Bootsbau Inside: Wolfson Unit Besuch. Kotznorm gegen Seekrankheit, gefrorene Erbsen

Termin für den Eimer

Gleitfahrt-Test im Schlepptank. © Wolfson Unit

Arbeit mit Windtunnel und Schlepptank

Das Wolfson Unit ist also eine besuchenswerte Adresse. Die Untersuchung von Rigglasten ist an sich zwar nicht neu. Das wird eine Weile schon bei Regattabooten, beispielsweise zur Ermittlung der Vorstagsspannung anhand der Backstagen gemacht. Und der in den 90er Jahren gebaute 50 Meter Karbonmast der J-Class „Velsheda“ war ebenfalls mit Meßfühlern versehen. Die Fragestellungen und auch das Bedürfnis zur Absicherung seitens Ingenieuren und Lieferanten werden allerdings immer präziser.

Der Reporter wollte schon länger einen Artikel über Schlepptankuntersuchungen (Video) schreiben. Endlich ist er da. Er sieht sich in wenigen Minuten mit leuchtenden Augen am Beckenrand in Augenhöhe eines surrend durch den Tank gezogenen Modells stehen, staunen, grübeln, fragen und seinen Block vollschreiben. Kein Zweifel, das wird eine tolle Geschichte. Er muss nur noch durch das Büro des Stabilität-Spezialisten Barry Deakin ans Becken kommen. Er wird das Begrüßungszeremoniell kurz hinter sich bringen.

Deakins Zimmer sieht aus, wie es sich für den Arbeitsplatz wissenschaftlicher Mitarbeiter mit hart an der Null entlang schrammender Frauenquote gehört. Naturholzmöbel, Gummibaum, Kaffeeflecken, sichtlich gebrauchte Auslegeware auf dem Fußboden, die mal gewechselt werden könnte.

Kostspielige und auch unnötig pflegebedürftige Verschattungssysteme wie beispielsweise Gardinen oder Lamellen sind dank nachhaltig über einen längeren Zeitraum automatisch abgedimmter Fenster unnötig. Die Scheiben wurden einfach so gelassen wie geliefert, also nicht geputzt. Das ist weltweit an praktisch jeder staatlich finanzierten Uni bewährt.

Im Schlepptank kann das Verhalten von Modellen im Wellengang probiert und hochgerechnet werden. © Wolfson Unit

Auch die  stapelweise sedimentierten Fachzeitschriften und Projektmappen, von schweren, offenbar der Statik halber mit oben draufgelegten dicken Schwarten gesichert, zeugen von einer sympathisch klaren Fokussierung auf die Hauptsache, die Bootswissenschaft.

 

Erbsenschockfrost-Thematik statt Schlepptank-Geheimnisse

„Hi, Coffee – Sugar, Cream?“ erkundigt sich Barry Deakins und fängt bereits beim Rüberschieben des Bechers mit einem Referat über die neulich abgeschlossene Studie in „Industrial Dynamics“ an, nämlich der Untersuchung einer Bean Freezing Machine.

„Hier ging es darum, den Luftstrom mit maximalem Wirkungsgrad so durch die Erbsen zu schicken, dass die Dinger flott und mit geringstmöglichem Vitaminverlust eingetütet werden können. Das haben wir uns genau angesehen und den Prozess optimiert“ erklärt Deakin mit leuchtenden Augen.

Als warm up für das eigentliche Thema ist „bean freezing“ nicht schlecht und die Kurve aus der Erbsenschockfrost-Thematik rüber zum Segeln sollte doch irgendwann machbar sein, denkt der aus dem fernen Hamburg angereiste geduldige Reporter.

Außerdem sind gefrorene Erbsen für Engländer ziemlich wichtig, weil sie auf den britischen Inseln, wo Gemüse und Vitamine generell sparsam angeboten werden, gesunde Ernährung symbolisieren und diese übrigens auch vollständig repräsentieren. Deren knall- bis synthetisch leuchtend grüne Färbung kennen Segler vom phosphoreszierenden Anstrich steuerbordseitiger Seezeichen.

avatar

Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.

3 Kommentare zu „Bootsbau Inside: Wolfson Unit Besuch. Kotznorm gegen Seekrankheit, gefrorene Erbsen“

  1. avatar Marc sagt:

    Guter Artikel, amüsant zu lesen und nicht so hitzig zu debattieren wie das 470er Gerichtsthema 😉

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 0

  2. avatar Klaus sagt:

    Köstlich: „Bean Freezing Quarterly“.

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

  3. avatar uli_s sagt:

    Wolfsons Bohnenfroster und Brechrekorder dürften zur Perfektion kultivierte Kalauer aus der Firmenhistorie sein, mit denen man – by the way – auch lästige Blogreporter abwimmeln kann.

    😉

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *