Olympia Klassen: Wie sich das Segeln verändern soll – Finn und 470er mit schlechten Karten

Radikaler Richtungswechsel

Das Gesicht des Segelsports dürfte sich in den nächsten Jahren massiv verändern. World Sailing steuert auf einen revolutionären Umbau der Olympia-Klassen zu.

Das World Sailing Events Committee tagt zurzeit im Chelsea Fußball-Club in London, um die Geschicke des olympischen Segelsports zu bestimmen. Bisher hatte dieser kleine Teil  des Sports überwiegend den Anspruch, einigermaßen die restliche Segelwelt abzubilden. Aber das ändert sich immer mehr seit das Internationale Olympische Komitee (IOC) Druck macht und vom Weltseglerverband Änderungen verlangt. Das Druckmittel: Rauswurf aus dem Olympia-Programm.

Finn Dinghy

Finn mit Foils? Erstaunlich, wie agil die älteste olympische Bootsklasse sein kann. Trotzdem droht der Olympia-Rauswurf. © Robert Deaves

Es ist längst nicht klar, wie real diese Gefahr ist, und wie sehr sich der Sport verbiegen muss, um die IOC-Kriterien bezüglich einer größeren Attraktivität zu erfüllen. Für Tokio 2020 sollte deshalb kurzfristig das Kiteboarding eingeführt werden. Aber die überraschende Rücknahme dieser Entscheidung schien darauf hinzudeuten, dass World Sailing nicht unbedingt den radikalsten Weg verfolgt. Das scheint sich nun zu ändern.

Am Wochenende haben sich die Delegierten in London auf eine Empfehlung für 2024 geeinigt, die in fünf von zehn Disziplinen neues Material erforderlich macht. Laser und 49er für Männer sind ebenso gesetzt wie die Nacra Mixed Klasse. Aber RS:X Surfer, Finn und 470er wären raus.

Vision erschreckt viele Segel-Fans

Die Eingabe M36 der australischen Events-Committee-Vositzenden Sarah Kenny hat vorerst unter der fast überschaubaren Anzahl an Submissions die Zustimmung des Gremiums erhalten. Aber außerhalb der Funktionärsrunde erschreckt Kennys Vision vom zukünftigen Bild des olympischen Segelsports viele.

Rio, Olympia, 470er Frauen

Härtebedingungen auf den Regattabahnen: Die deutschen 470er-Frauen heben ab. Der 470er hat es aber schwer, olympisch zu bleiben. © sailing energy

Demnach fallen die Klassen Finn Dinghy und 470er aus dem Programm. Das ist keine zu große Überraschung . Es gibt viele Segler, die beide Boote für längst überaltert halten angesichts der rasanten Material-Entwicklung vom Foiler bis zum leichten Einhand-Skiff.

Aber die Eingabe M36 greift deutlich weiter. Nicht nur das Material soll verjüngt werden, sondern auch die Formate. So behält Windsurfing seinen Platz, aber das RS:X-Brett nicht. Die neue Disziplin heißt “Mens/Womens Windsurfer Combined”. Was das genau heißen soll, ist schwer zu ergründen. Die Gesamtwertung soll offenbar auf traditionellen Rennen, Langstrecken und Slaloms basieren. Die Rede ist von drei Riggs, um 6 bis 30 Knoten Wind abdecken zu können. Es fällt auch das Wort “Foil”. Es ist aber nicht klar, ob wirklich ein Surf-Foiler gemeint ist.

Frau und Mann beim Staffel-Kiting?

Außerdem ist die neue Disziplin “Mixed Team Kiteboard (Two persons)” genannt, die der Ersatz für das Finn Dinghy sein soll. Eine Frau und ein Mann sollen als Team gewertet werden. Offenbar ist ein Staffelrennen geplant mit zehnminütigen Kurzrennen nach denen sich die Kiter abwechseln.

