Schüsse auf Orca? Bild deutet auf Verletzungen – Augenzeugen sollen Vorfall beobachtet haben
Ist es jetzt wirklich passiert?
von
Carsten Kemmling
Haben Segler auf einen der Iberischen Orcas geschossen? Ein Foto sorgt für Aufsehen. Es zeigt die möglicherweise verletzte Rückenflosse von Toni, dem ältesten Männchen der vom Aussterben bedrohten Iberischen Orca-Population. Sind es Einschussstellen?
Die Schutzplattform Orcas.pt veröffentlichte das Foto am Dienstag und berichtet, dass die auffälligen Spuren am Vortag bei Beobachtungen durch Partner entdeckt worden seien. Noch ist allerdings völlig offen, wie die Verletzungen entstanden sind. In dem Beitrag heißt es:
„Gestern wurden bei Beobachtungen durch Partner der Plattform auffällige Spuren an der Rückenflosse von Toni festgestellt, dem ältesten bekannten Orca der iberischen Population. Einige Mitglieder der Community vermuten, dass diese Spuren durch Schüsse entstanden sein könnten, während andere natürliche Ursachen für möglich halten. Zum jetzigen Zeitpunkt führen die zuständigen Behörden Untersuchungen durch, um die genaue Ursache festzustellen.
Wir wollen keine voreiligen Schlussfolgerungen ziehen und überlassen die Bewertung den Fachleuten und Behörden. Die Plattform Orcas.pt lehnt jede Form von Gewalt gegen Orcas sowie den Einsatz illegaler Abschreckungsmethoden ausdrücklich ab. Wir setzen uns weiterhin für den Schutz dieser bedrohten Population ein und werden die Community über neue offizielle Erkenntnisse auf dem Laufenden halten.“
Für zusätzliche Brisanz sorgt ein Kommentar von Francisco Martinho, der im Iberischen Orca-Forschungsbereich tätig ist. Zum Beitrag von Orcas.pt schreibt er: „There are eye witnesses of the shooting. It has been reported.“ Demnach soll es also Augenzeugen eines Schusswaffeneinsatzes gegeben haben, der Vorfall sei gemeldet worden.
Eine unabhängige Bestätigung dafür liegt bislang allerdings nicht vor. Unklar ist insbesondere, wer die Augenzeugen sind, was sie genau beobachtet haben und ob ihre Aussagen bereits von Behörden überprüft wurden. Das Foto selbst liefert ebenfalls noch keinen Beweis für einen Beschuss. Die auffälligen hellen, teilweise kreisrunden Stellen sind deutlich zu erkennen, ihre Ursache lässt sich anhand der Aufnahme jedoch nicht zweifelsfrei bestimmen.
Die Meldung kommt vor dem Hintergrund der seit Mai 2020 vor der spanischen und portugiesischen Küste dokumentierten „Angriffe“ bzw. „Interaktionen“ mit Iberischen Orcas, insbesondere mit Segelyachten. Unter Berücksichtigung der vermuteten hohen Dunkelziffer dürfte die Zahl inzwischen auf über 1000 gestiegen sein. Neun Yachten sind gesunken, meist, weil durch einen herausbrechenden Ruderkoker ein Leck entstand. Die zunehmende Frustration bei betroffenen Seglern hat bereits mehrfach zu Forderungen nach einer stärkeren Abwehr der Tiere geführt.
Ob Toni tatsächlich beschossen wurde, könnte letztlich nur eine Untersuchung der Verletzungen klären. Sollte sich der Verdacht bestätigen, wäre dies ein trauriger neuer Höhepunkt in dem Konflikt zwischen Orcas und Seglern.
Warum die Orcas „interagieren“
Nach wie vor ist nicht klar, warum es zu dem speziellen Verhalten der Orcas kommt. Eine aktuelle Veröffentlichung aus dem Umfeld der Orca-Forschung diskutiert die Interaktionen als mögliche defensive Reaktion und nennt dabei insbesondere Lernen, frühere Erfahrungen und wiederholte menschliche Störungen als mögliche Faktoren. Demnach könnten rigide Abwehrmaßnahmen ein aggressiveres Verhalten der Tiere bewirken:
Verhaltensänderungen bei Meerestieren verstehen
Viele Menschen fragen sich heute, warum bestimmte Tiere der iberischen Orca-Subpopulation bei Interaktionen mit Schiffen ein bestimmtes Verhalten zeigen, insbesondere wenn sie in physischen Kontakt mit Booten kommen und dadurch Schäden an den Rudern von Segelbooten verursachen.
