Die Racer-Cruiser Klasse Wally Cento

Die erste Judel/Vrolijk Wally

Endlose Typenvielfalt – tut das dem Segelsport gut?

Man kann darüber nachdenken – und streiten – wie sinnvoll es ist, immer neue Bootsklassen zu lancieren. Praktisch jede Werft, jeder Konstrukteur und jede Bootsmarke versuchen sich mit der Präsentation neuer Konzepte. Es gibt unzählige Grenzmaß- (Box Rule) oder Einheits- (one design) Klassen ab 30 Fuß aufwärts. Letztlich fraktioniert, sprich zerstückelt es die Regattaszene in endlos viele Klassen, weil jeder Ansatz leider eher früh als spät durch den nächsten abgelöst wird.

Wie in jedem Hafen und überall auf dem Wasser angesichts der endlosen Typenvielfalt zu sehen, tut das dem Segelsport nicht gut. Letztlich wird mit ebenfalls ständig überarbeiteten oder anhand neuer Vergütungssysteme mit unterschiedlichen Booten gegeneinander gesegelt. Selten sieht man in den Clubs zwei Mal das gleiche Boot. Einzig wenige angesehene Vereine wie beispielsweise der Norddeutsche Regatta-Verein fahren da mit einer stringent betriebenen Klassenpolitik zugunsten des Sports einen klaren Kurs.

Nur vier Beispiele ziemlich interessanter Klassen zeigen, wie sich der Segelsport kannibalisiert: Die TP52 ist über ihrem Zenit, die daraus angeleitete STP 65 (darunter die letzte „Container“) kam nie richtig in die Gänge und ist ebenfalls Makulatur. Die 2002 vorgestellte Swan 45 ist ein tolles und vielseitiges, auch zum Familiensegeln geeignetes, zudem Törn-taugliches Boot deren substanzielle Flotte aber stagniert. Sie wird nicht mehr gebaut und ist mittlerweile durch die gemeinsam mit dem New York Yacht Club entwickelte Club Swan 42 ersetzt. Die Finnen haben ihr Portfolio aufgeräumt, sprich auf fünf Typen zwischen 42 und 105 Fuß reduziert.

Wally Cento: Regattaboot mit Sommerurlaubsoption und Ledergarnitur in der Lobby, wie der Salon hier angemessen bezeichnet ist © Wally

Wally Cento: Regattaboot mit Sommerurlaubsoption und Ledergarnitur in der Lobby, wie der Salon hier angemessen bezeichnet ist © Wally

Letztlich ist es das Spiel von Angebot und Nachfrage, von Versuch und Irrtum, des Marktes. Wer im immer schneller drehenden Novitäten-Karussell nicht mit macht, fliegt raus. Die finnische Baltic Werft versucht sich gerade mit der 72-füßigen „Stic“ aus den Rechnern von Judel/Vrolijk mit einem neuen Grand Prix Boot im Thema.

Neu ist, dass Konstrukteure und Werften es jetzt in der größeren Range versuchen, in der 30 Meter Plus Kategorie. Siehe Andre Hoeks 35 m lange F-Class, deren Prototyp „Firefly“ seit einer Weile im Mittelmeer als vergrößerter Drachen und Daysailer unterwegs ist. Bislang ist aus dem angekündigten zweiten Exemplar nichts geworden.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.
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5 Kommentare zu „Die Racer-Cruiser Klasse Wally Cento“

  1. avatar 123 sagt:

    Am extremsten finde ich es im 40Fuß bereich.
    Da gibt es viel zu viele verschiedene Schiff
    Farr 400
    Soto 40
    Ker 40
    Carkeek 40
    McConaghy 38
    X-41

    die Liste lässt sich fast endlos weiterführen.

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  2. avatar 123 sagt:

    GP42 natürlich auch noch….

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  3. avatar John sagt:

    Es ist doch in allen Bereichen das gleiche:
    bei den kleinen zerfleischen sich die Sportboote gegeneinander – Resultat: Es geht keiner mehr auf ne Regatta (einheitsklasse-bodensee.com will zB dagegen steuen.)

    In den “40ern” auch nicht besser. Darüberhinaus ist es doch eh nur was für die Steinreichen…

    Es wäre mal an der Zeit, wenn sich der DSV oder vergleichbares, äußern würde:
    zB: Deutsche Meisterschaften gibt es nur in der J24, der Melges 24, der Farr 40, der X99 und der Swan 42 und auf jegliches Verrechnungsgedöns wird geschissen…

    Oder man probiert es so:
    Neue Regel ab 2013 – Eine Regatta darf ausschließlich nach gesegelter Zeit gewertet werden. Dann dürfen sich alle an ihren Schiffen austoben (wer’s mag) oder gehen halt nur noch auf Klassenregatten. Alles andere ist doch Käse und macht langsam keinen Spaß mehr.

