Braschosblog: Wer hat die wahre Schäre? Ärger bei den 30ern

Der 30er Schären-Fight

Schwaben- oder Schärenkreuzer

Das liegt daran, dass die drei räumlich, politisch und auch bootsklassenpolitisch getrennten Flotten in ihren Revieren auf unterschiedliche Weise Tatsachen geschaffen haben. Eigentlich ist der Dreißiger Schärenkreuzer aber, wie seine kleineren und größeren Schwestern auch – es gibt ihn vom 15er bis 150er – seit seiner Erfindung 1908 eine Konstruktionsklasse. Er ist es gemäß in den zwanziger und dreißiger Jahren wiederholt präzisiertem Reglement des schwedischen Schärenkreuzerdachverbands  immer noch, nur nicht am Bodensee.

Schief und schnell. 30er am Schwäbischen Meer. © Internationale Vereinigung der 30 qm Schärenkreuzerklasse

Jeder kann ein Boot gemäß dieser wahrlich international, sprich weltweit gültigen Bestimmungen bauen und registrieren. Es gab einige Boote in England wie Südafrika und es gibt Flotten in Nordamerika und in Australien. Das Internet bietet Enthusiasten ausgezeichnete Möglichkeiten, die Geschichte der Boote zu recherchieren und zu dokumentieren, Liebhaber für restaurierungsbedürftige Boote zu finden und die Klasse in Kontinenten mit weit auseinander liegenden Segelrevieren zu erhalten.

Der Eigner der Judel/Vrolijkschen „Contra“ 1983 und neulich auch der Stuttgarter Architekt Prof. Jo Frowein hat seine Bo Bethke Konstruktion „Kaa“ als Konstruktionsklasse gemäß schwedischem Reglement bauen lassen. Frowein und andere sind mit der Festlegung auf den Reimersschen „Bijou“ Typ nicht einverstanden.

So wurde 2007 ein Renegaten-Verein, die südeuropäische Schärenkreuzervereinigung namens „Southern European Skerry Cruiser Association“ und dazu noch eine Tochtervereinigung namens NSK gegründet. Thomas Schindler, Frowein und andere Schärenfans möchten, dass der Schwaben- auch am Bodensee wieder zum Schärenkreuzer, zur Konstruktionsklasse wird. In der SESCA sollen bereits etwa 25 Dreißiger organisiert sein.

Segeln statt schleifen

Um zu begreifen, wie es bei den überwiegend schwäbischen Schärendreißigern zur Festlegung auf eine bestimmte Konstruktion kam, muss man sich die Verhältnisse in den 60er und 70er Jahre vergegenwärtigen: Damals haben klassisch schöne Holzboote wie der 30er Schärenkreuzer, der Drachen, Lacustre und das Folkeboot in der herkömmlichen Bauweise keine Zukunft. Viele Segler mögen das Boot, möchten es aber in bezahlbarer wie pflegeleichter Ausführung unten herum, also aus Kunststoff haben. Man möchte schon ein schönes Boot, aber Segeln statt schleifen.

Also baut der junge Bootsbauer Friedrich Winterhalter von der traditionreichen Holzbootswerft Isidor Beck & Söhne auf der Bodenseeinsel Reichenau sein Meisterstück von 1967, die „Bijou“, eine Neuauflage der erfolgreichen Knud Reimers Konstruktion „Königsberg“ von 1952, 1970 nochmal. Diesmal als Leistenbau zur Abnahme einer Form für die Kunststoff Serienfertigung des Rumpfes, der mit Teakdeck und Mahagoniausbau veredelt wird.

Es ist dieser Schritt zur bezahlbaren wie pflegeleichten de facto Einheitsklasse mit individuellem Ausbau, der die bis heute anhaltende Renaissance einer seit den 30er Jahren im Prinzip auskonstruierten und von Nuancen abgesehen weitgehend eingefrorenen Klasse einleitet. 1972 bis 1992 werden 37 Neubauten aus dieser Form gebaut.

Außerdem sind sechs Becksche Holzschiffe und bei anderen Bodenseewerften wie Martin, Michelsen und Wirz fünf Dreißiger mit formverleimtem Rumpf des sogenannten „Bijou“ Typs gebaut. Bis Frühjahr entstanden 48 „Bijou-Typen“. Das ist für ein derart exotisches, nur zum aparten Segeln geeignetes Boot ein großer Erfolg.

In Schweden sind im vergleichbaren Zeitraum allenfalls halb so viele Dreißiger entstanden. 2005 und 6 gab es in der Heimat der Schärenkreuzer jährlich gerade mal drei Wettfahren mit sechs Booten. Die Bodenseerangliste des vergangenen Jahres nennt 28 Boote.

Der Plattenseekreuzer

Die ungarische Flotte besteht aus 19 Schiffen mit meist überholten Klassikern. Sie sind mit 13 m und mehr deutlich länger, bis zu 3 ½ t schwerer als der Bijou-Typ mit seinen 2,75 t, haben eine längere Wasserlinie, zulasten eines kürzeren J-Maßes etwas mehr Tuch im Großsegel.

Da die Vorsegelbasis die Spibaumlänge limitiert, segeln die Ungarn mit deutlich kleineren, etwa 85 qm Spinnakern. Einige Plattenseekreuzer sind sogar mit Karbonmasten unterwegs, die im Vergleich zu einem Holzmast etwa 60 Kilo, zu einem Alumast oben 32 kg sparen. Das bringt einem schlanken und ranken Schiff richtig was.

