein „Hetairos“ . Das ist eine Frage des Egos.

Aber mit seinen Animationen cooler Spielzeugträger macht Pastriovich auf sich aufmerksam. Es klappt, wie auch dieser Beitrag zeigt. Man muss im Gespräch bleiben. Auch wenn man an der Rue Grimaldi 57 wenige Schritte vom Hafen angekommen ist.

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Etwas Schatten, Palmen, eine schwimmende Bühne und ein paar Beiboote. Was braucht man unterwegs mehr? Stefano Pastrovich

 

Der Designer Pastrovich

Der 37-jährige Stefano Pastrovich stammt aus Genua. Ende der Neunziger Jahre gelang ihm bei Martin Francis anlässlich der „Senses“, dem Designer spektakulärer Motoryachten wie „Enigma“ ex „Katana“ ex. „Eco“ der Einstieg in die Luxusyachtbranche. Dieses 59 m Boot im Stil eines Expeditionsschiffes, einigen Segel- und Motorbeibooten und luxuriösem Interieur entstand für den Franzosen Jack Setton.

Pastrovichs erster Wurf war die 114 m lange „Le Grand Bleu“. Das Boot entstand für den Microsoft-Mitgründer Paul Allen mit einer 74 Fuß Segelyacht an Backbord und einer 67 Fuß Sunseeker an steuerbord als Beiboot.

2000 bis 05 arbeitete Pastrovich als Leiter der Designabteilung bei Wally, wo er mit der 36 m Hochgeschwindigkeitsmotoryacht „WallyPower 118“ und der daraus abgeleiteten Motoryacht-Range beschäftigt war. Sein Büro ist strategisch richtig an der Nordwest Ecke des Port Hercule angesiedelt.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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