Winterlager: Mein Freund, der Motor – Eine Leidens- und Liebesgeschichte

Lieber alter Rußrotzer...

Faxen dick

Braschos Motor

Mit dieser 38 mm Verlängerung für den Saildrive wurde nachträglich der nötige Abstand zwischen Propeller und Bordwand geschaffen © Klaus Herrmann

Ich will Dir bei dieser Gelegenheit nur andeuten, was auch passieren kann. Ein geschätzter Kieler Klassikersegler hat das vor Jahren mal mit seinem Öttel gemacht. Der hatte nach endlosen Bastelstunden die Faxen dick. Er griff zu großmäuligen Schlüsseln und baute mit rotem Kopf „den ganzen Scheiß“ aus. Er hob ihn in den Kofferraum. Er fuhr zum Sperrmüll. Er kehrte erleichtert zurück. Allein!

Aber weißt Du: Wir sind zusammen ein Innenborderleben älter geworden. Du gehörst in dieses Schiff. Ich höre, Du seiest einer der besten, den die Göteborger je gebaut haben. Der Monteur meines Vertrauens, der liebenswürdige Herr Schmidt, hat schon ein Auge auf Dich geworfen. Aber ich rücke Dich nicht raus.

Wie oft stand ich mit dem üblichen Werkzeug und ner Rolle Kleenex in Deinem Schacht? Wie viele Stunden verbrachte ich über Deine klobigen Ventilabdeckungen gebeugt? Wie viel Schweiß rann über Deinen Motorblock. Wie viele Blasen hab ich mir gepumpt. Ich kenne und mag Dich: Dein Püttern, Dein Brummen, Dein vertrautes Nageln. Du bist so kernig wie ein oller Trecker im landwirtschaftlichen Museum Kiekeberg.

Das Getriebeunterteil muß noch gereinigt werden, aber: Ab ist ab © Klaus Herrmann

Das Getriebeunterteil muß noch gereinigt werden, aber: Ab ist ab © Klaus Herrmann

Aber dieses letzte Fragezeichen muss weg. Das verdammte Genudel muss aufhören. Ich kann Deinen heiser jammernden Anlasser nicht mehr hören. Ich ertrage den stechenden Geruch Deiner strapazierten Elektrik nicht mehr. Ich möchte Dich ohne mitfühlende Blicke meiner Segelfreunde anschmeißen. Du hast mir Deine Lektionen erteilt. Ich habe geliefert und werde diesen Winter auch noch weiter liefern. Du weißt genau was ich meine. Bitte versuche in der nächsten Saison etwas Dankbarkeit zu zeigen. Wir zwei sollten jetzt mal quitt sein!

 

 

 

Daten zum Motor

– Volvo Penta MD 17 C Dreizylinder mit nachgerüsteter Zweikreiskühlung (original keilriemengetriebener Bausatz)
– 35 PS bei 2.500 U/min, 1,7 l Hubraum.
– Gebaut von 1975-81
– 62 Ah Anlasserbatterie
– Saildrive 110 S
– Gewicht Motor und Getriebe 317 kg
– geliefert mit zweiflügligem Gori Faltpropeller 16,5×11
– Langjähriger Betrieb mit 17x13x3 Festpropeller, geändert auf 15×12 (Empfehlungen 18x13x3, 17x12x3, 16x11x3, 15x13x3)
– Seit 2006: Variprop DF LH-SD, 16x12x3 (Steigung rückwärts 11): knapp 8 kn bei 2.500 U/min.

Umbauten und Reparaturen

Braschos Motor

Die Ersatzteillage geht gerade noch, tendiert aber zum roten Bereich © Schmidt & Seifert

– Zweikreiskühlung nachgerüstet
– Abgaskrümmer ersetzt
– neue Lichtmaschine
– Expansionstank aus Motorraum Backskiste verlegt
– Einbau Betriebsstundenzähler
– Saildrive um 38 mm verlängert
– Ölwanne gereinigt
– Saildrive Klemmring und Motorbock sandgestrahlt und verzinkt
– Nachrüstung Kühlwasserfilter und vereinfachte Frischwasserspülung des Motors
– separate Abgastemperaturüberwachung
– Reparatur Laderegler
– neue Spritpumpe
– Einspritzdüsen überholt
– Ventile eingestellt
– neue Spritentnahme aus Tank und Dieselleitung
– Nachrüstung Keilriemen-Spannvorrichtung
– Einspritzpumpe überholt
– neuer Anlasser
– Prüfung Ventilspiel und Kompression.

