Motoryachten: “48-Meter-Supersport” – skurriles Showboat als Spritsparer

Heilig’s Blechle

Die "48 m Supersport" bei der Probefahrt in Sturgeon Bay/Wisconsin © Palmer Johnson

Die “48 m Supersport” bei der Probefahrt in Sturgeon Bay/Wisconsin © Palmer Johnson

Auf den ersten Blick ist die „48 m Supersport“ ein skurriles Showboat, das nächst-verrückte Bling-Bling für Monaco. Der zweite Blick von Erdmann Braschos zeigt ein cleveres, mit pfiffigen Ideen gespicktes Konzept.

Dicke Pötte mit kühn ausgekragtem Bug und mehreren Decks gibt es in Antibes, Monaco oder Fort Lauderdale bis zum Abwinken. Die weiße Flotte sieht aus wie die endlos variierte „Wappen von Hamburg“. Aber wer kauft heute gern das gleiche Boot, das der Nachbar im Prinzip schon hat?

Deshalb wird mit andersartigen, frappierenden bis verblüffenden Formen und schillernden Farben experimentiert. Bei mancher Kreation meint man, der Designer hätte was geraucht.

Blick auf die ‘weiße Flotte‘ in Fort Lauderdale. So sehen die Häfen heute aus © Bahiamarhotel

Blick auf die ‘weiße Flotte‘ in Fort Lauderdale. So sehen die Häfen heute aus © Bahiamarhotel

Daran besteht angesichts dieses Schlittens in neureich-gold mit schwarzen Fenstern und verwirrender Linienführung zunächst kein Zweifel. Sicher ist immerhin: Es schwimmt, muß sich also um eine Art Boot handeln. Obwohl große Pötte im wesentlichen Hafeninventar sind, werden sie ab und zu bewegt. Man möchte ja mal zur Badebucht, zum Stand oder zu einem schönen Liegeplatz in einem anderen Hafen.

Vergleichsweise vernünftig

Dann spielen die CO2-Bilanz und Spritkosten eine Rolle. Also besinnt sich die Branche wieder auf den schlanken, langen Rumpf des Verdrängers, wie er einst bei den amerikanischen Commuter Yachten üblich war.

Leider gleiten Verdränger nicht. Sie sind vergleichsweise vernünftig. Deshalb wurde dieser hier cool verpackt, vom Wasserlinie-streckend schrägen Steven mit Wellenschneider Bug bis zum bullig breiten Heck. Er erinnert – heilig’s Blechle – an einen exotischen Mittelmotor-Sportwagen.

Mit der 46 kn schnellen ‘Fortuna‘ wurde die Werft in der Motoryacht-Szene weltbekannt © Palmer Johnson

Mit der 46 kn schnellen ‘Fortuna‘ wurde die Werft in der Motoryacht-Szene weltbekannt © Palmer Johnson

Der fährt bekanntlich schon im Stehen. Die Bezeichnung als „48 m Supersport“ unterstreicht die Illusion rasanter Fahrleistungen. Vom Auftritt und Namen her müßte das Ding 70 Knoten brettern. Zwar sind Vollgas 32 Knoten Spitze drin. Für ein Siebtel des Spritverbrauchs, nämlich 140 l/h soll das Boot passable 14 Knoten laufen.

Dreirümpfer im Gewand des Einrümpfers

Nun haben lange schlanke Verdränger einen entscheidenden Nachteil: Sie rollen übel. Das Schaukeln läßt sich mit einem knick- statt rundspantigen Rumpf etwas reduzieren. Besser wird der Rumpf mit seitlichen Auslegern stabilisiert, wie ihn jeder Segler vom Trimaran kennt. Deshalb ist die neue Palmer Johnson ein Dreirümpfer im Gewand eines Einrümpfers. Die Ausleger sind eng am Mittelrumpf entlang geführt und geben dem Boot dort Breite wo es sie braucht: Bei den Tendergaragen zum seitlichen Aussetzen der Beiboote, beim Salon und achtern vor dem Kai.

