Golden Globe Race: Unverhoffte Aufmerksamkeit für den Langkieler von Rustler Yachts

Land Rover unter Segeln

Das nach klassischen Regeln ausgetragene Golden Globe Race hat dem Rustler 36 Typ nach dem Belegen der ersten drei Plätze einen zweiten Frühling beschert. Für die Werft in Cornwall kam er unerwartet, aber nicht wirklich überraschend. Selbst Prinzessin Anne hat eine 36 gesegelt.

Eine Rustler 36 auf dem Hof der Werft in Falmouth

Eine Rustler 36 auf dem Hof der Werft in Falmouth © Jan Maas

Adrian Jones’ Lieblingsanekdote vom letzten Golden Globe Race betrifft Jean-Luc Van Den Heede. Der spätere Sieger der Jubiläumsregatta um die Welt hatte sich unter Pseudonym auf der Rustler-Werft in Falmouth angemeldet. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich schon eine gebrauchte Rustler 36 gekauft. Er wollte in Erfahrung bringen, ob die Werft der richtige Ort für einen Refit-Auftrag ist. „Ich kannte zwar seinen Namen, wusste aber nicht, wie er aussieht“, sagt Rustler-Chef Jones. „Ich habe ihn einfach nicht erkannt.“

Das Golden Globe Race macht’s 

Dank Van Den Heedes Sieg und zweier weiterer Rustler 36 auf den ersten drei Plätzen gibt es jetzt, vor der nächsten Auflage des Golden Globe Race 2022, einen kleinen Run auf den knuffigen Langkieler. Auch der Bruder von America’s Cup Sieger Grant Dalton will mit einer Rustler 36 gewinnen. „Wir bauen das Modell schon ewig und können es auch jederzeit wieder bauen. Aber ehrlich: Der letzte Neubau liegt sechs Jahre zurück“, sagt Jones. Fahrtensegler sind inzwischen bei Yachten dieser Größenordnung mehr Raum unter Deck und eine bessere Manövrierfähigkeit gewohnt.

Frisch überholte Rustler 36 mit Startnummer

Frisch überholte Rustler 36 mit Startnummer © Rustler Yachts

Den Regattateilnehmern hingegen wurde schnell klar, dass sie für den Preis eines Neubaus locker ein gebrauchtes Boot plus Refit plus Ausrüstung bekommen. Darum werden in Cornwall seit einiger Zeit Stück für Stück gebrauchte Rustler 36 überholt. Der letzte Refit geht beispielsweise an einen Kanadier. „Neubauten der 36 bringt uns das Golden Globe Race nicht“, sagt Adrian Jones. „Aber das Geschäft ist trotzdem sehr unterhaltsam. Und es hilft der Marke. Unser Auftragsbuch ist lang genug.“

Run auf Rustler 36 

Erwartet hat der Werftchef den Run auf das alte Modell nicht. „Aber ich bin nicht überrascht, dass die Rustler 36 beim letzten Mal so gut abgeschnitten hat, vor allem, wenn ich mir die Konkurrenz ansehe. Sie segelt schneller, als die meisten erwarten würden. Etmale von 150 Meilen und mehr sind überhaupt kein Problem. Kein Wunder, dass sie beliebt ist.“ Unter Fahrtenseglern gilt die Rustler 36 schon lange als seegängige und hochwertige, wenn auch nicht ganz billige Fahrtenyacht.

Rustler-Chef Adrian Jones

Rustler-Chef Adrian Jones freut sich über ein volles Auftragsbuch © Jan Maas

1992 rückte sie erstmals ins Rampenlicht, als die segelbegeisterte und -erfahrene Prinzessin Anne sich eine Rustler 36 kaufte. Seitdem wuchs der Betrieb langsam, aber beständig. Adrian Jones kennt seine Kunden gut. „Sie sind in ihren 50ern oder 60ern und stehen kurz vor dem Ruhestand. Sie sind einigermaßen wohlhabend und haben ihr ganzes Leben gesegelt. Sie segeln zu zweit und suchen ein Boot, mit dem sie um die Welt segeln können, wenn sie es wollen. Und sie wollen keine zu großen Boote.“