Dieses Verhalten wurde als INTERAKTION beschrieben, d. h. als Reaktion der Orcas auf die Anwesenheit von Menschen in der Nähe ihrer Boote. Es wird als „natürliches Verhalten“ angesehen. Wenn eine neue Verhaltensreaktion auftritt, sich wiederholt oder innerhalb einer Population verbreitet, ist es wissenschaftlich relevant zu fragen, welche Faktoren sie ausgelöst, begünstigt oder aufrechterhalten haben könnten. Tierverhalten ist nämlich das Ergebnis einer Kombination aus Lernen, individueller Erfahrung, sozialen Beziehungen, der Umwelt und den Störungen, denen Tiere ausgesetzt sind oder die sie als solche wahrnehmen.
Viele Segler denken: „Ich segle friedlich und störe niemanden“, aber wir wissen nicht, was eine Ameise denkt, wenn wir sie während unseres ruhigen und friedlichen Spaziergangs auf einem Waldweg unwissentlich zertreten. Bei Tieren, die so sozial und kognitiv entwickelt sind wie Orcas, spielt soziales Lernen eine wichtige Rolle bei der Weitergabe bestimmter Verhaltensweisen. Wiederholte Erfahrungen, Stresssituationen, vom Menschen verursachte Störungen oder negative Interaktionen mit Schiffen könnten je nach Art und Häufigkeit dazu beitragen, die Verhaltensreaktionen einiger Individuen zu verändern. Es ist daher unerlässlich, diese Phänomene ohne Anthropomorphismus zu untersuchen, ohne jedoch die Hypothese auszuschließen, dass frühere Erfahrungen die beobachteten Reaktionen beeinflussen könnten.
Dieses Prinzip gilt nicht nur für Wale. Verhaltensänderungen im Zusammenhang mit negativen Erfahrungen oder wiederholten Störungen werden bei zahlreichen Tierarten beobachtet, sowohl im Meer als auch an Land. Eine Abwehr-, Ausweich- oder Einschüchterungsreaktion kann auftreten, insbesondere wenn ein Tier eine Situation als Bedrohung wahrnimmt oder versucht, eine unerwünschte Interaktion, die es gerade erlebt, zu beenden.
So berichtete beispielsweise das Centre d’Observation des Cétacés de La Réunion über den Fall eines Wals mit dem Spitznamen „Moustache“, dessen Verhalten gegenüber mehreren Badenden als defensiv und einschüchternd beschrieben wurde. Dem Bericht zufolge wurden einige Schwimmer angeblich weggestoßen oder daran gehindert, zu ihrem Boot zurückzukehren. Dieser Wal war zuvor mehrere Wochen lang Störungen durch Menschen ausgesetzt gewesen.
Dieses Beispiel erinnert uns daran, dass eine ungewöhnliche, entschlossene oder plötzliche Reaktion eines Meerestieres nicht unbedingt als Ausdruck von Aggression interpretiert werden sollte. Sie kann auch eine Reaktion darstellen, die darauf abzielt, eine als bedrohlich empfundene Situation zu beenden – und das tun sie auf die Art und Weise, die sie kennen, so wie sie es auch gegenüber Artgenossen tun würden.
Um diese Reaktion zu verstehen, ist es daher unerlässlich, die Umstände zu untersuchen, unter denen sie auftritt: Annäherungsabstand, Häufigkeit der Interaktionen, Störungen während der Jagd oder Nahrungsaufnahme, Verhalten der Beobachter, Zustand des Tieres, Umweltbedingungen und mögliche frühere Erfahrungen.
Mit anderen Worten: Was uns als aggressives Verhalten erscheint, kann in diesem Kontext eine Art des Tieres sein, uns zu signalisieren, dass es möchte, dass wir uns entfernen und aufhören, es zu stören.