Der dicht am Rumpf angeordnete Ausleger soll das Rollen reduzieren © Palmer Johnson

Der dicht am Rumpf angeordnete Ausleger soll das Rollen reduzieren © Palmer Johnson

Natürlich ließe sich so eine komplexe Struktur mit all den Falzen, Fensterausschnitten, Kimmkanten, Rundungen, Wölbungen und Tunneln irgendwie schon noch aus Aluminium schweißen und von Kunstspachtlern zurecht modellieren.

Doch würde das zu aufwändig, zu schwer und als Serienbau zu teuer. Dank Bauweise aus Karbon geriet das Boot 20 t leichter. Die Gewichtsersparnis ergibt ein flaches Unterwasserschiff, wenig Tiefgang und widerstandsarm schnittige Linien.

Kein Baumkuchen mehr

Das Kasko kommt von einem norwegischen Spezialisten für spritsparende Schnellfähren, der Brødrene Werft zwischen Bergen und Alesund. Ausgedacht hat sich die Supersort der neue Palmer Johnson Inhaber Timur Mohamed.

Der Rohbau entstand aus Karbon bei einem norwegischen Spezialisten für Schnellfähren © Brødrene AA

Der Rohbau entstand aus Karbon bei einem norwegischen Spezialisten für Schnellfähren © Brødrene AA

„Wir haben auf die übliche Baumkuchen-Bauweise mit mehreren aufeinander gelegten Decksschichten verzichtet“ erklärt Werftchef Mike Kelsey jr. das kühne Design. Das Konzept kommt an. Das zweite Exemplar ist bereits im Bau.

Auch bei den fünf 38- bis 64m-Modellen der etwas zurückhaltenderen Sportyacht Range geht Palmer Johnson einen eigenen gestalterischen Weg.

Vor gut zehn Jahren war die traditionsreiche, für berühmte Regattaboote und große Alu-Motoryachten geschätzte Werft in Schwierigkeiten. Mike Kelsey senior hatte sich zurück gezogen. Es dauert nicht lange und sein Sohn flog aus dem ehemals väterlichen Betrieb. 2003 war Palmer Johnson Pleite.

Poller und Ankerspills wurden in der separaten Festmacher-Vorpiek versteckt © Palmer Johnson

Poller und Ankerspills wurden in der separaten Festmacher-Vorpiek versteckt © Palmer Johnson

 “Butterschiffe” reichen nicht

Aber ein Kunde, der Cricket Spieler und Geschäftsmann Timur „Tim“ Mohamed meinte, das könne es nicht gewesen sein. Er kaufte den Betrieb, holte den Junior zurück und ließ ihn, unter anderem mit der gewöhnungsbedürftigen aber wiedererkennbaren Produktlinie machen. Seitdem hat Palmer Johnson 26 Motoryachten aus der Halle geschoben.

Einfach nur „Butterschiffe“ bauen, wie die Branche die voluminösen Verdränger für 70-jährige Millionäre nennt, reicht heute nicht. Man muß sich schon was einfallen lassen.

Die agressive Seitenansicht mit dem gedruckten Vorschiff nennt der hemdsärmelige Macher Kelsey, der sich eher im Betrieb als in der künstlichen Welt der Bootsmessen wohlfühlt, „crisp“ = knackig.

Bei dieser Vorschiffsform wurde das Ankern mit versteckten Taschen gelöst © Palmer Johnson

Bei dieser Vorschiffsform wurde das Ankern mit versteckten Taschen gelöst © Palmer Johnson

Die Palmer Johnson Sportyacht-Range gibt es von 35 bis 72 m. Die hatte sich sein Vater bereits Ende der Neunziger Jahre ausgedacht. Er erkannte bereits damals, das ein neues, eigenständiges Produkt her mußte.

Man muss Motorboote heute zeitgemäß spritsparend bauen und ihnen einen Look für den nächsten James Bond Film verpassen. Dann gucken alle hin. Und der Laden läuft.

