Blaues Band am Chiemsee: Nervenaufreibenden Bedingungen

Riesen-Katamaran gegen Chiemsee-Spezialisten

Unglaublich! Nie sollten sie sich von ihrem Geschwindigkeitspotential auf der Regattabahn begegnen - gehen aber trotzdem gleichzeitig um die Bahnmarke in Feldwies: Poldo Fricke auf Asso (links), Friedl Liese auf Kat "Fata Morgana" und der um Welten größere M2-Kat von Rolf Hufnagl (rechts). © Blum

“Nerven behalten, Nerven behalten” hieß es fast auf jedem der 109 Schiffe die ganze Wettfahrt lang. Um 11 Uhr vor dem Chiemsee Yacht Club gestartet, wurden die Teilnehmer am Blauen Band schnell vom Wind verlassen. Zwar schoß der Riesen-Katamaran des Siegers Rofl Hufnagl am Anfang und im Ziel mit vielfacher Geschwindigkeit davon, aber oft in die sich schwermächtig ausbreitende Flaute. In jeder Klasse hatten Chiemsee-Spezialisten auch auf unterlegenen Booten ihre Chancen.

Während das 109 Boote starke Feld den lange andauernden Weg zur zweiten Boje in Feldwies "stand", waren die Favoriten (wie hier der M2 von Rolf Hufnagl) zwar schon um die Boje, aber noch lange nicht ausser Sichtweite. © Blum

Einen Start mit 109 Booten, Boardwand an Boardwand, Spi an Spi – ein “Sprint” zur ersten Tonne, ein wahrer Massenstart, bei dem es um alles geht – das ist der Start direkt am Hafen des Chiemsee Yacht Club in Prien. Doch schon in Felden verließ der Wind das Feld. Es teilte sich in die, die an der Herreninsel bis zur Fraueninsel ihr Glück suchten, und in die, die sich am Südufer entlang schlängelten. “Nordwind angesagt”, “Bergwind dagegen”, “vielleicht doch einsetzender Ostwind”? Die Gedanken kreisten mehrmals jeden harten Meter, den es viel zu zäh vorwärts ging. Die vielen unterschiedlichen Wege, die nach Feldwies führten (manche erreichten diese Boje erst nach sechs Stunden) bargen riesen Chancen und gleichermaßen größtes Risiko, die Regatta schon hier gänzlich zu verlieren. So sah man sieggewohnte – und sogar ein paar der schnellsten Boote vom See – als einige der Letzten in Feldwies.

Wettfahrtleiter Volkmar Stecher hatte keine Chance und musste sich sehr früh entscheiden, den Kurs abzukürzen, um den Teilnehmern den weiten Weg nach Seebruck zu ersparen. Trotzdem erreichten viele nicht das Ziel, kamen durch eine exakte Bojenwertung aber gut und fair in das Gesamtergebnis.

Viel zu tun für die Mannschaft Hemmeter/ Hufnagl/ Lutz/ Fangenberg in den engen Buchten und Winkeln um die Herreninsel: Trotz beinahe-Flaute musste bei der hohen Geschwindigkeit das nächste Manöver schon vorbereitet werden, während noch von der letzten Wende nachgetrimmt wurde. © Blum

Rolf Hufnagl, Sieger des letzten Jahres, tourte seither auf Rekordjagd durch Europa. Mit einem Sieg bei der derzeit größten Regatta am Balaton kann man seinen M2-Ventilo Riesenkat SUI-28 vielleicht sogar als schnellstes Schiff Europas bezeichnen. Gerade erhöhte er nochmals sein Rigg und lud das derzeit im Tornado weit voraus segelnde Team Veit Hemmeter und Nico Lutz zu sich auf die Rennmaschine. Dagegen hätten Friedl Liese und Rainer Gutjahr, die das letzte Jahrzehnt am Chiemsee dominierten, chancenlos aussehen müssen. Durch die vielen Flautenlöcher und Windspezialitäten hatte jedoch sogar der kleine Einmann-Cat von Gutjahr die Nase mehrmals vorne. Beinahe sogar noch einmal im Ziel, als Hemmeter in einem Südwindfächer vor Prien gefangen war und Gutjahr bis auf wenige hundert Meter heran kam.

Normal ein genialer Reach-Kurs, diesmal eine Nerventour: Der Schenkel von Feldwies nach Schalchen für die 109 Teilnehmer. © Blum

Im riesigen Feld gingen die Teilnehmer in vielen Reihen nebeneinander und in komplett ungekannter Weise um die Boje in Feldwies und zum Schluß ins Ziel. Es war der Tag, an dem jeder die Besten seiner Klasse abhängen konnte. Auf dem “Reach” nach Schalchen konnte man sich durch die (freilich nicht erkennbaren) Windlöcher durchschlängeln. Zwischen den Inseln konnte man bei Zeiten geniale Schläge setzen und vor dem Ziel am Westufer, mit ein wenig Erfahrung und Nerven, mehrere hundert Meter herausholen.