Delfine schlagen mit ihren Schwanzflossen vor unserem Bug auf die Wasseroberfläche, wenn wir uns nähern und sie sich eingeschüchtert fühlen. Sie sagen uns damit: „Kommt keinen Meter näher. Geht weg.“
Wie sieht es bei Orcas aus?
Im Falle der iberischen Orcas ist dieser Ansatz besonders wichtig. Anstatt ihre Interaktionen mit Segelbooten systematisch einfach als „Spiel“ oder als Verhalten zu betrachten, das völlig unabhängig von menschlichen Aktivitäten ist, muss weiter geforscht werden, um festzustellen, welche Faktoren ihr Auftreten, ihr Fortbestehen und ihre Weitergabe zwischen Individuen erklären könnten.
Ein Verhalten zu verstehen bedeutet weder, das Tier zu verurteilen, noch den verursachten Schaden zu entschuldigen. Es bedeutet, zu versuchen, seine Mechanismen zu begreifen, um sowohl die Orcas als auch die Menschen, die sich in ihrem Lebensraum aufhalten, besser zu schützen.
Heute leben wir mit der gesamten Geschichte, die sich zwischen den beiden Arten angesammelt hat und bis in die Zeit zurückreicht, als die ersten Menschen mit der Ankunft der Orcas lernten, gemeinsam Thunfisch zu fangen. Wir sind fest davon überzeugt, dass Aggressionen, Tötungen, Belästigungen und Verfolgungsjagden in den letzten hundert Jahren sowie die wiederholten und jüngeren Annäherungsversuche von Seglern, die in den letzten Jahrzehnten versuchten, Orcas aus nächster Nähe zu beobachten, möglicherweise eine Rolle beim Einsetzen dieser Verhaltensänderung gespielt haben.
Die Fortsetzung all dieser Praktiken ist keine Lösung, um diesen Interaktionen ein Ende zu setzen. Im Gegenteil: Diese Verhaltensweisen könnten eine zusätzliche Störquelle für die Tiere darstellen. Würden die Orcas der iberischen Teilpopulation seltener von Booten angefahren, die versuchen, sich ihnen zu nähern, ihnen zu folgen oder sich in unmittelbarer Nähe aufzuhalten, um sie zu beobachten, wäre es interessant zu sehen, ob sich ihre Interaktionen mit Segelbooten im Laufe der Zeit verändern. Indem wir ihnen mehr Raum geben und menschliche Störungen reduzieren, könnten wir somit den möglichen Einfluss dieser Faktoren auf ihr Verhalten besser verstehen. Dennoch muss diese Hypothese weiterhin wissenschaftlich untersucht werden.
Man muss auch verstehen, dass je mehr sie unter diesen Umständen misshandelt werden – sei es durch Schreien, Sand, Knallkörper, Benzin, Bleichmittel oder andere Mittel – und je mehr sie neuen Formen wiederholter Interaktion ausgesetzt sind, desto mehr werden sie lernen, auf diese Situationen zu reagieren, ihre Verteidigungsstrategien zu verstärken und schwerer vorhersehbar zu werden.
Abwehrreaktion
Vor einigen Jahren, im Jahr 2023, wurde in Fisterra eine Gruppe von Orcas in Küstennähe von mehreren kleinen Motorbooten beobachtet, die in den Hafen zurückkehrten. Alle Boote wichen ihnen aus, indem sie seitlich an ihnen vorbeifuhren, mit Ausnahme eines Bootes, das, ohne den Kurs zu ändern, direkt über sie hinwegfuhr und es nicht schaffte, an der Gruppe vorbeizukommen, ohne einen heftigen Aufprall im Bereich des Kiels zu erleiden.
Wir möchten ein weiteres Beispiel im Zusammenhang mit Ausweich- und Verteidigungsverhalten anführen, das im Sommer 1988 bei K-17, einem Männchen aus der Gemeinschaft der „Southern Resident Killer Whales“ in der Salish Sea vor San Juan Island im US-Bundesstaat Washington im nordwestlichen Pazifik, beobachtet wurde.
Die Matriarchin des Geschlechts, K-18, sowie ihre älteste Tochter, K-40, schenkten dem jüngsten Mitglied der Gruppe, dem zweijährigen K-21, besondere Aufmerksamkeit. Das junge Männchen hielt sich in der Regel in der Nähe seiner Mutter auf. Auch sein älterer Bruder, der 22-jährige K-17, beobachtete die Mitglieder seiner Familie aufmerksam.
Als sich ein Motorboot mit hoher Geschwindigkeit näherte und den Weg der Familie kreuzte, tauchten die Orcas wiederholt unter, um dem Boot auszuweichen. K-17 beschloss schließlich, einzugreifen. Dreimal kehrte er zum Motorboot zurück und stürmte auf es zu, wodurch es heftig ins Schwanken geriet. Doch beim dritten Angriff tauchte K-17 nicht unter. Er setzte seinen Kurs bis zum allerletzten Moment fort, änderte dann plötzlich die Richtung und rammte den Motor des Bootes mit seiner Seite. Weniger als drei Meter vom Boot entfernt sprang er dann mit einem gewaltigen Sprung aus dem Wasser und spritzte die Menschen an Bord nass.
In der Schilderung dieser Begegnung scheint sich K-17 zwischen das Boot und seine Familie gestellt zu haben, als wolle er damit sagen: „Ihr kommt hier nicht vorbei. Lasst meine Familie in Ruhe.“ Die „High Spirits“ genannte Orca-Gruppe näherten sich daraufhin der Besatzung des Motorboots. Die Mitglieder des Center for Whale Research (CWR) erklärten ihnen, dass der männliche Orca so reagierte, nachdem ihr Boot seine Familie in Gefahr gebracht hatte. Sie sprachen damit eine klare Warnung aus: „Wenn ihr das noch einmal macht, wird er euch versenken.“ Das Motorboot, das K-17s Familie durch die Verfolgung und das Kreuzen ihres Weges in Gefahr gebracht hatte, verließ daraufhin das Gebiet. Der Vorfall endete somit ohne weitere Konfrontation.
Dieser Bericht aus dem Jahr 1988 ist ein interessantes Beispiel für eine Abwehrreaktion in einem spezifischen Kontext. Vor allem verdeutlicht er, wie wichtig es ist, den Kontext zu berücksichtigen, in dem ein Verhalten auftritt, anstatt es sofort auf eine Angriffsabsicht zu reduzieren.
Fazit
Die Schlussfolgerung dieser Veröffentlichung ist einfach: Das fortgesetzte Belästigen, Verfolgen oder der Versuch, sehr nahe an iberische Orcas heranzukommen, um sie zu beobachten, trägt nicht dazu bei, eine Lösung zu finden, die ihren Interaktionen mit Segelbooten ein Ende setzt.
Im Gegenteil: Diese wiederholten Interaktionen bieten den Orcas neue Gelegenheiten, sich auf diese Art von Interaktion einzulassen, und können zudem den Druck auf Tiere erhöhen, die sich eigentlich frei in ihrem Lebensraum bewegen können sollten, wodurch ihre Nahrungssuche, ihre Beziehungen zu ihren Kälbern sowie ihre Beziehungen untereinander gestört werden usw. In diesen Momenten scheint uns das nicht zu beunruhigen, doch wenn sie beschließen, dass sie nun die Initiative ergreifen, dann werden wir besorgt, weil wir unvorbereitet sind und den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung dieser Interaktion nicht verstehen.
Sie zu erschrecken, zu misshandeln oder zu versuchen, sie mit Gewalt zu vertreiben, ist ebenfalls keine Lösung, um Verhaltensweisen zu beenden, die Schäden und Ausfälle verursachen; denn wenn sie reagieren, indem sie versuchen, mit körperlichem Kontakt Segelboote zu stoppen, die mit hoher Geschwindigkeit fahren, deren Ruder zu manövrieren oder deren Kurs zu ändern, entspricht ihr Verhalten einer Abwehrreaktion und nicht einem Spiel. Sie nehmen diese Interaktionen sehr ernst.
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