Olympia Rio, 49er, Laser, RS:X, 470er

Die 49er bleiben unangetastet als Olympia-Disziplin. © sailing energy

“Men’s and Women’s One Person Short Course” soll die 47oer Disziplinen ablösen. Zur Format-Beschreibung heißt es: “Es sollte nicht um traditionelles Fleetracing gehen. Dieses Event muss sich deutlich von den beibehaltenen Events (Laser, 49er, Nacra17) unterscheiden, um durch die Einzigartigkeit die IOC-Vorgaben zu erfüllen. Das kann durch kurze, schnelle Rennen erfolgen mit lockeren Regeln bezüglich des Pumpens, neuer Kurse mit Toren in der Mitte, Raumschots-Kursen und verschieden Strukturen. Zum Beispiel Knock-Out-Runden, die am Ende im Finale zu einer kleineren Teilnehmerzahl führen.”

Mit welcher Art Boot, dieses Ziel erfüllt werden soll, ist nicht klar. Dazu heißt es nur: “Das Material soll physischen Vorgaben für Segler mit Körpermaßen entsprechen, die nicht vom bisherigen bestehenden Material entsprechen. Das würde heißen: Ü-85 Kilos bei den Männern und U-60 bei den Frauen. Man könnte also eigentlich das Finn Dinghy behalten und vielleicht die Europe zurück holen. Aber die Delegierten denken offenbar radikaler.

Entscheidung häufig umgeworfen

Über Submission M36 wird in den nächsten beiden Tagen noch diskutiert und abgestimmt. Am Ende gibt die Arbeitsgruppe und das Events Committee eine Empfehlung ab, die im Mai dem World Sailing Council vorgelegt wird. Dort treffen die Delegierten dann finale Entscheidungen zu den Disziplinen.

Eigentlich soll das Events Committee eine Expertenrunde sein, deren Vorschläge vom Council ernsthaft erwägt werden. Aber in der jüngsten Vergangenheit kamen immer wieder überraschende Entscheidungen zustande, über die die Segelwelt den Kopf schüttelte. Es muss sich zeigen, was diesmal passiert.

Der Segelsport an der Spitze mag sein Gesicht nachhaltig verändern. Es könnte die Chance sein, mehr Menschen zu begeistern für das Spiel mit Wind und Wellen. Aber es besteht auch die große Gefahr, die Basis zu verlieren.

Submission M36

Der Vorschlag für dei Olympia-Disziplinen 2024 in Paris

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden

8 Kommentare zu „Olympia Klassen: Wie sich das Segeln verändern soll – Finn und 470er mit schlechten Karten“

  1. Leider hat man damals mit dem falschen Ansatz gearbeitet: Match Race ist eigentlich die erlichste Olympische Segeldisziplin: Gestelltes Bootsmaterial 1 gegen 1. Leider hat man die Elliot 6 M zu früh bekannt gegeben, dass die Sportler primär auf dem Boot lernen mussten und nicht für die Disziplin.

    Die Match Race Tour mit verschiedenen Monohull oder Multihull Typen könnte als Qualifier funktionieren um dann das gestellte Bootsmaterial der Venues zu nutzen. Das MAterial darf aber erst kurz vor dem Event bekannt werden um Vorteile für Teams zu minimieren.

    Der Teamsport (z.B. 5 Mann / 6 Frau) würde auch gewahrt werden, mit 20 Minuten rennen ist die Media Qualität gegeben.

    Mit der Elliot 6 M und dem der Disziplin Match Race für Frauen wurde leider so viel falsch gemacht, dass diese (einzige) logische disziplin wohl nicht mehr zu Debatte steht… L. Hückstädt

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 8

  2. avatar Jonas sagt:

    Mal abgesehen von deinem unterirdischen Deutsch, verstehe ich deine Aussage einfach nicht.

    Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 2

  3. avatar Heizkörper Sailing Team sagt:

    Kritik ist ja immer einfach, wen man seinen Namen nicht preis gibt.

    Die Disziplin Match Race ist aus meiner Sicht eine sehr logische Disziplin für die Spiele, da es nur um die Fähigkeit der Segler im Team geht, da das Material gestellt wird.