Hier ein gekonnter Leedurchbruch von der Inninger Crew (GER 3377) mit einer Tobasco 26, dem späteren Gewinner des Blauen Bands nach berechneter Zeit © Blum

So machte es der bei der Siegerehrung völlig überraschte Gerhard Inninger mit dem ehemaligen Chiemseemeisterschafts-Sieger Walter Nicklas an Board. Schon Feldwies passierte er mit stundenlangem Vorsprung vor manchen Konkurrenten. Bernhard Tripp, bei den Jokern, setzte sich im Kanal an die Spitze, Peter Wernsdörfer mit seiner 20er Rennjolle behielt die Speedgruppe nach gesegelter sowie nach berechneter Zeit hinter sich.

Für die Chiemseemeisterschaft beschert die zweite Wettfahrt mit dem Blauen Band ein sicher spannendes Jahr. Um nach vorne zu kommen, brauchen fast alle Sieganwärter nun jetzt schon ihren “Streicher”, den es jedoch erst nach fünf Wettfahrten geben wird. “Alles offen” heißt es schon jetzt bis zur letzten Wettfahrt in Breitbrunn.

Chiemsee Yacht Club
Pressekontakt: Martin Blum

Das Blaue Band ist eine Regatta von einer nun 12 Jahre bestehenden Serie “Chiemsee-Meisterschaft”, die 6-7 große Regatten zusammenfasst. Das Interesse ist ungebrochen und hat das Yardsticksegeln ein wenig aus der total unprofessionellen Ecke herausgebracht. An vielen Seen umher (Attersee, Starnberger See, …) wurde das Konzept kopiert.

 

Ergebnisse


Blaues Band nach gesegelter Zeit:
Veit Hemmeter/ Rolf Hufnagl/ Nico Lutz/ Philipp Fangenberg – Yachtclub St. Heinrich/ Starnberger See (Laufzeit 4h, 3min, 9sek, Vorsprung 5:50min)
Blaues Band nach berechneter Zeit:
Gerhard Inninger mit Walter Nicklas – Bernauer Segelclub Felden (Berechnete Zeit 5:27:47, Vorsprung 5:17 min)

Challenger Gruppe (21 Starter):
1. Rainer Gutjahr/ CYC/ A-Cat (5:41:04)
2. Leopold Fricke/ CYC/ Asso 99 (5:49:23)
3. Hinz Schmid/ CYC/ OneDesgn (5:52:08)
4. Friedl Liese/ Wassersportverein Fraueninsel/ Hurrican 6.5 (5:52:38)
5. Markus Obermaier/ CYC/ Toucan(5:53:37)
6. Ernst Winkler/ Verein Seglerheim am Chiemsee/ Asso 99 (5:54:42)
7. Wolfgang Böttger/ CYC/ Quartas (5:56:32)
8. Franz Feil/ Seebrucker Regatta Verein/ Streamline (6:00:30)
9. Joachim Grauer/ VSaC/ Esse 850 (6:00:59)
10. Franz Nußkern/ Yachtclub Zell am See/ Longtze (6:15:53)
11. Dr. Karl-Joachim Camerer/ CYC/ Asso 99 (6:18:26)
12. Robert Egner/ Segel- und Ruderclub Simssee (6:21:52)

Speedgruppe (8 Teilnehmer):
1. Peter Wernsdörfer/ BSCF/ 20qm Rennj. (5:52:59)
2. Hannes Klapprott/ SRS/ Surprise 92 (6:04:27)
3. Walter Schmid/ CYC/ Melges 24 (6:14:21)

Joker (8 Teilnehmer):
1. Bernhard Tripp/ CYC (5:58:57)
2. Hans Jürgen Koch/ CYC (5:59:33)
3. Florian Lautenschlager/ CYC (6:07:18)

Racergruppe (18 Teilnehmer):
1. Franz Madl/ Segelclub Chiemsee Feldwies/ Diamant 3000 (5:53:07)
2. Christopher Käßberger/ Segelclub Breitbrunn am Chiemsee/ Quartas (5:55:13)
3. Richard Buchecker/ CYC/ Ufo 22 (5:56:37)
4. Werner Kuhlmann/ Seglerverein Gollenshausen/ Diamant 3000 (5:57:10)
5. Peter Baacke/ SVG/ Banner 28 (6:08:31)
6. Richard Buchner/ Segelclub Irschener Winkl / Bavaria 34 Speed (6:12:28)
7. Dr. Karl-Heinz Weiss/ CYC/ L 95 (6:13:52)
8. Alexander Saemmer/ CYC/ Star (6:15:11)
9. Thomas Thiele/ VSaC/ Soling (6:18:45)
10. Benjamin Richter/ SCBC/ Delphia 24 (6:19:29)