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  4. avatar SR-Fan sagt:

    Die Kritik stimmt zwar. Es könnte aber auch sein, dass wir uns in einer “Übergangszeit” bewegen.In den letzten 15 Jahren hat sich doch relativ viel in Hinblick auf Geschwindigkeitspotenzial, Gewicht, Materialien, Markteintrittsbarrieren, … getan.

    1. Die möglichen Materialien sind deutlich leistungsstärker und dabei leichter (nicht nur Rümpfe und Rigg, auch Beschläge, Seiltechnik, Hydraulik, …) – da hat sich viel weiterentwickelt.

    2. Die Segler: Die Leistungsdichte steigt, ebenso die “Professionalisierung” – speziell bei der Zielgruppe der Einheitssegler. Man geht nicht mehr so gerne Kompromisse ein zwischen Bequemlichkeit und Geschwindigkeit. Die Frage ist nicht ob, sondern wann das Boot gleitet – etwas, dass Kielsegler in den 80ern eher kategorisch ausschlossen.

    3. Die Anbieterseite: Es gibt nicht mehr “den” angesagten Konstrukteur. Die vorhandenen Konstruktionserfahrung, bessere Ausbildung, die technische Unterstützung, … ermöglichen es einfacher als früher und für eine breite Zahl Konstrukteure einen schnellen Entwurf zu zeichnen. Ebenso ist die Vermarktung einfach als früher. Im Prinzip reicht ein Entwurf (evtl. sogar im Kundenauftrag), die Produktion wird dann sowieso ausgelagert, die Deckshardware ist “standardisiert”. Der Finanzbedarf ist relativ gering, es wird nicht auf Halde produziert, usw. Es handelt sich dabei ja auch normalerweise um “Werftklassen”. Sowas kann ja der Anbieter für sich in Anspruch nehmen.

    Gleichzeitig drücken die bestehenden Anbieter immer neue Modelle in den Markt um immer wieder neue Akzente für den Käufer zu generieren, bzw. die neueste Sau durchs Dorf zu treiben (gleichzeitig springen die Käufer darauf aber offenbar an). Braucht man sich nur mal die Modellpolitik von J-Boats anzusehen – oder auch die von X-Yachts.

    4. Mein Eindruck ist auch, dass die Vermessung lange nicht mehr so umstritten ist wie in den 80ern. Außerdem kann man zwar “optimieren”, aber die Auswüchse sind nicht mehr so rabiat wie zu IOR-Zeiten. Eigner müssen nicht mehr so große Kompromisse eingehen. Man kann sich sozusagen seinen “eigenen” Traum erfüllen und trotzdem Regatten segeln.

    Alles Punkte, die einer “Oligopolentwicklung” eher entgegenwirken – was man ja in anderen Märkten eher goutiert.

    Entweder wird es einem Anbieter gelingen durch Marktmacht (z.B. B/one) eine Marke zu etablieren, vielleicht auch durch eine sehr gute Vermarktung (z.B. Seascape 27). Die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand mit Technik- oder Kostenvorteilen vom Rest absetzt ist wohl eher unwahrscheinlich, da beides nicht schützbar ist.

    Am Besten wäre es wohl, wenn sich die Verbände wie in alten Zeiten, (möglichst europaweit) auf ein Boot einigen oder eines konstruieren lassen. Zeitgemäß wäre es, wenn man die technischen Daten für dieses für alle zugänglich macht – sozusagen “Open Source”… Ob sowas aber mit dem DSV möglich ist – das kann ich mir kaum vorstellen.

    VG

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  5. avatar Heini sagt:

    Ja, die vielen verschiedenen Klassen kannibalisieren sich gegenseitig. Ob Werft oder Konstrukteur oder Segler (z.B. Coutts mit der RC44). Wenn jeder meint, nur er habe die ultimative Idee und will eine Einheitsklasse etablieren, kommt am Ende keiner vom Fleck.

    Und Wally ist auch nicht mehr das, was es mal war. Natürlich kann man sagen, sie dürfen nicht stehen bleiben und müssen sich weiterentwickeln. Aber gerade die Weiterentwicklung der letzten Jahre ging in eine Richtung, wo sie auswechselbar geworden sind.
    Früher waren es die schlichten, mit kleinster Crew zu bewegenden Renner. Jetzt geht es immer mehr in Richtung Renn-Maxis, angefangen mit Offens zweiter “Y3K” und nun mit Wally OTTO, Cento, usw.. Mehr Winschen, mehr Mannschaft, das, was man von vielen anderen auch kennt, kein Alleinstellungsmerkmal mehr.
    Die Linie, die sie mal groß gemacht hat, haben sie leider verlassen.

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