Braschos Motor

Das Werkstatthandbuch, so antiquiert wie der Volvo von 1979, hilft weiter © Swedesail E. Braschos

Der Motor bringt auch 31 Jahre nach Inbetriebnahme bei knapp 8 kn in glattem Wasser noch volle Leistung. Derzeit Überholung der eingelaufenen Propellerwelle (milchiges Getriebeöl), Überholung Kaltstartvorrichtung mit Kulissenhebel im ausgebauten Radgehäuse, Prüfung des Fliehkraftreglers.

Das Boot

Swede 55 16 m Tourenschärenkreuzer mit nominell 55 qm am Wind, Fisksätra Varv, Västervik Schweden, Baujahr 1979.

Material

Motoröl SAE 10W-30 (CD Qualität vom Supermarkt) – Ölfilter Gotthardt PH 2874, Mahle OC 11 (vom Autozubehör) oder Volvo 834 337 – Getriebeöl übliches SAE 20W-30 – Keilriemen 9,5 x 1375 mm – Dieselvorfilter Mahle KX 23, CAV 7111-296 oder Lucas 296 (Autozubehör) – Dieselfeinfilter Mahle KX 34 oder Bosch 1 457 431 324, Impeller Seewasserpumpe Volvo 875 808-0, LKW-übliches Additiv:  Bakzid von MAN gegen Dieselpest.

Motoröl, Filter und Kielriemen gibt es im Supermarkt, Baumarkt oder Autozubehör günstiger als im Boots- oder Motorenzubehör. Hierzu muss lediglich einmal vom eingebauten Original auf ein genauso geeignetes Fabrikat umgeschlüsselt werden. Das geht bei den meisten Motoren. Wichtiger als der Kauf teurer Originalteile ist das Einhalten der Wartungsintervalle.

 

 

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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14 Kommentare zu „Winterlager: Mein Freund, der Motor – Eine Leidens- und Liebesgeschichte“

  1. avatar Erbsenzähler sagt:

    …Tränen gelacht! Immer noch.
    So isses!
    Vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel!

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  2. Super.

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  3. avatar Kluchschieter sagt:

    Grossartig! Warum kommt mir das alles nur so bekannt vor…?

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  4. avatar guido sagt:

    also wenn ich jöckel nich persönlich kennen würde….
    dann hab ich wohl die kleine zickenschwester an bord
    toll geschrieben!!!

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  5. avatar Joop sagt:

    Tja, unsere Senioren brauchen eben Zuwendung.

    Nur gut, dass man die Kleenex-Rollen nicht bei Volvo kaufen muss – dann wäre ich pleite.

    Danke für den schönen Beitrag

    Joop (der gelegentlich um seinen MD11C, Bj. 82, tanzt)

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    • avatar dubblebubble sagt:

      Wer mit Küchenpapier schraubt, kann getrost als fachfremd bezeichnen werden. Vielleicht ist das der Grund für so manche Never-Ending-Story rund um den Bootsdiesel?

      PS:
      Immerhin wurde jetzt eine ökologisch erfreuliche Verwendung für die vielen leeren Kleenex-Papprollen gefunden, die beim Verkehr mit den Grobpartikelschleudern fabriziert wird:

      https://segelreporter.com/wp-content/uploads/2013/12/1326893.jpg

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  6. avatar andreas borrink sagt:

    Lustiger und treffender Artikel, schön geschrieben. Erinnerte mich irgendwie an “Die sonderbare Welt des Seglers Gustav”, falls das noch einer kennt.

    Habe ich gleich meinem Ruggerini vorgelesen, diesem italienischen Nichtsnutz………

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  7. avatar Klaus sagt:

    Ich bete für den alten Rußrotzer, lieber Erdmann Braschos, wenn Sie dann auch für meinen MD7A ein kleines Gebet sprechen.

