Braschosblog: Eagle 44, Boote müssen schön anfangen und ebenso aufhören

Betörend schöne Bonsai J-Class

Eagle 44, Traumboot für den gepflegten Tagestörn. © Leonardo Yachts

Vor einer Weile besuchte ich mal Sparkman & Stephens in New York und erinnere, wie der seinerzeitige Büroleiter Bill Langan während des Gesprächs über verschiedene S&S Entwürfe, es waren richtig große Pötte und stattliche Blauwasseryachten dabei, sagte: „Alle Boote sind Daysailor, ganz gleich wie groß oder komplex sie sind. Es wird morgens oder am späten Vormittag abgelegt, eine Runde gesegelt und spätestens gegen Abend wieder zurückgekehrt. Die meisten Eigner haben Familie, einen Beruf und auch noch andere Verpflichtungen und Interessen.“

Tja, wenn das stimmt – der Leser wird bei dieser Gelegenheit vielleicht seine tatsächliche, nicht die erhoffte Segelpraxis der vergangenen beiden Jahre Revue passieren lassen – reduziert sich das Thema erfreulich. So viel Boot, wie uns die Branche suggeriert, muss es also gar nicht sein. Das Segelspielzeug muss Spaß machen und aussehen. Ergänzend wäre es schön, wenn noch ein paar zentrale menschliche Bedürfnisse wie WC-Besuch, Katzenwäsche mit Zahnputzgelegenheit, Schlafen und Vespern gleich mit abgedeckt würden.

Im Prinzip langt also der Komfort eines Lacustre (verdammt eng klar!), eines Folkebootes (schon besser) oder eines Drachen. Letzterer ist als Fahrtenschiff der ultimative Honeymooner und allein schon deshalb das geeignete Testboot vor Ansteuerung des sogenannten Ehehafens. Zwei Wochen Urlaub im Drachen und der „Rest“ kann nicht schiefgehen, jedenfalls seglerisch. Hier findet sich immer ein Versteck für die Pütz, eine theoretisch und idealerweise auch in der Praxis trockene Ecke für die Klorolle, Schlafsack und Luftmatratze.

Der Käfer Effekt

Ich kenne viele Segler, die mit leuchtenden Augen von ihren jungen Jahren und manchem Törn mit solchen Schiffen berichten. Es ist wie mit dem Käfer. Man war halt jung und näher dran. Das erklärt die Renaissance des Daysailors, über den hier gelegentlich berichtet wird.

Seltsamerweise wird beim Daysailor gern von einem Trend gesprochen. Dabei gibt es das Konzept des einfachen, rasch vom Steg zu schubsenden Bootes schon lange. Es ist mindestens hundert Jahre alt. Die sogenannten L-Boote, eine Art Volksausgabe der von Kaiser Wilhelm II. geförderten Sonderklasse, wurden so liebevoll wie salopp „Nachmittagsboot“ genannt.

So ein Nachmittagsboot, das aussieht und segelt, das zugleich auf clevere wie pfiffige Weise die Bedürfnisse des Ästheten an den nötigsten Komfort für die eine oder andere Nacht an Bord erfüllt, ist die „Eagle 44“. Dieses Boot fängt schon mal gut an, nämlich mit einem ansehnlichen, nein hinreißenden Löffelbug.

Mit diesem herrlich proportionierten Vorschiff, dem deutlich hinter dem Steven sitzenden Vorstag, dem niedrigen Freibord und glatten Deck hat es den Charme klassischer Rennyachten, der Meterklassen, der Regattaboote der amerikanischen Universal Rule, der Schärenkreuzer, des Drachen und manches klassischen Renommierschlittens.

avatar

Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
Spenden
http://blueocean.berlin/magicmarine-team-werden/

4 Kommentare zu „Braschosblog: Eagle 44, Boote müssen schön anfangen und ebenso aufhören“

  1. avatar Minifahrer sagt:

    Ja, das Boot ist schön. Und da gibt es schon länger auch Alternativen. Siehe Spirit Yachts. Da gibt es ab 37″ was Schickes. Durfte auf einer 45 öfter mal mitfahren (die gibt es offenbar nicht mehr neu? Die war wie die 37″, nur länger). War sehr nett, wenig Komfort, aber toll anzusehen und schön zu handeln.
    Und ja, der Tritt aufs Boot vom Steg war etwas abenteuerlich.

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

  2. avatar Backe sagt:

    Wieder so ein schöner Bericht, der auf dieser bisweilen doch recht regatta- und ulk-orientierten Seite eine wichtige Dimension unseres Sportes hinzufügt: Stil … Danke Erdmann!

    P.S.: Das Ding von Schmiddel mit Muddi und dem Klo ist übrigens ein fataler Trugschluss. Wenn eine Yacht suggeriert, ein Hotel zu sein, die Kloschüssel dann aber plötzlich zu wackeln anfängt und sich zwanzig Grad zur Seite neigt, bleibt Muddi das nächste mal dann doch verschreckt zuhause.
    Mädels, die Erdmanns Anspielung auf den Drachen-Eimer verstehen, kommen immer mit! Wohl dem, der solch ein Weib sein Eigen nennt! ;.)

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

  3. avatar Ostnordost sagt:

    Danke, Braschos! Ihre Geschichten sind immer eine Bereicherung.

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

  4. avatar richter sagt:

    Bei uns im Salzkammergut ist die Sonderklasse noch immer das “Nachmittagsboot”: schnell, elegant, leicht zu segeln und Motor braucht man auch nicht. Regattasegeln ist in der eigenen Klasse möglich (heuer 14 sonderklassen), auch bei Sauhaufenregatten (yardstik) kann man moderne “Joghurtbecher” ärgern.

    So ein Ding macht einfach Spaß!

    P.S. meine Teenagermädels segeln auch damit (von wegen K..)

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *