Kieler Woche: 2.4mR-Segler Kröger setzt sich mit geliehenem Boot an die Spitze

In Krögers Nähe bist du gut

Segeln gehört nicht mehr zu den Sportarten der Paralympics, auch in Enoshima/Japan wurde aktuell nicht gesegelt. Bei der Kieler Woche bleibt die paralympische Variante jedoch weiterhin fester Bestandteil. 2002 das erste Mal dabei wird die Klasse 2.4mR seit 2008 offen, also inklusiv ausgeschrieben. Dieses Jahr segeln 16 Aktive noch am Dienstag (7. September), geplant ab halb zehn, um den Sieg in Kiel.

Goldmedaillengewinner vor 21 Jahren und bis heute eine Klasse für sich: Heiko Kröger im 2.4mR. Foto: Sascha Klahn

Für den Topfavoriten auf die Titelverteidigung, den elffachen Kieler Woche-Sieger und paralympischen Goldmedaillengewinner von 2000, Heiko Kröger, startete die Regatta etwas holprig. „Dies ist eine spezielle Kieler Woche für mich. Bis morgens um 2 Uhr am ersten Starttag habe ich noch mein neues Boot ausgebaut, und dann ist es doch nicht fertig geworden, weil die Bleigewichte nicht passten. Um 8 Uhr habe ich mir ein Ersatzboot organisiert, mit dem ich auf dem Weg nach Kiel im Stau stand. Da kam mir die Startverschiebung ganz gelegen“, erzählt Heiko Kröger. Trotz der Widrigkeiten lieferte er gewohnt gut ab und lag auf Platz eins.

Neues Boot zur IDM und WM

Dennoch freut sich Kröger schon darauf, wenn sein neues Boot rechtzeitig zur IDM am Chiemsee und der Para-WM Ende September in Warnemünde einsatzbereit ist. Denn der zweite Tag der Kieler Woche startete für den zweifachen paralympischen Medaillengewinner wieder mit „Bastelei“, nun um das geliehene Boot zu optimieren.

Pleiten, Pech und Pannen

Aber die frische Brise am Sonntag machte ihn optimistisch. „Bei mehr Wind und Welle bin ich eigentlich immer schnell unterwegs“, so der Para-Segler. Der Anfang des zweiten Wettfahrttages war jedoch alles andere als optimal, sondern eher „eine weitere Folge Pleiten, Pech und Pannen“, wie es Kröger selbst nannte. Schon auf dem Weg zum Start hatte er Probleme mit der Pumpe, wobei ihm die Wettfahrtleitung schnell helfend zur Seite stand und sein Boot leerpumpte. Im Anschluss riss im Rennen ein Block aus der Verankerung. Dabei ging der Kompass über Bord. Kurzfristig war das Boot nicht mehr segelbar – er brach das Rennen ab.

Segeln bedeutet für Heiko Kröger besonders bei dieser Kieler Woche mit geliehenem Boot viel Basteln und Reparieren.  Foto: Katrin Heidemann

Frust? Nein, im Gegenteil! Heiko Kröger siegte souverän in allen drei weiteren Rennen – geradeso als hätte ihn das Missgeschick zusätzlich motiviert. Im geliehenen Boot liegt er auf Kurs Gesamtsieg Nummer zwölf. Ganz so leicht, wie es nach außen wirkte, seien die Wettfahrten aber nicht gewesen, so Kröger. „So eine schwere Regatta wie hier, hatte ich noch nie. Das geliehene Boot wurde noch nie bei Druck gesegelt und hält dem nicht stand. Nach notdürftiger Reparatur und ohne Kompass war ich total verspannt, weil ich dachte, mir fliegt gleich wieder alles um die Ohren“, erklärt er.

Aufgeben ist nie eine Option

Zum Glück greife er auf 20 Jahre Erfahrung zurück und rufe auch in stressigen Situationen sein volles Leistungspotential ab. „Bei den Olympiakampagnen und all den Weltmeisterschaften habe ich gelernt, mit Druck umzugehen. Ich wäge bei Problemen schnell ab: notdürftig den Defekt beheben oder richtig reparieren und auf ein Rennen verzichten. Aufgeben ist jedenfalls nie eine Option,“ verrät der Seriensieger sein Erfolgsrezept.

Die kleinsten Meterklassenboote der 2.4mR gehören bei der Kieler Woche – hier vor Bülk – zum festen Bestandteil.  Foto: Sascha Klahn

Kröger bedauert sehr, dass Segeln nach Tokio auch 2024 bei den Paralympics in Paris nicht mit zum Programm gehört, gibt aber die Hoffnung nicht auf, dass die Wassersportdisziplin 2028 wieder aufgenommen wird. „Segeln ist die einzige paralympische Sportart, bei der die Athleten wirklich chancengleich gegeneinander antreten können. Und auch für die Zuschauer ist es eine gut verständliche Disziplin. Deshalb gehört es in meinen Augen definitiv mit ins Programm“, betont der erfolgreiche 2.4mR-Segler. Die Sportart sei geradezu perfekt für paralympische Wettbewerbe geeignet, ebenso wie für Inklusion.

Inklusive Zeichen setzen

Dass immer mehr Vereine sich im Bereich Inklusion engagieren, freut den Segler, der regelmäßig Ausflüge in andere inklusive Bootsklassen unternimmt. Im Rahmen der Travemünder Woche ging er beim WM-Debüt der RS Venture Connect an den Start, die sich für die Paralympics eignen würde. Damit wollte Kröger in der noch jungen Klasse ein Zeichen setzen. „Dafür bin ich aus meiner Komfortzone raus“, sagt der Heiko Kröger, der mit seinem Vorschoter Clemens Kraus WM-Bronze holte. Direkt vor der Kieler Woche gewann das Team bei der zweiten Weltmeisterschaft im inklusiven Segeln im SV/14 Silber.

Kalle Dehler genießt jeden auch noch so nassen Moment in dem „idealen Boot für jedermann“.  Foto: Sascha Klahn

Als ein weiterer Aspirant aufs Podium bei den 2.4mR in Kiel ist Karl „Kalle“ Dehler dabei. 2019 landete er hinter Kröger auf Rang zwei. Dem war er wieder dicht auf den Fersen, fiel aber am zweiten Renntag auf Rang fünf zurück. „Das ist ein tolles Boot, wie ein kleines Dickschiff, nicht so aufwendig und alleine zu segeln. Faszinierend finde ich, dass jeder Aktive dieselben Chancen hat“, sagt Kalle Dehler, „mit und ohne Handicap und altersunabhängig.“

Entscheidungen trifft nur einer

Der Bootstyp 2.4mR hat einen 181 Kilogramm schweren Bleikiel, durch den er kaum kentern kann, und ist durch Auftriebskörper unsinkbar. „Das macht Spaß, obwohl ich in keinem anderen Boot bislang so nass geworden bin“, ergänzt Dehler lachend. Außerdem sei es für ihn als Dickschiff-Segler ungewohnt, allein im Boot zu sitzen und alle Entscheidungen selbst treffen zu müssen.

Auch wenn wegen Terminüberschneidungen etwas weniger Boote dabei sind, sei er froh, dass die Klasse bei der Kieler Woche nach der Corona-Pause 2020 wieder startet. Mit seiner Leistung vor allem am ersten Tag war Dehler zufrieden. „Solange du in der Nähe von Heiko segelst, weißt du, dass es gut läuft.“ Bei Bedingungen mit mehr Wind und Welle sieht er die Herausforderung darin, das 4,18 Meter lange und 81 Zentimeter breite Kielboot in Balance zu halten. „Happyend“ heißt sein Boot – ob der Name Programm ist, werden die letzten Rennen am Dienstag zeigen.

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