Braschosblog: Der 66 Meter Segel-Gigant “Aglaia”

Mehr Tuch als die "Gorch Fock"

Die “Aglaia” liegt mit 217 Fuß auf Platz neun in der Rangliste der größten privaten Segelyachten. Sie wurde 2011 vom Stapel gelassen, aber bisher war nicht viel über sie bekannt. Nun sind neue Bilder und ein Video des Segel-Giganten öffentlich geworden.

Man nehme einen von Ed Dubois gezeichneten 66 m Rumpf, baue ihn möglichst leicht in Aluminium und setze ein möglichst flaches Deckshaus mit gewölbter Panorama Verglasung drauf, wie man sie von Flughafengates oder den Röhren der Düsseldorfer Messe kennt.

Die 66 Meter Slup "Aglaia" mit Panorama-Verglasung. Sie ist die neuntgrößte Segelyacht der Welt.  © Christopher Scholey/Rick Tomlinson/Vitters

Die 66 Meter Slup “Aglaia” mit Panorama-Verglasung. Sie ist die neuntgrößte Segelyacht der Welt. © Christopher Scholey/Rick Tomlinson/Vitters

Diese spezielle Yachtverglasung wurde 1991 zum ersten Mal auf dem Martin Francis Design “Eco“, der späteren “Katana“ von Larry Ellison“ und heutigen “Enigma“ realisiert. Da bleibt das schietige Wetter oder die Sonne draußen und spacig wie ein Weltraumbahnhof sieht’s auch aus. Ist mal was anderes als der Trend zur Pagode.

Dank 83 m Mast und generöser Besegelung dürfte die “Aglaia” auch ordentlich segeln. Daten zu diesem lange geheim gehaltenen Projekt gibt es leider keine. Nur den Hinweis, dass das Kopfbrett des Großsegels in weniger als zwei Minuten oben sein soll und das Vorsegel beim Wenden innerhalb einer halben Minute auf dem neuen Bug dicht geholt ist. Das kriegen die meisten Segler normalgroßer Boote mit der fahrtenseglerüblichen Seniorenwende (Schatz, wo ist denn die Kurbel?) kaum schneller hin.

Nicht schlecht bei 2.400 Quadratmetern Am Wind Besegelung. Zum Vergleich: Die “Gorch Fock“ ist mit etwas weniger als zweitausend qm unterwegs. Die sind aber auf 23 Tücher und nicht zwei Lappen verteilt.

Dazu wurde das bei Slups diesen Kalibers bislang als unverzichtbar geltende innere Kutterstag weg gelassen. Das aufgewickelte Stagsagel wird erforderlichenfalls durch eine trompetenartige Führung im Vordeck gesetzt, so wie beispielsweise beim 505er, der Dyas oder dem Drachen der Spinnaker.

Jollenartige Agilität?

Die holländische Vitters Werft schwärmt von jollenartig agilen Segeleigenschaften. Wie schwer das Boot geworden ist, wird jedoch nicht verraten. Knapp 500 Bruttoregistertonnen und 100 metrische Tonnen Ballast sind aber eine Menge Holz. Wie ein Blick unter den Bauch des Bootes beim Transport hoch und trocken auf einem Ponton von der Werft ans Meer verrät (Video), geriet das Schiff deutlich schwerer, als der yachtbauliche Meilenstein „Hetairos“ mit seinen ganzen 230 t auf 60 m Deckslänge.

Das Dekor des etwa 1.800 qm großen Code 1 stammt vom Norweger Magne Furuholmen, einem Mann mit Faible für schrille Sachen und passt zu den Crewshirts. So gewandet kann man sich an der Cote blicken lassen, sofern es trotz Hubkiel für den 66 m Schlitten einen Liegeplatz gibt.

“Aglaia” ist der 28. Vitters Werftbau. Ein Erfolg für die 1990 von Jan Vitters, einem früheren Mitarbeiter der Royal Huisman Werft gegründeten Bootsbaubetrieb. Vitters fing ziemlich schlank mit einem günstig gekauften Schwimmponton aus DDR-Beständen, einer Halle und ein paar Containern an. Auf dem Ponton wurden die ersten Yachten geschweißt und durch die Kanäle nach Amsterdam gebracht. Das ist in jedem Fall eine bessere Verwendung für Pontons, als darauf Panzer mit rasselnden Ketten über die Flüsse westwärts rollen zu lassen.

Daten der “Aglaia”:

Länge über alles 66 m, Breite 10,30 m, Tiefgang (Hubkiel) 4,9 – 9 m, 494 Bruttoregistertonnen, 100 t Ballast, freie Segelhöhe 83 m, Am Wind Besegelung 2.370 qm, zwei 714 PS Maschinen, 50.000 Liter Sprit

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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7 Kommentare zu „Braschosblog: Der 66 Meter Segel-Gigant “Aglaia”“

  1. avatar Addi sagt:

    Dieses Viedo vom Transport ist auch noch nett: “Brandneue Yacht wird nach Harlingen transportiert werden, hier durch die Brücke bei Zwartsluis”

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  2. avatar <°((( ~~< sagt:

    Aaaaach, sowas ist doch furchtbar! Einzig interessant an diesem scheußlichen Monstrum ist doch die schiere Größe!

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 4 Daumen runter 9

  3. avatar Minifahrer sagt:

    Und dann leg mal an mit dem Prügel, so als freundlicher Mitsegler.
    “Wir brauchen achtern mal n Fender!” schallt es aus dem Satelliten-Telefon auf dem Vorschiff. Ok, ich schnapp mir einen aus der Vorpiek, Kran sei Dank, und lauf’ los, das 30kg-Gerät auf der Schulter. Zwischendurch das Lunchpaket ausgepackt (was für ein Catering!), den Deckchair entfaltet, schnell was essen, dann weiter. Bin schon auf Masthöhe, UFF erstmal einen Espresso. Dann weiter. “Mach schon!” kommt es aus dem Headset, das Handy in der Tasche brummt, die SMS zeigt: es wird eng!
    Fast hätte ich den Fender fallen gelassen, da wäre dann eine nette Delle im Deck. Ich bin schon fast beim Cockpit, da kommt die Message: “Nein, Fender steuerbords vorn! Da ist ein Dalben!”
    Puh, also retour, das schwere Dinge auf die linke Schulter, um rechts den neuen Espresso in Empfang zu nehmen. Mist, bei dem Aufbau kein Vorbeikommen, also vorn rum. Muss doch gehen!
    Endlich angekommen, schnell anknoten, und ab damit. Zack, sitzt – der Dalben verbiegt leider, weil ungeahnte Massen dagegen drücken…

    Nun ja. Schick sieht der Zossen ja aus (Rumpf & Rigg). Bis auf den blasigen Aufbau. Und die Zeit, bis man aus der Pantry mal einen heissen Espresso an den Lenker bekommt…

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 17 Daumen runter 2

    • avatar Klaus sagt:

      Da hast du wohl die in die Steuersäule integrierte Espressomaschine übersehen! Na ja, kann vorkommen bei einem einfachen Fenderschlepper.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 15 Daumen runter 1

  4. avatar Stefan sagt:

    Toll.
    Hübsch und praktisch wie ein Penis mit Oberschenkelabmessungen.
    Da müssen die Rahmenbedingungen schon stimmen, um Spaß zu haben.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 1

  5. avatar NK sagt:

    Und was für Rahmenbedingungen sind das? (Nicht die für das Boot)

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  6. avatar Guido sagt:

    wow ….. da könnte man als beiboot n schicken 30er schärenkreuzer quer ans heck hängen, der würde garnicht mal übertrieben aussehen, nur wenn man dann zwischendurch mal was richtiges segeln will….

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