 

 

Das Gefährt

Länge 49 m, Breite 11 m, Tiefgang 1,6 m, Gross Tonnage 490, 2 MTU 16 V 2000 M64, Klassifikationen DNV, MCA, LY3, Reisegeschwindigkeit 14 kn bei 140 l/Stunde, Höchstgeschwindigkeit 32 kn bei 1.000 l/Stunde, Rumpf, Deck und Aufbauten aus Karbon, 12 Gäste, 9-köpfige Crew, 7 m Beiboot, 27 qm Achterdeck, Panorama verglaste 67 qm Eignersuite im Vorschiff. Schattige Veranden und Balkons achtern. Ein Deck für den Eigner und Gäste, darüber eins zum Fahren und besseren Ausblick.

Die Werft

Palmer Johnson entstand 1918 als Werft für den Bau und Reparatur von Fischerbooten in Sturgeon Bay/Wisconsin am Michigan See. Mit Übernahme durch Texas Instruments Gründer Pat Haggerty erfolgte die Spezialisierung auf den Aluminium-Yachtbau. Geführt von Haggertys Schwiegersohn, dem passionierten Segler und jovialen Verkaufstalent Mike Kelsey sr. entstanden bei PJ namhafte Regattaboote wie „Kialoa III“, „Ondine VI“, „Scaramouche V“ oder „Tenacious“.

1979 lieferte die Werft die 30 m lange Hochgeschwindigkeits-Motoryacht „Fortuna“ an König Juan Carlos von Spanien. Das vielbeachtete dreistrahlige Alu-Boot lief mit 6.700 PS 46 kn. In den Neunzigern entstanden bei Palmer Johnson viele große Motoryachten wie die 60 m lange „La Baronessa“.

 

Website

Hat der Designer was geraucht? Immerhin fährt die ‘48 m Supersport‘ schon im stehen © Palmer Johnson

Hat der Designer was geraucht? Immerhin fährt die ‘48 m Supersport‘ schon im Stehen © Palmer Johnson

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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9 Kommentare zu „Motoryachten: “48-Meter-Supersport” – skurriles Showboat als Spritsparer“

  1. avatar Arne sagt:

    Cool, ne Motorbente.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 13 Daumen runter 4

  2. avatar Erdmann sagt:

    Arne, das ist leider Bullshit

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 3 Daumen runter 16

    • avatar Arne sagt:

      Ich dachte nur: Backdeck, negativer Steven, oben sieht es ein bischen nach Dodger aus.
      Irgendwie leider geil.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

  3. avatar andreas borrink sagt:

    Zu eckig. Wenn schon, dann richtig, dann Oculus:

    http://schopferyachts.com

    DER hat definitiv was ordentliches geraucht……..

    Ist angeblich in Bau.

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    • avatar Sven 14Footer sagt:

      Das Schiff sieht ganz nach Colani Design aus. Soll ja Leute geben, die das mögen. Zum Glück sind die Geschmäcker verschieden. Ich finde da die 48 m supersport deutlich netter. einzig die Farbe ist ein Fehlgriff.

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      • avatar dubblebubble sagt:

        Was heisst hier Farbe ein Fehler? Die Schnitte ist vergoldet, siehsu das nich? pffffff… nur Loser lassen lacken. ^^

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  4. avatar Hurghamann sagt:

    Ich muss wiedersprechen, die heutigen Motorjachten sehen nicht aus wie endlose Variationen der “Wappen von Hamburg” (das hätte ja Stil). Nein sie erinnern meistens an Designsünden und Netzhautpeitschen a la “Hamburg” “Warsteiner Queen/Fantasia” die im Hamburger Hafen seit Jahren ungestraft unsere Augen beleidigen dürfen.

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  5. avatar Roman sagt:

    Bist Du sicher, dass das dem Juan Carlos seine Fortuna war, oder hatte der mehrere? Die letze hat er ja anno 2000 geschenkt bekommen und vor 2 Jahren wieder zurück gegeben.

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    • avatar Erdmann sagt:

      Hallo Roman,

      da bin ich sicher. Das Boot wurde ihm geschenkt und es war damals ein technisch anspruchsvolles aufregendes Projekt.

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