Zwar sind in Ungarn nur noch den heimischen und den schwedischen Vorschriften entsprechende Boote zugelassen, nur gibt es bislang noch keinen Neubau nach diesen Bestimmungen. Der offensichtliche Vorteil der Karbonmasten soll durch eigens angebrachte Bleigewichte bei internationalen Regatten ausgeglichen werden. Die Ungarn kehren also zur schwedischen Vermessung zurück.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.

6 Kommentare zu „Braschosblog: Wer hat die wahre Schäre? Ärger bei den 30ern“

  1. avatar wm sagt:

    der 30er ist eben ein Boot bei dem das Prozessieren mehr Spaß macht als das Segeln. Trotzdem mit ‘nem Tennisball am Bug – das hat schon was.

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  2. Also den Artikel selbst und den Kommentar beurteile ich mal lieber nicht. Da weiß ich zu genau bescheid über die Klasse und Klassen und die Details. Über die Preise meiner Boote weiß ich noch besser bescheid.
    Die genannten Preisbeispiele stammen nicht von mir oder wurden am Telefon falsch verstanden. Die Preise “aus der neuen Form” kenne ich übrigens auch nicht.
    Ein Kunststoff-Rumpf mit Holzausbau kostet bei mir 100 000,00 EUR. Mit Mahagoni-Rumpf 165 000,00 EUR. Beides ohne Segel und Ausrüstung. Aber inklusiv 19% MwSt. Bitte Angebote anfordern.
    Die Beschreibung der Klassenregeln der I.V. ist auch nicht korrekt wiedergegeben. Sie ist auf der Internetseite der I.V. aber zu lesen. Die Neubauten müssen keine Bijou-Typen sein und die „Blithe Spirit“ von 1986 segelt bei den Regatten der I.V. mit. Sie entspricht den Regeln der I.V.
    Also, wenn so viel über etwas berichtet wird, ob falsch oder richtig, dann kanns nur gut sein.
    Am nächsten Wochenende segeln wir den Bodensee-Cup in Radolfzell. Es sind bis jetz 22 Meldungen auf der Liste. Es gibt wieder ein riesiges Seglerfest. Das ist das Gute an der Geschichte.

    Viele Grüße und dass es so weiter geht.

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  3. avatar Erdmann sagt:

    Ausweislich Ihrer Mail vom 15.2.12 kostet ein 30er mit Kunststoffschale 98.000 Euro inkl. Mwst, ein formverleimtes Schiff 165.000. Da man mit einem Boot ohne Segel schlecht Regatta segeln kann, habe ich 27.000 Euro (sie nannten 25 bis 30 Tausend Euro für einen Segelsatz) hinzu gerechnet. So kommen die im Artikel erwähnten Preise zustande. Was, Herr Winterhalter, war daran nun falsch?

    Nach Auskunft der SESCA sind die genannten drei Schiffe nicht bei den üblichen Wettfahrten der Internationalen Vereinigung der Int. 30 Klasse zugelassen (vom Europa Cup abgesehen): Schiffe der Baujahre 1925 bis 1984 und Bijou-Typen (=Reimers 1952) oder Neubauten von alten Rissen gehen. Es ist bewußte Politik der IKV, Schiffe, die nicht ihrem Reglement entsprechen, auszuschließen. Ob das richtig ist, darüber kann man streiten oder nachdenken. Letzteres ist Sinn dieses Beitrages.

    22 Meldungen für eine 30er Regatta auf dem Untersee sind schön. Mögen weitere hinzu kommen. Viel Spaß beim Segeln!

    Sollten Sie als Insider = versierter 30er Bootsbauer und Regattafuchs am Bodensee Unschärfen oder Unwahrheiten in meinem Beitrag entdecken, so benennen Sie sie möglichst klar. Als langjähriger Beobachter und Chronist der Szene bin ich für jeden Hinweis dankbar. Es ist durchaus möglich, daß sich durch den Abstand Hamburg – Bodensee Unschärfen ergeben. Ich lerne gerne dazu.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 36 Daumen runter 11

    • avatar mike sagt:

      Als langjähriger Beobachter und selbsternannter Fachmann wäre es angebracht, sich VOR dem
      Schreiben solcher Artikel so zu informieren, daß keine falschen Informationen in Umlauf gebracht
      werden.
      Offensichtlich wurde dieser Artikel nur erstellt um einer völlig unwichtigen und belanglosen
      Vereinigung von Quertreibern (SESCA) eine Stimme zu geben.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 3

      • avatar Erdmann sagt:

        Hallo Mike,

        es würde den “selbsternannten Fachmann”natürlich interessieren, was an meinem Beitrag falsch ist.

        Ich lerne immer gern dazu und vielleicht bringen Deine Hinweise Erkenntnisse, die mir bei meiner weiteren Arbeit helfen.

        Viele Grüße, Erdmann

        Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 3

  4. avatar Felix sagt:

    Einige 30er Segler sollten sich vielleicht weniger über die Reglen und streitereien der KV informieren und diskutieren als viel mehr (bestenfalls noch vor dem anstehenden Bodensee Pokal) über die Int. Wettfahrtregeln der ISAF nachdenken und lernen!

    Damit wäre der Klasse ebenso wie dem Regattasport sicher geholfen!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 7

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