Brachosblog: Essence 33 – “die Pocket Superyacht”

Kommt Muddi mit?

Muddi fühlt sich auf der surfenden Essence 33 wohl © Yagt Werft/Hoek Design

Es ist ein Unsinn, Bummel- und Wochenendsegelboote mit starrem, unzugänglichem Klüverbaum anzubieten. Man kann damit schlecht vorwärts anlegen. Man gelangt über den dünnen Holm balancierend zwar vielleicht irgendwie an Land, aber abends auf dem Rückweg von der Kneipe schlecht an Bord. Ankern ist mit diesem neuerdings üblichen Modeartikel komplett unpraktisch: vom Ausbringen des Schlammhakens, der ganz sicher an den steilen Steven schlägt, über die ständig am Wasserstag scheuernde Leine bis hin zum Bergen. Auch verschenkt das Arrangement wertvolle Wasserlinienlänge, die mit dem senkrechten Vorsteven eigentlich gewonnen werden soll.

Wie viel besser wäre es, das gesamte J-Maß (Vorsegelbasis) für die WL zu nutzen? Der soeben von Edamer Konstruktionsbüro Hoek präsentierte Yagt Werftbau „Essence 33“ ist etwas mehr als 11 Meter lang und bietet aufgrund des Klüverbaums und achteren Überhangs ganze 7,80 m Wasserlinie. Leider verlängert sich die Konstruktionswasserlinie wegen der steil aus dem Wasser geführten Achterschiffslinien beim Segeln kaum.

Und wer zieht auf Booten wie der „Essence 33“ eigentlich das Vorsegel aus der Nut der vorn über dem Wasser angebrachten Rollanlage? Im Hafen wird das bequem am Steg gemacht. Unterwegs ist das ein mühsames und nasses Geschäft. Besonders dann, wenn der Wäschewechsler mit gespreizten Beinen rittlings vorwärts auf der Bugspritze hockt und jede dritte Welle frontal nimmt.

Das Nostalgiemarketing

Essence 33 ‘surft’ die Nostalgiemarketing Welle ab © Yagt Werft/Hoek Design

Warum werden solche Boote also entworfen und gebaut? Weil es Boote mit geneigtem oder senkrechten Vorsteven ohne starre oder bewegliche Vorbauten schon massenhaft gibt. Außerdem haben wir Segler dieses Seemannsgarn von den angeblich sagenhaft seetüchtigen englischen Lotsenkuttern im Kopf. Jeder hat mal von den sogenannten britischen „plank on edge“ Bleitransportern mit ihren endlos langen, einziehbaren Bugspriets gemäß Themse Vermessung gehört. Dass dieser Bootstyp unter anderem vom Schoner „America“ Anno 1851 in Grund und Boden gesegelt wurde, dass die schweren und tief im Wasser liegenden Schiffe nass segelten, gefährlich waren und manches Exemplar flott wie ein Stein absoff ist weniger bekannt. Auch dass Arbeitssegler mit langen, flach über das Wasser ragenden Klüverbäumen oder Bugspriets früher „widow maker“, Witwenmacher hießen, diese unschöne Tatsache ist irgendwie im sepia der Geschichte verblasst. Keine Sau wollte nach vorn, wenn es aufdrehte, nass und gefährlich wurde.

All das spielt heute keine Rolle. Wir Segler brauchen, wir lieben das Aroma der Tradition, die Geschichte zum Boot. Deshalb gibt es seit einigen Jahren Boote mit senkrechtem Vorsteven und diesen unpraktischen Extremitäten vor dem Steven. Deshalb versuchen Hoek und die Yagt Werft es nach der gefloppten, drei Fuß längeren Wallynano jetzt nochmal mit diesem Daysailor mit Übernachtungsoption.

Segelgeometrie

Abgesehen vom Nostalgiemarketing gibt es einen handfesten Grund für Klüverbäume vor diesen senkrecht schnittigen Steven. Mit dem weit vorn angeschlagenen Vorsegel bringen die Konstrukteure eine Menge Tuch vor dem Mast unter. So wandert der Flächenschwerunkt der Besegelung insgesamt nach vorn, lassen sich Segel- und Lateralschwerpunkt schön austarieren. Damit werden zweimastige Riggs mit vorteilhaft weit voneinander angeordnetem Groß und Besan (siehe „Hetairos“) möglich. Da steht der Besan nicht direkt im Abwind des Groß.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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4 Kommentare zu „Brachosblog: Essence 33 – “die Pocket Superyacht”“

  1. avatar Backe sagt:

    Ist sie nun sexy? Scheiße, ja!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 2

    • avatar SR-Fan sagt:

      Irgendwie wirkt sie plump, weil das Verhältnis Rumpf zu Aufbau(-höhe) “nicht stimmt”. Dann doch lieber ne Wallynano in rosa 😉

      VG

      Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 3

  2. avatar Heini sagt:

    Vor allem, weil die (Wally nano) ne Pinne hat. Warum schrauben die so ein hässliches Lenkrad auf so ein Ding ?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

    • avatar SR-Fan sagt:

      Sonst wärs doch kein (Pocket-)Superyacht 😉
      Das brauchts heutzutage um die Umgewöhnung vom Auto zu minimieren.

      VG

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

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