Wie ein Land Rover

Die klassische Rustler-Yacht ist so etwas wie ein Land Rover unter Segeln. Nicht übermäßig luxuriös, aber vollkommen zuverlässig. In diesem Sinne brachte die Werft 1999 als größere Variante die Rustler 42 auf den Markt. Auf Kundenwunsch folgte 2009 die Decksalonyacht Rustler 44. Mit 13,7 Tonnen kein Leichtgewicht. „Es sind schwere Boote“ sagt Jones. „Aber das hat seinen Grund: Wir wollen unsere Kunden mit guten Gewissen um die Welt segeln lassen.“

Blick in die Rustler-Werft in Falmouth

Blick in die Rustler-Werft in Falmouth © Jan Maas

Für Kunden, die auf kurze Törns bei Sonnenschein aus sind, hat Rustler die 24 und die 33 im Angebot: die Morgans neben den Land Rovers. Die Rustler 33 hat etwas von einem Wolf im Schafspelz. Über Wasser besitzt die Yacht aus der Feder des englischen Designers Stephen Jones lange Überhänge und ein kleines Spiegelheck, unter Wasser einen extrem beschnittenen Lateralplan mit freistehendem Balanceruder und kurzem, L-förmigem Kiel.

Handwerk bei Rustler Yachts

Auf ein Detail der 33 ist Jones besonders stolz. Wenn die Bootsbauer die Aufbauseitenwände in Holz ausführen sollen, ist das jedes Mal ein Puzzlespiel. Die goldbraunen Teakfurniere müssen doppelt passen: Erstens sollen die beiden Seiten möglichst ähnlich aussehen. Darum suchen die Handwerker makellose Furnierpaare mit annähernd gleicher Maserung. Zweitens sollen die Furniere in Längsrichtung möglichst nahtlos aneinanderstoßen.

Eine Rustler 33 kurz vor der Auslieferung

Eine Rustler 33 kurz vor der Auslieferung © Jan Maas

Sind die Bootsbauer fündig geworden, schneiden sie die Konturen der Aufbauseitenwände aus den 0,6 Millimeter dünnen Furnieren aus und legen sie zur Kontrolle trocken in die Form. Denn auch wenn die Seitenwände später aussehen, als seien sie aus Holz – es handelt sich um einen Aufbau aus GFK. Wenn die Handwerker zufrieden sind, entfernen sie die Furnierteile wieder. Dann streichen sie die Form mit einem durchsichtigen Gelcoat ein und legen die Furniere auf diese Schicht.

Auch Daysailer im Programm

Zum Schluss folgt eine Lage Glasgewebe als Träger. Dann hüllen die Bootsbauer das Holz-Glas-Gelege in der Form in eine Folie ein, schließen Schläuche und eine Vakuumpumpe an und lassen durch einen zweiten Satz Schläuche das Polyesterharz einlaufen. Ist das Harz verteilt, erhitzen sie das Ganze. So härtet es aus und die Furniere sind fixiert. In einem zweiten Schritt folgen die restlichen Glasfasermatten. Zwei Arbeitsgänge sind nötig, weil sich die hauchdünnen Furniere sonst bewegen würden.

Hauchdünne Holzfurniere verkleiden Aufbauseitenwände und Schotten

Hauchdünne Holzfurniere verkleiden Aufbauseitenwände und Schotten © Jan Maas

„Es sieht fantastisch aus“, sagt Jones. „Und wir wollen zeigen, dass wir Vakuuminfusion beherrschen.“ Die Werft brachte die Rustler 33 im Jahr 2011 auf den Markt, als größere und modernisierte Variante der Rustler 24. Diesen Daysailer hatte der Betrieb 2009 eingeführt. Dafür griff die Werft auf einen Entwurf des schottischen Designers David Boyd von 1966 zurück. Boyd war damals einer der führenden Yachtdesigner und hatte unter anderem die 12er Sceptre und Sovereign als Herausforderer für den America’s Cup 1958 bzw. 1964 entworfen.