Sportsgruppe (15 Teilnehmer):
1. Gerhard Inninger/ BSCF/ Tabasco (5:27:47)
2. Theo Huber/ CYC/  FirstClass 8 (5:51:45)
3. Bernhard Daxsenberger/ SCBC/ Maxi (5:51:58)
4. Michael Hiltmann/ CYC/ 20qm-Jollenkreuzer (5:58:55)
5. Franz Schwarz/ SCBC/ Gib Sea SV (5:59:22)
6. Frank Eisheuer/ SCPC/ Skippy 650 (06:03:03)

Performancegruppe (10 Teilnehmer):
1. Manfred Kerl/ Segelclub Prien am Chiemsee/ 20qmJK (6:13:50)
2. Thomas Lechner/ Yachtclub Urfahrn/ Condor 9 (6:21:15)
3. Kai Schreiber/ CYC/ Kielzugvogel (6:26:43)

H-Boot-Gruppe (9 Teilnehmer):
1. Bernd Schmitz/ CYC (4:00:15 Boje 2)
2. Peter Krause/ CYC (4:03:14 BJ2)
3. Philipp Ullherr/ SCH (4:03:34 BJ2)

Cruisergruppe (9 Teilnehmer):
1. Paul Streidl/ SCPC/ D22 (3:56:19 BJ2)
2. Christine Frenzel/ Yachtclub Gollenshausen/ Starlet (4:02:09 BJ2)
3. Harald Kleine/ Segelclub Chiemsee Feldwies/ Dufour 18 (4:25:56 BJ2)

J80-Gruppe (11 Teilnehmer):
1. Christopher Kopp/ DHH (5:41:33)
2. Klaus Schultz/ SCCF (6:11:49)
3. Stephie Zeibig/ SCCF (6:14:42)
4. Klaus Schreil/ SCCF (6:15:03)

Spenden
http://blueocean.berlin/magicmarine-team-werden/

10 Kommentare zu „Blaues Band am Chiemsee: Nervenaufreibenden Bedingungen“

  1. avatar tobias sagt:

    fesselnd….

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  2. avatar John sagt:

    Was für eine komische Gruppeneinteilung. Hat das irgendeinen Sinn?

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    • avatar Alex sagt:

      Besser wäre ja segeln nach ORC aber ich finde es klasse so einen Aufwand mit einer Gruppeneinteilung zu betreiben. So werden doch recht ähnliche Boote miteinander verglichen.
      (abgesehen von Ein- und Mehrrümpfer)

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  3. avatar Anton sagt:

    Gruppeneinteilung ist einfach nach Yardstick, wie auch beim Blauen Band vom Plattensee
    siehe http://www.chiemsee-meisterschaft.de

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    • avatar John sagt:

      Danke, hatte mich gewundert, warum zB die Surprise mit der Melges vergleichbar sein soll. Aber vielleicht ist es auch ne andere Surprise als ich kenne…

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      • avatar Alex sagt:

        Weshalb man am Bodensee zu den üblichen YST-Einteilungen die Gruppe der Sport und Funboote eingeführt hat. Wäre auch eine Anregung für den Chimsee.

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  4. avatar Ballbreaker sagt:

    Sieht ja nach unglaublich spannenden und realistischen Rennen aus.

    Wieviel Wind war denn?

    0,0 bis 0,002 Bft bis hoch zu satten 1 Bft Starkwind auf Bild 3

    lächerlich…….

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 4 Daumen runter 5

    • avatar Christian sagt:

      Ballbraker, lass mich raten, bei solchen Windbedingunge hast du entweder ein dns oder ein dnf im Ergebnis stehen, oder? 😉

      Mei, was wollen sie denn machen am Chiemsee, wo es nun mal eher selten gescheiten Wind hat? Sie setzten halt auf ultimative Leichtwindrenner, wie z.B. die legendäre “Auer Innovation”. Das war ein zur Libera aufgeblasener Riesen-18-Footer, bei dem spätestens ab 3 Bft. der Mast brach… dafür waren schon bei Vollglatze 5 Segler im Trapez.

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      • avatar Ballbreaker sagt:

        Nö, Christian, leider falsch.

        Wenn angeschossen wird, wird gesegelt – und das auch bei wenig Wind gar nichtmal schlecht.

        Die beiden letzten Fotos, in Blei gegossenes Stilleben des Segelsports sagen aber eigentlich alles über die “sportliche” Qualität der Veranstaltung aus.

        Naja, jedem das Seine.

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        • avatar Christian sagt:

          Ballbreaker, Flautensegeln ist nervenzerfetzend und es ist verdammt schwer, sich dabei gut zu platzieren – durch gute Taktik und gutes Bootshandling. Muss man auch erst mal können. Natürlich ist Starkwind das real thing, und ic persönlich mag Flautenrennen überhaupt nicht. Aber aus der Ferne über die mangelnde sportliche Qualität des Blauen Bandes zu tönen, finde ich nicht angemessen. Es ist halt eine Spezialistenregatta für Leichtwindrenner. Das weiß jeder, der antritt, vorher und hat entsprechendes Material.

          Faszinierend finde ich, dass ein kleiner A-Cat mit doppelt und dreifach größeren Kats und Einrümpfern mehr als mithalten kann.

          Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 2

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