Rolex Middle Sea Race: Bahnverkürzung nach dem Ziel – “Comanche” siegt am grünen Tisch

"Alternative Ziellinie"

Das diesjährige Rolex Middle Sea Race war in vieler Hinsicht außergewöhnlich. Es gab Rekorde und starke Bilder, aber am Ende auch großen Ärger. Der Sieg von “Comanche” folgte einer fragwürdigen Entscheidung.

Das klassische Startbild im Hafen von Malta. © Rolex / Arrigo

Mit Siegen nach berechneter Zeit bei Langstreckenregatten ist das so eine Sache. Eigentlich kann man die Leistung deutlich verschiedener Boote nicht vergleichen. Sie segeln zwar die gleiche Strecke ab, aber bei oft völlig unterschiedlichen Wind- oder Strömungsbedingungen.

Dennoch werden die Trophäen bei den großen Klassiker-Events hoch gehandelt. Und so freute sich die neunköpfige Crew der britischen JPK 1180 “Sunrise” nach dem Absolvieren der 606 Meilen beim Rolex Middle Sea Race mit Start und Ziel in Malta über einen vermeintlichen Doppelsieg in dieser Saison. Eigner Tom Kneen hatte mit seiner Yacht schon das Fastnet Race nach berechneter Zeit (IRC) gewonnen.

Der Handicap-Vorsprung über die dreimal so große „Comanche“ betrug 16 Minuten. Aber die Freude währte nur kurz. Denn die Wettfahrtleitung änderte nachträglich die Ziellinie und damit auch die Berechnungsgrundlage. Plötzlich lag der 100-Fuß-Maxi “Comanche” mit seiner 23-köpfigen Crew unter der Leitung von Mitch Booth und Tom Slingsby nach einer gesegelten Zeit von 40 Stunden und 18 Minuten berechnet vorne, weil die vergleichsweise schwächeren Segelmeilen bei weniger Wind kurz vor dem Standard-Ziel im Hafen von Valletta wegfielen.

Alternative Ziellinie

Der Grund für die verkürzte Bahn: “Eine schwerwiegende und ungünstige Änderung der Wettervorhersage”, wie es von der Wettfahrtleitung heißt. 23 kleinere Yachten befanden sich noch auf der Regattastrecke und man befürchtete, dass es für zu gefährlich werde, die typische schmale Passage vor dem Ziel anzusteuern. Deshalb habe man sich entschieden, “gemäß den Segelanweisungen die alternative Ziellinie zu verwenden”.

“Sunrise” beim Zieleinlauf in Malta. © Rolex Kurt Arrigo

Peter Dimech, seit 12 Jahren oberster Wettfahrtleiter des Royal Malta Yacht Club (RMYC) erklärt: “In erster Linie muss der RMYC die Sicherheit und das Wohlergehen der Teilnehmer berücksichtigen, die sich noch auf See befinden. SI 11.3 ermöglicht es der Wettfahrtleitung, eine alternative Ziellinie im südlichen Comino-Kanal zu verwenden, wenn die Einfahrt in den Hafen von Marsamxett aufgrund schlechter Wetterbedingungen nicht möglich ist. Die Regel wurde speziell in Erwartung des vorhergesagten schweren Nordostwinds geschrieben, der das Einlaufen in Marsamxett Harbour extrem gefährlich gemacht hätte. Aus diesem Grund haben wir die Entscheidung getroffen, die allen Teilnehmern, ob im Ziel oder auf der Regatta, regelkonform mitgeteilt wurde.”

Rolex Fastnet Race Sieger: JPK 1180 “Sunrise” © RORC/Paul Wyeth

Zum ersten Mal in der 53-jährigen Geschichte des Rolex Middle Sea Race habe diese alternative Ziellinie benutzt werden müssen. Somit segelte “Comanche” schließlich berechnet etwas mehr als eine Stunde schneller als die zweitplatzierte “Sunrise” (IRC-Klasse Fünf) und wird fast vier Stunden vor der drittplatzierten Daguet 3 – Corum (IRC-Klasse Eins) gewertet.

Bahnverkürzung 24 Stunden nach Zieleinlauf des “Siegers”

Viele Beteiligte sind erbost über diese Entwicklung. Eine Bahnverkürzung nach dem Einlauf der ersten Boote ist ziemlich unüblich. 69 Yachten hatten den Rennkurs beendet, 23 waren noch auf der Bahn, als die Wettfahrtleitung die Entscheidung traf – 24 Stunden nach dem Zieleinlauf von “Sunrise”.

“Comanche” in voller Pracht von oben. © Rolex Kurt Arrigo

Drei Proteste wurden von den verärgerten Briten eingereicht. Navigator Tom Cheney erklärt, er habe volles Verständnis für den Sicherheitsaspekt, aber das Timing für die Bahnverkürzung könne nicht passen. “Ich denke nicht, dass die Segelanweisungen es erlauben, den Kurs zu verkürzen, nachdem ein Boot das Rennen beendet hat.”

So ist es normalerweise bei Regatten. Aber die internationale Jury habe entschieden, dass es sich eben nicht um eine “Bahnverkürzung”, sondern eine “alternative Ziellinie” handelte.

Comanche-Skipper Mitch Booth erhält den Preis für den Gesamtsieg beim Middle Sea Race. © Rolex

Dave Swete, neuseeländischer Profi an Bord von “Sunrise” Volvo Ocean Race Segler 2011/12 erklärt: “Ich kann ehrlich sagen, dass ich super begeistert bin vom Comanche-Team, das den Rennrekord gebrochen hat. Unglaubliche Sache, dass ich das miterleben durfte. Auf der anderen Seite kann ich natürlich nicht zufrieden sein mit dem, was sich in den letzten Tagen abgespielt hat. Ich bin extrem enttäuscht und desillusioniert von dem Sport, den ich liebe.

Es wäre etwas ganz Besonderes gewesen, das Rolex Fastnet Race und das Rolex Middle Sea Race im selben Jahr zu gewinnen, wäre etwas ganz Besonderes gewesen, vor allem mit einer so jungen und vielfältigen Crew. Vielleicht bin ich zu leidenschaftlich bei der Sache, vielleicht sollte ich es einfach als einen Job betrachten…”

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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