    Als Damen Match Race eine Disziplin war, hat man das Konzept, das bei „normalen“ Events genutzt wird nicht übernommen:

    Im Match Race fährt man zu verschiedenen Events, die Boote Unterscheiden sich bei den ausrichtenden Veranstaltern. Wichtig ist dann nur die Crewstärke.

    Dadurch muss der Segler die Fähigkeit haben auf „unbekannten“ Booten zu segeln.

    Als Match Race für Damen olympisch wurde, hat man den Fehler gemacht, das Boot zu früh bekannt zu geben. Daher haben alle Teams nur noch auf der Elliot 6 M gesegelt.
    Das ist aber nicht das Ziel vom Match Race.

    Bei der World Match Racing Tour wurden verschiedene Boote gesegelt: am Bodensee z.B. Bavaria 40, in Frankreich J80, in Dänemark DS 37.

    Wen man im olympischen Programm vorgibt, eines dieser Bootstypen zu nutzen, diese aber erst ein halbes Jahr vor dem Event bekannt gibt, hat kein Team Vorteile….

    Wir haben viel Match Race gesegelt und ich bin von dem Konzept so überzeugt, dass wir selber Boote haben um Events auszurichten.

    Es ist die fairste Disziplin: Team gegen Team

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 3

  4. avatar Björn sagt:

    Was ist den unfair daran sein Boot zu kennen?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 1

    • avatar Heizkörper Sailing Team sagt:

      Nichts ist daran unfair, allerdings steht hinter dem konzept Match Race was anderes:

      Auf gestellten Booten best möglich zu segeln. Die Bundesliga hat auch dieses Konzept übernommen.

      Es hat den Vorteil, dass der Veranstalter dafür Verantwortlich ist, dass das Equipment identisch ist. Die Teams müssen dann auf gestelltem Material Leistung bringen. So das Konzept im Match Race.

      Klar kennt man als Matxh Race Team die Boote die gesegelt werden, allerdings nicht in dem Umfang wie ein Olympia Team, da prinär an Manövern und Taktik gepfeilt wird und eben keine Segeltests usw gemacht werden müssen.

      Als Damen MR olympisch wurde, ging der Gedanke der verschiedene Boote verloren. Das war ein organisationsfehler.

      Match Race vertritt aus meiner Sicht den olympischen gedanken.
      Es ist als disziplin raus geflogen, weil die ISAF (heute World Sailing) eas Konzept selber nicht verstanden hat.

      Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 3

  5. avatar Christian sagt:

    Hauptsache die Dinosaurier-Klassen Finn und 470er werden endlich durch zeitgemässes Material ersetzt. Das ist kein Weltuntergang, sondern ein Aufbruch. Damit auch endlich 420er durch 29er und Opti durch Open Bic o.ä. ersetzt werden können. Das sind veraltete Boote, auf denen die Kinder nichts für die Zukunft des Segens lernen.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 3 Daumen runter 13

  6. avatar Jonas sagt:

    Danke für die ergänzende Erklärung.

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

  7. avatar Fastnetwinner sagt:

    Von den fast 200.000 DSV-Mitgliedern hätten glaube ich 185.000 überhaupt gar kein Problem, wenn Segeln nicht mehr olympisch wäre. Die Nicht-Olympischen Klassen funktionieren eh besser, und der Rest segelt Fahrten. Und der Laser hat auch schon gut funktioniert, als er noch nicht olympisch war. 49? Eine deutsche RL finde ich nicht, aber in der Weltrangliste gibt es 17 Deutsche Boote….. vergleiche Pirat: 131…… Open Bic vs. Opti? Das gleiche. 420er vs. 29er? Das gleiche. Können wir nicht einfach das segeln, worauf wir alles mehrheitsmäßig Bock haben? Und das KiWo-Sponsering mit Diesel-Betrugs-Q7s investieren wir lieber Freibier und Mount Gay. Dann klappt es auch wieder mit den Meldezahlen! Und wer dann noch meint Folien gehen zu wollen, der kann das ja gerne im Club Med privat machen, oder am Gardasee….

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 14 Daumen runter 3

Schreibe einen Kommentar zu Christian Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *