Konstruktionen: Chevalier/Taglang schrieben das vielleicht teuerste Segelbuch der Welt

Von der Wok-Pfanne zum U-Spant

Ob America’s Cupper, Vendée Globe 60-Füßer oder die Platzhirsche beim Sydney-Hobart Race: François Chevalier und Jacques Taglang dokumentieren mit beharrlicher Arbeit, ausgezeichneten Kontakten, selbst gezeichneten Rissen und eigenen Studien die Entwicklung von Regattayachten – von 1851 bis heute.

IACC Querschnitte von Chevalier/Taglang

Die Querschnitte dreier IACC Generationen von der Frersschen Wok-Pfanne für Il Moro über den rundspanigen Querschnitt bis hin zum konsequenten U-Spant mit senkrechter Bordwand. © Chevalier/Taglang

Warum sind bestimmte Boote bei Regatten vorn und andere nicht. Liegt es an der Taktik, am Steuermann, an den Segeln, oder ganz einfach an der Konstruktion selbst? Bei letzterem hilft ein Blick auf die Linien. Sie verraten, auf welche Bedingungen der Konstrukteur im Meer der Kompromisse gesetzt hat. Für welche Windverhältnisse und Wellenbedingungen wurde der Entwurf optimiert? Sollte das Rennen eher am Wind oder Raumschots gewonnen werden?

Und wie hat sich der Yachtentwurf, beispielsweise für das Technologieschaufenster America’s Cup, den Ritt einhand um die Welt oder den Hochseemarathon des Volvo Ocean Race weiterentwickelt? Wie wurden die Spielräume genutzt, Nischen gefüllt. Wie sahen die Kompromisse aus? Auf welche Trends wurde gesetzt?

Mit diesen Fragen beschäftigen sich seit den siebziger Jahren die beiden Segelfreunde François Chevalier und Jacques Taglang. Chevalier mehr oder minder Full Time in Paris, Taglang, solange er hauptberuflich als Manager verschiedener Krankenhäuser in Paris und zuletzt in Straßburg arbeitete, nebenher aber seit einer Weile als Pensionär wieder mehr.

Die Linien sind das bestgehütete Geheimnis der Konstrukteure. Oder sie sind bei alten, längst abgewrackten Booten, beispielsweise der Flotte, die Anno 1851 gegen den legendären Schoner „America“ um die Isle of Wight segelte, anscheinend verloren, liegen versteckt in irgendwelchen Archiven.

Geht nicht, gibt’s nicht

Das kümmert die beiden Franzosen nicht. Man kann die Konstrukteure ja besuchen und fragen, in Archiven suchen oder sich die Spantform aktueller Cupper auf anderen Wegen besorgen. Das erfordert Charme, Takt, Geschick. Vor allem aber ein bohrendes Interesse. Die Profile der Böcke beispielsweise, auf denen Regattaboote an Land abgestellt werden, geben recht genau Auskunft, wenn man sie sich bei passender Gelegenheit ansieht.

Die beiden sympathischen Franzosen arbeiten wie besessen an ihrem Thema nach dem altbewährten Toyota-Motto „Geht nicht, gibt’s nicht“. Das liegt daran, dass beide seit ihrer Kindheit segeln. Chevalier lernte in der Seine schwimmen und später auf dem Fluß segeln. Taglang wurde auf dem Rhein von seinem Vater mit Schot und Pinne vertraut gemacht.

700 Seiten zum America’s Cup

1987 legten sie einen acht Kilo Folianten auf den Tisch. Titel: „America’s Cup Yacht Designs 1851 – 1986“. Knapp 700 Seiten, aufgeklappt ein sogenanntes „Landscape Format“ mit fast einem Meter Spannweite. Es zeigt und erklärt in jeweils drei Rissen und einem weiteren Segelplan sämtliche 117 Boote, die je für den America’s Cup erdacht wurden.

Von der „America“ und sieben ihrer Rivalinnen bis zum Jean Groberty Entwurf für den Zwölfer „Swissmade“ für 1987. Alle, außer dem damals noch unentdeckt in Schweden schlummernden Tore Holm J-Class Entwurf namens „Svea“. Der tauchte erst später auf.

Der Preis des Werkes war mit damals tausend Mark so angemessen wie die tausend Euro, die es heute kostet. Formal gesehen ist es ein Buch. Eigentlich aber war und ist es eine Liebeserklärung an eine der überflüssigsten, verrücktesten, schönsten und auch abgefahrensten Passionen und Professionen des Menschen: den Entwurf von Regattayachten. Wenn ich zur umfangreichen Geschichte des America’s Cup Klarheit brauche, räume ich zuhause den Tisch frei und tauche ab in 135 Jahre verlässlich recherchierte und dokumentierte Pokalgeschichte, ein wissenschaftliches Werk mit Quellen und Fußnoten.

Chevalier und Taglang bleiben dran

Es versteht sich von selbst, dass die beiden seit Veröffentlichung des Buches und dem Strudel, in den der America’s Cup damals mit dem ungleichen Match zwischen Michael Fays Monsterslup und Dennis Conners Katamaran vor San Diego geriet, der IACC Klasse und weiteren Wendungen, am Thema geblieben sind. Taglang dokumentierte die Pokalgeschichte für Alinghi anekdotenreich, als die Trophäe in Genf stand. Unaufgeregt, faktenorientiert und verlässlich.

Seit 2011 veröffentlicht das produktive Duo seine Studien zur Entwicklung der IACC-Klasse, den Volvo 60 und 70-Füßern oder zur Open 60 in einem eigenen Blog. Dort zeigen sie, wie aus den breiten Cuppern a la „Il Moro“ von 1992 mit Wokpfannen-artiger Spantform und ausladendem Freibord über die rundspantige Generation bis zur last edition von 2007 mit U-förmigem Rumpf und senkrechter Bordwand ausgereizte Kreuzmaschinen für das Schach auf dem Wasser wurde.

Sie dokumentieren, wie sich der Volvo Ocean Racer ähnlich den Open 60 zur formstabilen Plattform mit maximalem Segeltragevermögen wandelte. Und wenn die Platzhirsche beim Sydney-Hobart Race den Ritt über die gefürchtete Bass Strait hinter sich haben, zeigen die beiden auch die Linien von „Rambler“ und „Wild Oats“. Das alles, obwohl Risse bekanntlich die bestgehüteten Geheimnisse der Konstrukteure sind.

Warum sie das machen

„Wir haben bloß die Bücher recherchiert und geschrieben, die wir selbst gern im Regal hätten“ erklären die beiden zurückhaltenden Spezialisten ihre Arbeit. 1991 legten sie mit dem zweibändigen Werk „British and American Yacht Design 1870 – 1887“ im gleichen Format und gleicher Aufmachung wie ihr America’s Cup Buch nach.

Auch ihre weiteren Publikationen, beispielsweise über Mariette und die Herreshoff Schoner oder die J-Class unterscheiden sich deutlich von der fröhlich bunten und hohlen Auslegeware für den Glastisch daheim. Das ist substanzielle Fachliteratur mit selten gesehenen Fotos, lesenswerten Anekdoten und selbst gezeichneten Plänen.

Vor einigen Jahren erklärte mir Taglang einmal bei einer Begegnung in Straßburg, er würde sich mit den Anfängen des Segelsports in seinem Land und dem Impressionismus beschäftigen. Das seien nämlich zwei Seiten der gleichen Medaille. Es wäre, wenn aus dem Projekt eines Tages etwas wird, wieder ein eigener, sehenswerter Ansatz.

Die Chevalier-Wally

François Chevalier dreht natürlich auch keine Daumen. Er besorgt sich wie gehabt mit den ihm zu Gebote stehenden Methoden die Vorlagen zur Dokumentation ziemlich aktueller Regattaboote. An den aktuellen America’s Cup Katamaranen ist er ebenso dran wie an der neuen Volvo Ocean 65 Klasse.

Manchmal bringt er auch selbst ein Regattaboot ins Gespräch. Siehe sein Konzept für die neue „Wally 100“ Konstruktionsklasse mit Scow-artigem Vorschiff. Das sieht erschütternd aus, hat aber mit weit vorn beginnender Breite raumschots seine Vorteile. „Es ist übrigens nichts neues, sondern ein uralter Hut, wenn man sich an die skimming dishes Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika erinnert.“

In den siebziger Jahren dachte Chevalier sich solch ein Gefährt mal zu einer Atlantikregatta für Surfer aus. Es blieb bei einem Modell, das in seinem Büro in Paris hängt. Nun muss bloß ein Segler mit Geld kommen, der Luca Bassani und seinen Buddies mit mächtig schäumender Bugwelle unter der Chevalier-Wally raumschots vor Porto Cervo um die Ohren fährt.

Francois Chevalier studierte an der Pariser Akademie der schönen Künste und lernte in den USA Yachtentwurf. 1978 zeichnete er den OSTAR und BOC Teilnehmer „Ratso“, zusammen mit Daniel Andrieu den Halbtonner EJP, den Schoner „Sealand 46“, weitere Regattaboote, außerdem ein leichtes Wasserflugzeug. Chevalier  arbeitet als Illustrator, Kartograf und Journalist in Paris.

Jacques Taglang wurde im Elsaß in eine Seglerfamilie geboren. Nach einigen Jahren in verschiedenen Jollen auf dem Rhein segelte er Contest 31 und Golif. Heute lebte er gemeinsam mit seiner Frau, einer großen Bibliothek nautischer Bücher und umfangreichen Sammlung von Jazz-Platten in La Rochelle.

„America’s Cup Yacht Designs 1851 – 1986“. frz./engl. Text, 684 Seiten, 45 x 31,5 cm, knapp 6 cm dick, 8 Kilo schwer, ISBN: 2-9502105-0-3. Tausend Euro zuzüglich Versandkosten. Auflage: 2574. Die letzten drei Exemplare sind noch zu haben

American and British Yacht Designs 1870-1887“. Zweisprachig mit französischem und englischem Text, Vorwort von Eric Tabarly, Band 1 330, Band 2 350 Seiten, 1992/2 erschienen, 195 € zuzüglich Versandkosten, ISBN: 2-9502105-2-X, Auflage 900 Exemplare

Mariette and the Herreshoff Schooners“, herausgegeben von Jacques Taglang, 536 Seiten, LT Yachting Editions

„J-Class Endeavour 1934“. frz./engl. Text, Van de Velde 2001, 71 Seiten mit Plänen, ISBN: 2-85868-298-4

„J Class“. Vorwort von Olin Stephens, frz./engl. Text, 445 Seiten, 31,5 x 41,5 cm, 7 kg, Auflage  2.900, London 2002 mit zahlreichen Zeichnungen, 29 Konstrukteursporträts, über hundert sw Fotos, ISBN: 2951912102

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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