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    • avatar Erdmann sagt:

      Klaus, Dank für Deine Vintage-Bootsdieselempathie. Irgendwann empfahl einer der mitleidenden Segelfreunde eine Art „Motorchronik“, wo wesentliche Ereignisse und Maßnahmen festgehalten sind. Das hat die Sache auf die Spur gebracht. Kann ich nur jedem empfehlen, der über einen langen Zeitraum Probleme hat. Damit stellte sich heraus, das es nicht eine, sondern verschiedene Ursachen waren. Wer erinnert schon im Detail, was vor 6, 8 oder 12 Jahren passierte oder gemacht wurde?

      Eigentlich muß man sagen: Die Motoren – vielleicht nicht alle, aber bestimmte Typen – sind erstaunlich robust: Lange Stand- und in der Regel sehr kurze Laufzeiten.

      Ich habe aber noch ein echtes Aß im Ärmel. Einer aus dem „Syndikat“ hat schon mehrere VW Porsche restauriert. Der fängt da an, wo ich das Werkzeug resigniert weglege.

      Sollten weltliche Mittel wie Logik, Empirie und fortgeschrittene Schrauberei nicht helfen, würde ich dann auf’s Beten umsteigen. Ansonsten wünsche ich ein gutes Motor-Karma.

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  8. avatar Werner Görlich sagt:

    Erst gestern habe ich im Internet nach preiswerten Angeboten für Bootsmotoren gesucht, da fiel mir direkt http://www.yachtzubehoer24.eu/ ins Auge. Dort gibt es super Angebote und die Auswahl ist groß. Ich habe mich dort auch direkt telefonisch beraten lassen, einfach top! Sehr nette Menschen die einem die Fragen ausführlich beantworten. Ich kann http://www.yachtzubehoer24.eu/ nur empfehlen.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 1 Daumen runter 7

    • avatar Thorsten Paech sagt:

      @Werner, das klingt nur zufällig so wie Werbung oder ? Schreib doch mal Carsten oder Andreas an ob du n Banner buchen kannst

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

    • avatar skiffsailor sagt:

      Ich würd nenn nannidiesel kaaufen sind super motoren !!!!

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  9. avatar skiffsailor sagt:

    Hallo Dazu kann ich nur sagen nannidiesel einbauen der ist halb so schwer, halb so laut, säuft halb so viel und hält wieder 30 jahre! wir haben auf unser vindö auch etwa ein gleich alter volvo ist ne katastrophe lärm unkonstante energie verliert öl in der bilge quwalmt und stinkt!!!! auf unserem boot in der schweiz das wir jetzt gerade umbauen haben wir in den letzten 10 jahren ein nannidiesel drin gehabt super motor hat mehr leistung wie der alte, wiegt halb so viel (etwa 120 kilo) und hat 29 ps also mehr wie der alte paeter motor!! Die heutige technik ist ja zum glück auch nicht stehen geblieben!

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  10. avatar Ole H. sagt:

    Klasse. Hab Tränen gelacht.

    BTW.: Ich wäre ja für das Gerücht, daß VP das Wechseln der Saildrive Membrandichtung alle sieben Jahre nur aus dem Grund vorschreibt, damit Mechanikers die völlig verrotteten Gehäusebolzen durch neue ersetzen und mit Tikal Tef Gel einsetzen.
    Ebenso ist die Werkstoffqualität der unteren Propellerwelle für mich ein Grund, an der Qualität von “Swedish Steel” zu zweifeln. Und 650 Tacken für ein Ersatzteil schmerzen doch sehr. (Ich weiß, es gibt Passhülsen).

    Andererseits sind die Maschinchen echt robust, nehmen auf vielen (Charter-) Yachten tagelanges Motoren bei Rollbewegungen oder MoSeln bei 20° Lage erstaunlich gelassen. Und lassen sich normalerweise auch ohne eine sündhaft teure Ausstattung mit Spezialwerkzeugen in entlegenen Gebieten der Welt reparieren.

    Ole

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