Superyacht Rettung: Vor 9 Jahren schleuderte ein Hurrikan “Legacy” in den Nationalpark

Gestrandet im Paradies

Vor neun Jahren geriet der Amerikaner Peter Halmos mit seiner 48 Meter Luxusyacht in die Schlagzeilen, als Hurrikan Wilma sie im Naturschutzgebiet von Key West stranden ließ. Nun hat er das Schiff wieder flott gemacht.

Peter Halmos gehört zu den Seglern, die mit ihrem Pott was machen. Mit einem Showboat im Hafen bleiben und Cocktails schlürfen reicht nicht. Im Herbst 2005 befand er sich mit „Legacy“ und Tauchausrüstung auf Schatzsuche im paradiesischen Gewässer der Dry Tortugas bei Key West, als Hurrikan Wilma Florida ansteuerte.

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Hurrikan Wilma ließ “Legacy” im Naturschutzgebiet stranden. © Captain Tom Serio

Der Sturm sollte auf Reede vor Key West abgewettert werden. Das schien im Schutz der vorgelagerten Inseln und Sandbänke zunächst auch zu gelingen. Im August erst hatte die riesige Ketsch an der gleichen Stelle bereits Hurrikan Katrina überstanden. Trotz 130 Stundenkilometern Wind hatten die Anker das Schiff mit dem großen Aufbau und der mächtigen Takelage an seinem Platz gehalten.

Das Schiff begann zu treiben

In der Nacht vom 23. auf den 24. Oktober aber begann „Legacy“ zu treiben. Auch der Einsatz der beiden 12-Zylinder mit zusammen 1.500 PS langte nicht. An die 200 km/h Wind (118 km/h sind 12 Windstärken) waren zu viel.

Das Schiff wurde auf den Golf von Mexiko gesogen. Bald überspülte das Meer den herrenlos vor Top und Takel treibenden Jumbo, wusch durch die Lüfter im Dach des voluminösen Motorseglers. Sieben Meter sollen die Wellen hoch gewesen sein.

Drei Uhr früh brach der 45 m lange Mast. Der etwas kleinere Besan folgte bald. Ein Hilferuf mit dem Handy ergab: die Küstenwache war sicherheitshalber ins ferne Orlando evakuiert. „Schreibt eure Sozialversicherungsnummern mit Kuli auf die Arme, damit wir eure Angehörigen benachrichtigen können, falls wir euch finden“ war der Rat.

Es sah nicht gut aus für Halmos, seinen Skipper Ed Collins, Jennifer Richey, Tatum Boswell, Robert Siegfried und Brian Longo. Sie erwarteten im mahagonivertäfelten 100 qm Salon ihr Schicksal.

(Ab hier Text für SR Clubmitglieder)

Aufgelaufen im Nationalpark

Etwa um fünf Uhr morgens ging ein mächtiges Beben durch den vierhundert Tonnen Brummer. Die Rückseite des Wirbelsturms hatte „Legacy“ zurück in die Nähe von Key West getrieben. Der Kielstummel des steuerlos treibenden Schiffes wühlte sich durch Sand und Seegras des Great White Heron Nationalparks, bis der Sturm nachließ und sich der Wasserstand normalisierte.

Wie durch ein Wunder hatten Halmos und seine Segelfreunde den Sturm überlebt. Bald stellt sich heraus, das Legacy nicht schwamm, sondern in der selbst gegrabenen Furche in knietiefem Wasser stand. „Holy shit“ meinte Halmos. Er sollte das Fluchen noch richtig lernen.

Jeder außer Halmos hätte seine Sachen gepackt und das gestrandete Schiff aufgegeben. Dem gebürtigen Ungarn und hemdsärmligen Selfmademan Halmos schien die Bergung machbar.

Eigner floh vor Sozialismus

Halmos war in einem Heuwagen versteckt vom Sozialismus geflohen. Er hatte sich als 25-jähriger mit 50 Dollar und einer Schreibmaschine im Land der unbegrenzten Möglichkeiten selbständig gemacht. Seine Geschäftsidee namens „SafeCard“, die Versicherung von Kreditkarten gegen Verlust und Diebstahl, machte ihn reich. 1992 hatte SafeCard ein 170 Millionen Dollar Polster und machte 22 Millionen Gewinn.

So konnte sich Halmos Anfang der neunziger Jahre in Italien bei Perini Navi für 16 Millionen Dollar sein Traumschiff, die dunkelblaue 48 m Ketsch „Legacy“ mit weißem Aufbau bestellen. An Bord dieser Kampfklasse vergnügten sich damals die Berlusconis oder Murdochs dieses Planeten.

Wenige Bootslängen vor dem gestrandeten Motorsegler gab es wieder tiefes Wasser. Aber die National Oceanic and Athmospheric Administration (NOAA) meinte, das Schiff müsse den gleichen Weg durch die anderthalb Kilometer lange Furche zurück nehmen, wie es gekommen sei. Dem Naturschutzgebiet mit dem kostbaren Seegras dürfe kein weiterer Schaden zugefügt werden. Die Alternative sei, das Boot wie gestrandet im 1938 eingerichteten Naturschutzgebiet stehen zu lassen.

Die Jahre 2006 und 7 samt Hurrikan-Saisonen kamen und gingen. Halmos kochte. Anwälte, Bergungsspezialisten, unterschiedliche, mal mündlich mal schriftlich formulierte Zustimmungen zur Bergung der Yacht, Neugierige und Langfinger, die ein Auge auf das Schiff geworfen hatten, auch.

