Bootsbau Inside: Wolfson Unit Besuch. Kotznorm gegen Seekrankheit, gefrorene Erbsen

Termin für den Eimer

Pflaster kreuzweise über der Mund geklebt

Leider ist Deakin nach einer gefühlten Ewigkeit immer noch bei der Erbsenschockfrostung. Ich erkläre, dass ich nicht der Kollege von „Bean Freezing Quarterly“ bin (so ein Journal gibt es garantiert im angelsächsischen Sprachraum) und frage, was er und seine Kollegen denn im „maritime field“ so machen würden. Deswegen wäre ich nämlich gekommen.

Er sei „awfully sorry“. Aber über Schlepptankuntersuchungen und solche Sachen könne er wenig sagen, weil das, was es gerade zu sehen gäbe, im Unterschied zur Erbsenschockfrostung leider streng vertraulich sei. Die Konstrukteure würden eine Menge Geld für spezielle Fragestellungen ausgeben und jeder hier hätte ein riesiges Pflaster kreuzweise über der Mund geklebt. Na super!

Kleines Kästchen gegen großes Übel. Das Vometer soll aus Schiffsbewegungen die Erbrechenwahrscheinlichkeit ableiten können. © Wolfson Unit

Aber er hätte da noch was Schönes. Den Vometer. Über den könne er sprechen. Den – hä, was? „Sind sie schon mal Fähre gefahren oder Motorboot?“ erkundigt sich Deakin listig blinzelnd. Wenn es sein muss, mache ich das, ja. „Und, ist ihnen dabei noch nie schlecht geworden?“ To vomit heißt nämlich kotzen. Und der Vometer sei ein Erbrechenswahrscheinlichkeitsindikator.

Och, ich gehe immer an Deck und stehe meistens auf der Seite, wo ich Segelboote sehe. Da bleiben sogar auf einer übel riechenden Fähre die Mundwinkel oben. „Das ist eine gute Strategie“, meint Deakin. Nun gebe es aber viele Leute, die schon beim ersten Stampfen oder Gieren, also bereits wenn die Fähre sich durch die Molenköpfe der Hafenausfahrt schiebt, seekrank werden.

Für die gäbe es dieses kleine Kästchen hier, das Deakin aus der Schublade seines Schreibtischs gefingert hat. Oh nee, jetzt bitte nicht wieder so ein Armband oder Zaubermittel, denkt der verzweifelte Reporter. Das kann er doch Zuhause niemandem als Ergebnis der Southampton-Reise anbieten. Die optimierte Luftführung durch den Erbsenschockfroster wird ihn nicht retten.

Hilfe gegen grüne Gesichtsfarbe

„Wir beschäftigen uns eine Weile schon mit Beschleunigungsmessungen, meist für schnell laufende Katamaran-Fähren”, berichtet Deakin. “Beim Betrieb dieser Schiffe geht es darum, den Kapitän vor strukturellen Schäden infolge zu großer Geschwindigkeit bei Seegang zu warnen. Ein Panel auf der Brücke zeigt, wenn der Beschleunigungsmesser im Bug zu harten Schlägen ausgesetzt wird und er den Gashebel zurücknehmen muss“ . Ja, und? Was hat die Schadensbegrenzung bei Katamaranen mit der grünen Gesichtsfarbe zu tun?

„Heftig stampfende oder schlagende Rümpfe beeinträchtigen nicht allein die Seetüchtigkeit oder Festigkeit eines Bootskörpers.” Anhand statistischer Erhebungen an Bord englischer Fähren sei bekannt, dass besonders die Bewegungen in der Senkrechten den Passagieren zu schaffen machen.

Die meisten werden seekrank, wenn ihr Gleichgewichtssinn mit einem zehnmaligen Auf und Ab in der Minute außer Gefecht gesetzt wird. Das entspräche einer sechssekündigen Wellenamplitude. Dafür gebe es die sogenannten Motion Sickness Incidence“ (MSI) und die Motion Sickness Dose Value gemäß British Standart BS6841.

Die MSI zeigt die Wahrscheinlichkeit an, bei bestimmten Schiffsbewegungen seekrank zu werden. “Diese Schwingungen misst dieses kleine Kästchen hier“ erklärt Deakin. “Da müssen sie nicht den Compi anschmeißen um zu wissen, wie schnell jemand an Bord speiübel wird.”

Ein Rechner überträgt die gemessenen Beschleunigungswerte in Zeiteinheiten von einer Minute. Zur Anzeige der Speiwahrscheinlichkeitsrate bei bestimmten Fahrtzuständen (Kurs, Geschwindigkeit und Wellenbedingungen) gibt es verschiedene Displays. Damit verfügt der Kapitän über ein Instrument, die Ursachen für die Seekrankheit abstellen oder entscheidend mindern zu können, bevor die Passagiere das erste Mal gähnen.

Aus dem grünen Bereich heraussegeln

„Und wie will er das machen?“ fragt der blasse Reporter, der begreift, dass er heute kein einziges Modell, keinen Windtunnel oder Schlepptank sehen wird. „Nun, der Kapitän kann ein paar Kohlen drauflegen, er kann Fahrt aus dem Schiff nehmen oder er ändert den Kurs, bis er außerhalb der riskanten Frequenz ist.” So werde seinen Passagieren gar nicht oder erst später schlecht.

Tja, und jetzt ist leider ist das der Öffentlichkeitsarbeit gewidmete Zeitkontingent von Barry Deakin abgelaufen. Einem Reporter Sachen erklären, die jedem hier im Institut geläufig sind, das zähle für einen wissenschaftlichen Mitarbeiter außerdem nicht als Arbeit.

Beim Herausgehen dreht der Reporter sich um und kündigt an, er käme wieder, wenn Deakin und seine Kollegen grad keine kreuzweise angebrachten Pflaster auf dem Mund hätten. „Oh“ meint Mister Deakin, es wäre ihm ein Vergnügen gewesen, mir mal einen Eindruck zu geben, was sie hier beim Wolfson Unit so alles können. „You are always welcome Mister Braskoff!“ meint Deakin listig blinzend.

Der Reporter nimmt sich auf der Heimreise vor, den Herstellern maritimer Unterhaltungselektronik, die andauernd digitalen Krempel auf den Markt bringen, den kein klar denkender Segler braucht, den Vometer zu empfehlen. Ein  handelsüblicher Beschleunigungsmesser wäre der Anfang.

Ein paar Grad abgefallen, dazu mit leicht gefierten Schoten aus dem latent grünen Bereich herausgefahren und die Pütz bliebe in der Backskiste. Das hätte für alle Beteiligten wirklich Nutzwert. Außerdem kann der Termin beim Wolfson Unit nicht völlig für den Eimer gewesen sein. Auf dem Rückflug mit British Airways wird irgendwo über der Nordsee ein Gericht mit beeindruckend grünen Alibi-Erbsen gereicht. Was es dazu gab, erinnert der Reporter nicht mehr.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.

3 Kommentare zu „Bootsbau Inside: Wolfson Unit Besuch. Kotznorm gegen Seekrankheit, gefrorene Erbsen“

  1. avatar Marc sagt:

    Guter Artikel, amüsant zu lesen und nicht so hitzig zu debattieren wie das 470er Gerichtsthema 😉

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 0

  2. avatar Klaus sagt:

    Köstlich: „Bean Freezing Quarterly“.

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  3. avatar uli_s sagt:

    Wolfsons Bohnenfroster und Brechrekorder dürften zur Perfektion kultivierte Kalauer aus der Firmenhistorie sein, mit denen man – by the way – auch lästige Blogreporter abwimmeln kann.

    😉

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