Gigantomanie im Bootsbau: “Gaia” und ihre 100 Fuß Schwestern

Auf großem Fuß

Die „Gaia“ des südenglischen Retro-Spezialisten Sprit Yachts zeigt, welchen Erfolg Bootsbauer mit einem cleveren Mix aus traditionellen Linien und zeitgemäßem Holzbootsbau haben können. Auch andere Werften planen neue 100 Fußer.

Die 100-füßige "Gaia" von Sprit Yachts

Die 100-füßige Gaia von Sprit Yachts in der Karibik. Ein 50 Tonnen schwerer Retroschlitten. © Spirit Yachts

Sprit Yachts hat seit Anfang der neunziger Jahre eine ganze Flotte von Als Ob-Klassikern von 37 bis 100 Fuß aufgetakelt. Der Betrieb beschäftigt sich gerade mit dem J-Class Neubau „Cheyevo“ und hat ungeachtet der wirtschaftlichen Großwetterlage ein 130 Fuß Konzept in der Schublade.

Wie die Spirit 100 „Gaia“ zeigt, hat sich Sprit Yachts mit einem eigenwilligen Mix aus einem über Wasser traditionellen Rumpf und einem geschwungenen Deckslayout mit sehr geneigten Aufbauseiten an Bord weit von vertrauten Formen entfernt. Sie hat damit einen eigenen Stil kreiert. Die Grenze zwischen well done und overdone schmal (Siehe SR Text:  „Marlene“ von Thomas Lütje)

Fairlie 110 wie Five Klassiker

Solche riesigen Gentleman’s-Racer mit Sommerurlaubsoption haben einen kleinen feinen Markt. Da schauen andere Werften, die auch schöne Boote bauen können, ungern zu. Es wundert also nicht, wenn Bootsbauer wie Fairlie Restorations mit der eigens gegründeten Marke Fairlie Yachts oder Front Street Shipyard im US Bundesstaat Maine mit ähnlichen bei näherem Hinsehen allerdings ziemlich anderen Konzepten mitbieten.

Wie bei einem Konzept der angesehenen Fairlie Werft zu erwarten, ist die „Fairlie 110“ – abgesehen vom Unterwasserschiff mit flächigem Upside Down Flossenkiel und Ballastbombe und Spatenruder – am ehesten von gestern. Die „Fairlie 110“ sähe, würde sie gebaut, oben herum einem Klassiker von William Fife zum verwechseln ähnlich.

Bemerkenswert ist, dass es ursprünglich eine Konstruktion gemäß der amerikanischen Universal Rule gewesen sein soll. Das Schiff wäre mit seinen Skylights, dem Deckshaus zum windgeschützten Teetrinken, Zeitung lesen oder Navigieren und der traditionell zwischen dem Süllrand ins Deck eingelassenen Plicht ein Hingucker, mit dem man sich in der ersten Oktoberwoche zur Segelwoche in Saint Tropez im Vieux Port blicken lassen kann.

W-Class Flaggschiff mit geducktem Aufbau

Ein Retroschlitten ganz anderer, amerikanischer Art, soll die „W 100“ werden. Er würde mit annähend 7 Metern deutlich breiter und mit einem steiler ins Wasser geführten Vorsteven auch moderner. Stilistisch knüpft der Entwurf an die zwei Mal gebaute W 76 von Joel Whites Reißbrett an. Diesem Boot folgten ansehnliche 37 und 46-füßer.

Das Rendering des hundert Füßers, das die neu gegründete Werft Front Street Shipyard in Maine in Gespräch gebracht hat, zeigt wie beim derzeitigen W-Class Flaggschiff einen geduckten Aufbau. Dazu eine separate Gäste- und achtern eine weitere Seglerplicht mit ziemlich viel Hardware rings um den Süllrand zum Regattasegeln.

Ein schöne Vorstellung, damit mal vor Antigua, St. Barth oder anlässlich einer „Bucket“ an der amerikanischen Ostküste die Winschen surren zu lassen. Zwar hat sich die von Donald Tofias lancierte W 76 Class mit der jahrelangen Bereederung beider Exemplare als Ladenhüter erwiesen, aber erstens fand sind für die „White Wings“ ja irgendwann doch noch ein Käufer und zweitens ist der Mix aus Gestern und Heute zu reizvoll, um es nicht doch noch mal im größeren 100 Fuß Format zu versuchen.

Und was haben diese Retroschlitten nun mit der Realität der meisten Segler zu tun? Wenig. Doch man wird ja mal träumen und gucken dürfen! Gerade jetzt, wo es draußen nur kalt ist und jeder Segler liebend gern mit einem so einem Zossen durch die lange Dünung der Karibik rauschen würde. Ein Ritt mit der „Gaia“ oder einer ihrer vielleicht ja schon bald gebauten Schwestern wäre zu schön, um wahr zu sein.

Spirit 100: Länge 30,6 m, Wasserlinie 21,6 m, Breite 5 m, Tiefgang 3,7 m, Verdrängung 50 t, Ballast 28 t, Segelfläche 424 qm, Maschine 200 PS Yanmar

Fairlie 110 : Länge 33,60 m, Wasserlinie 23,2 m, Breite 6,30 m, Tiefgang 4,1 m, Verdrängung 72 t, Segelfläche 568 qm (Groß 321, Genua 247 qm), Maschine 300 PS Volvo, Dieseltank 2.000 l, Frischwasser 1.500 l, Geschwindigkeit unter Motor 10 kn, 8 Kojen für den Eigner und seine Gäste, 4 Crewkojen

W 100: Länge 30,50 m, Wasserlinie 24,38 m, Breite 6,84 m, Tiefgang 4 m, 460 qm, 12 kn Rumpfgeschwindigkeit

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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