Eine Waffe für das Schiff

Halmos bewachte sein Hab und Gut mit einer halbautomatischen M1 Garand. Diese Waffe hatte sich schon im Zweiten Weltkrieg bewährt. Zwei Jahre nach der Strandung war der Verhandlungsmarathon zu Ende.

Der gebürtige Ungar ist ein Beißer. Keiner der auf- oder nachgibt. Er läßt keinen Fight aus. Er stand zu seinem Schiff, zog die Sache durch wie Fitzcarraldo den Transport seines Dampfers durch den brasilianischen Urwald. Besessenheit läßt Schiffe Berge queren. Sie holt auch eine 400 Tonnen schwere Yacht aus dem Watt. Halmos organisierte und beaufsichtigte den Fight in Aqua Village, einem eigens eingerichteten schwimmenden Dorf in der Nähe des Bootes.

Die quer am Ende der Sackgasse steckende „Legacy“ wurde gedreht. Der Sand wurde vor dem Schiff abgesogen, tiefere harte Schichten mit Spezialgerät gelockert. Meter für Meter wurde der Koloss bei Hochwasser durch die 1,5 km lange Rinne gezerrt und der Aushub wie vorgeschrieben hinter dem Schiff abgelegt.

Die walfischbäuchige Form des Bootskörpers mit kleinem, gut drei Meter tief gehendem Kielstummel und eingeklapptem Schwert erleichterte die Bergung. Die Kosten von 1,5 Millionen Dollar pro Monat zahlte Halmos selbst. Die Maßnahme dauerte sechs Monate.

Die “Legacy” Befreiung nach fünf Jahren

Im Juni 10 schließlich, fünf Jahre nach der Havarie, dieselte „Legacy“ zu den Bahamas, wo der Schwenkkiel inspiziert, der Rumpf gespachtel und lackiert und ein neues Ruder montiert wurde.

Auch das jahrelange Ringen mit der Versicherung durch einen Wust unklarer Regelungen und widersprüchlicher Zu- und Absagen wurde weitgehend zu Halmos Gunsten entschieden. „Es wäre für alle Beteiligten besser und die Versicherung günstiger gewesen, wenn gleich gezahlt worden wäre“ erklärt Halmos.

Neun Jahre seit der Strandung ist das Boot repariert und aufgeräumt. „Legacy“ liegt in einer Marina von Key West. Gestreifte Polster ruhen auf den Korbsesseln. Jetzt fehlen nur noch die Masten. Halmos macht einen zufriedenen Eindruck. Er ist jetzt 70.

Warum er sich all das gegeben hat? „Ich habe einen Pakt mit meinem Boot“ erklärt Halmos. „Damals habe ich ‚Legacy’ geschworen sie nicht aufzugeben, wenn wir Wilma überleben.“

Ursache für das Unglück

Thema Anker: Die Besatzung hatte „Legacy“ mit dem steuer- und backbord Anker und einem zusätzlich in der Mitte ausgebrachten Extraanker auf Hurrikan Wilma vorbereitet. Es wurden jeweils etwa 120 m Kette beziehungsweise Trosse gegeben. Das Boot konnte frei schwojen. Halmos zufolge brach erst der eine Wirbel eines Ankers, dann der des zweiten Grundeisens. Die Anker und auch die Wirbel sollen nicht zur tatsächlichen Verdrängung der Yacht gepasst haben. Das Schiff war deutlich schwerer als von der Werft spezifiziert. Dennoch war das Ankergeschirr bei einer Begutachtung durch die Klassifikationsgesellschaft abgenommen worden.

 

Die Versicherung

Peter Halmos zum Thema Versicherung: „Die Gesellschaft, bei der man das Schiff versichert hat, trägt wenn überhaupt, dann nur einen Teil der Versicherungssumme. Sie hat das Risiko auf einen oder mehrere Partner verteilt. Mit denen darf man sich dann auch noch herumschlagen.“ Halmos hat folgende Tipps für Eigner havarierter Schiffe. Erstens: „Die Versicherung stellt sich als Partner des Geschädigten dar. Sie behauptet, dem Eigner zu helfen. Das ist Quatsch. Sie versucht die Angelegenheit so günstig wie möglich für sich zu regeln, sprich sich irgendwie aus der Sache heraus zu winden. Deshalb – zweitens – gleich einen möglichst versierten Anwalt nehmen. Das spart Ärger, Geld und Zeit.“

 

Technische Daten “Legacy”

48 m Ketsch „Legacy“ aus Stahl mit Alumiumaufbau
Werft/Stapellauf: Perini Navi/1995
Länge: 48 m
Wasserlinie: 38,6 m
Breite: 9,2 m
Tiefgang (Kielschwerter): 3,4 – 7,7 m
Maschinen: zwei MTU Zwölfzylinder mit jeweils 738 PS
Verdrängung beladen: 387 t
max Geschwindigkeit unter Motor: 15 kn
Reichweite: 4.000 sm bei 13 kn
Diesel: 42.000 l
Großtop über WL: 44,8 m
Besan über WL: 36,85 m
Segelfläche: 990 qm

Dank an Captain Tom Serio für die Informationen, Fotos und wiederholt gute Zusammenarbeit. Serio arbeitet als freiberuflicher Kapitän, Journalist und Fotograf in Fort Lauderdale und Palm Beach/Florida. Er dokumentiert die Angelegenheit seit Jahren.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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2 Kommentare zu „Superyacht Rettung: Vor 9 Jahren schleuderte ein Hurrikan “Legacy” in den Nationalpark“

  1. avatar Thorsten Paech sagt:

    Tolle Geschichte!!!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

  2. avatar wiedermalsegeln sagt:

    Sehr schöner Bericht. Bitte weiter so, es gibt noch mehr bemerkenswerte Menschen und Schiffe da draussen!

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