Überraschungserfolg mit altem Riss

Dem damaligen Stil entsprechend ist die Rustler 24 ein klassisches offenes Kielboot mit langem Kiel und angehängtem Ruder. Eigentlich passte sie 2009 nicht mehr in die Zeit. Doch Rustler Yachts landete damit einen unerwarteten Erfolg. In nur zwei Jahren verkaufte die Werft 35 Stück. Boyds Entwurf bündelte die ganze Erfahrung des Yachtdesigners und entsprach zugleich dem Wunsch, das Segeln auf das Wesentliche zu reduzieren. Zugleich fragten Kunden nach einer größeren Variante mit Kajüte.

Das Deck einer Rustler wird für die Vakuuminfusion vorbereitet

Das Deck einer Rustler wird für die Vakuuminfusion vorbereitet © Jan Maas

Beflügelt von dem Erfolg mit der Rustler 24 gaben die Werftchefs bei Designer Stephen Jones die Rustler 33 als Weekender in Auftrag. So kommt es, dass diese beiden Modelle sich vom Rest der Rustler-Familie unterscheiden. Bis zur Rustler 24 hatte sich die Werft vor allem mit Blauwasseryachten einen Namen gemacht. Die erste Yacht mit diesem Markenzeichen stammte aus der Feder von Kim Holman, der 1964/65 eine neue Version seiner Twister 31 zeichnete – mit deutlichen Anleihen beim Folkeboot.

Vom Folkeboot abgeleitet

Holmans Rustler 31 wurde in den 70ern von verschiedenen Werften in England gebaut. 1980 entwarf der Designer eine größere Version: die Rustler 36, ebenso ein vom Folkeboot abgeleiteter Plattgatter – nur größer. Auch die Rustler 36 wurde zunächst auf verschiedenen Werften gebaut, bis 1987 in Falmouth Orion Marine als Rustler-Werft gegründet wurde.

Handarbeit in der Tischlerei bei Rustler Yachts

Handarbeit in der Tischlerei bei Rustler Yachts © Jan Maas

Neben dem Neubaugeschäft gehört ein großes Winterlager mit entsprechenden Reparaturaufträgen zu Rustler Yachts, ebenso wie die Rechte an den Marken Bowman und Starlight. Der Betrieb gehört Jones und seinem Kompagnon Nick Offord selbst, ein mittleres Management gibt es nicht. Nur die 45 Mitarbeiter in der Werft. Das alles gibt Jones eine in Zeiten von Brexit und Covid-19 hilfreiche Sicherheit. „Selbst wenn wir gar keine neuen Boote verkaufen würden, wären wir immer noch da“ sagt er.

Jüngstes Modell Rustler 57

Adrian Jones weiß, dass Rustler Yachts’ Nische begrenzt ist. Entsprechend setzt die Werft nicht auf hohe Stückzahlen, sondern auf Qualität, damit die Kunden zufrieden sind und wieder kommen. Für den guten Ruf der Werft ist auch die Arbeitsweise verantwortlich. Es gibt kein Fließbandverfahren, sondern die Teams begleiten ihre Boote von Anfang bis Ende. Die Handwerker kennen ihre Boote und fühlen sich mit ihnen verbunden. „Das spart uns Garantieleistungen“, sagt der Werftchef.

Rustler 57 mit den typischen Linien

Rustler 57 mit den typischen Linien © Rustler Yachts

Es trägt sicher auch zu der Markenloyalität bei, die Jones bei seiner Kundschaft beobachtet. „Wenn die Kunden das zweite Mal zu Besuch kommen, sprechen die Bootsbauer sie schon mit dem Vornamen an.“ Der Betrieb wächst mit den Kunden. Das jüngste Modell ist die Rustler 57, wiederum aus der Feder von Stephen Jones. Optisch fügt sie sich in die bekannte Linie ein. Ein neuer Land Rover, aber immer noch ein Land Rover.

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