Vegvisir Race: Lehren aus dem Kiel-Verlust – Skipper beschreibt das Unglück im Großen Belt

"Plötzlich ein lauter Knall"

Beim Vegvisir-Rennen ist bei dem 26 Fußer “Lightworks”der Kiel abgebrochen. Jasper Marwege berichtet über die Hintergründe des Schockerlebnisses im großen Belt.

Die havarierte Yacht wird in den Hafen geschleppt. © Jasper Marwege

Am 23. August startete das Vegvisir-Rennen 2018 in Nykøping, Falster in Dänemark. Um 1800 gingen wir als eines von mehr als 100 Booten in das Zweihandrennen. In der ersten Hälfte der Nacht hatten wir sehr ruhige Bedingungen mit 4-8 kts Wind und keiner Welle. Wir segelten auf einem 8m-Rennboot aus Kohlefaser mit dem Namen Code 8. Diese Boote wurden von Andrej Justin entworfen und in Ungarn gebaut. Der Kiel besteht aus einer Bleibombe und einer Stahlflosse.

Nach der Umrundung der Insel Fejø wurde der Wind stärker. Auf dem Weg zur Insel Agersø, die wir als nächstes umrunden mussten, machten wir gute Fortschritte unter dem großen A2-Gennaker und vollem Groß. Nachdem wir Vejrø passiert hatten, nahmen wir die A2 weg und setzten den Code 0. Alles lief gut und das Boot segelte wie gewohnt mit 10-12 Knoten.

Als der Wind immer stärker wurde, beschlossen wir, das Boot für eine sichere Passage durch den Omø Sund zu verlangsamen. Also rollten wir die Fock aus, den Code 0 ein und stauten ihn unter Deck. Danach refften wir das Großsegel. An dieser Stelle passierten wir die östlichste rote Boje von Omø Sund.

Der Rumpfbereich, aus dem die Kielflosse gebrochen ist. © Jasper Marwege

Bei nun deutlich reduzierter Segelfläche begannen wir mit der Planung unserer nächsten Manöver. Michael war am Steuer, ich saß im Cockpit und arbeitete mit der elektronischen Seekarte. Es war 3 Uhr morgens und stockdunkel.

Plötzlich gab es einen lauten Knall. Man konnte sofort spüren, dass etwas mit der Struktur passiert war. Die Instrumente zeigten eine Wassertiefe von 7 Metern, was in diesem Bereich der Ostsee normal ist. Nichts deutet darauf hin, dass wir ein schwimmendes Objekt getroffen hätten.

Als Michael fragte: “Was ist passiert? Ist der Kiel gerade abgebrochen?”, wussten wir die Antwort in der gleichen Sekunde. Das Boot fing an zu kentern wie eine Jolle. Ganz langsam und ohne Ruck. Es war eher eine sehr sanfte Bewegung vom ersten Knall bis dann der Mast auf das Wasser aufschlug. All dies geschah innerhalb von 515 Sekunden.

Ich sprang instinktiv auf und kletterte zur Luke, wo das wasserdichte Handfunkgerät befestigt war. Sekunden später fanden wir uns in der Ostsee wieder und versuchten, von den Segeln, Fallen und Stagen wegzukommen, da wir befürchteten, uns zu verheddern und unter Wasser gezogen zu werden.

Wir trugen beide automatische Rettungswesten und hatten wasserdichte Scheinwerfer dabei. Mit etwas Abstand zwischen uns und dem Boot aktivierte Michael sein persönliches Ortungsgerät, während ich einen Mayday-Anruf auf UKW-Kanal 16 absetzte.

Danach stellten wir fest, dass das Boot nicht ganz durch kenterte. Der Topp des 12 Meter Karbonmastes musste den Boden berührt haben. Er steckte in einem Winkel von vielleicht 120 Grad fest.

Wir beschlossen, wieder auf das Boot zu klettern, um aus dem Wasser zu kommen, da wir nicht wussten, wie lange wir in dieser Situation bleiben würden. Wir wollten uns so warm wie möglich halten. Wir schafften es, an Steuerbord am Heck im Bereich der Reling Halt zu finden. Wir hatten Angst, dass der Mast brechen und der Rumpf vollständig kentern könnte. Aus diesem Grund blieben wir weit hinten im Boot, damit wir jederzeit abspringen könnten.

Zu dieser Zeit bemerkten wir einige Aktivitäten auf UKW und sprachen mit verschiedenen Stationen, die unseren Notruf beantwortet hatten. Aber aufgrund unserer sehr niedrigen Antennenposition konnten wir nur Fragmente der Kommunikation verstehen.

Vielleicht 30 bis 45 Minuten nach der Kenterung, bemerkten wir die Navigationslichter eines Segelbootes. Später erfuhren wir, dass es ein Teilnehmer des Vegvisir-Rennens war, die Yacht “Kraken”. Die Südwinde hatten unser Boot so weit ins flache Wasser abgetrieben, dass der Masttop eben im Boden steckte. Und “Kraken” konnte nicht nah genug heran kommen. Aber es war wirklich gut zu wissen, dass jemand in der Nähe war.

Gegen 4:00 Uhr morgens traf ein Hubschrauber der dänischen Küstenwache ein. Sie kreisten einmal und näherten sich von Lee, um ihren Rettungsschwimmer herab zu lassen. Wenige Augenblicke später befand er sich etwa einen Meter in der Nähe unseres Hecks.
Mit einem Lächeln im Gesicht, machte er uns mit Handzeichen klar, dass wir nacheinander vom Hubschrauber abgeborgen werden würden.

Wir flogen zur Airbase in Roskilde, wurden mit heißem Kaffee versorgt und dann zur örtlichen Polizeistation gebracht, wo uns Carl Erik Hansen und ein weiterer Helfer der Wettfahrtleitung abholten.

Nach einem sehr herzlichen “Willkommen zu Hause” und einem Frühstück mit der ganzen Crew des Vegvisir Race, organisierte Bo Hasseriis, der ein international bekannter Offshore-Segler ist, ein Boot, das uns zurück zur “Lightworks” bringen konnte. Es war immer noch nicht gesunken, auch weil man es in sehr flaches Wasser geschleppt hatte, um die Schifffahrtswege in diesem Gebiet zu schützen.

Mit Bo’s Hilfe gelang es uns, zum Boot zu kommen und etwas von der Segelausrüstung zu retten, die sich noch im Rumpf befand. Einen Tag später, wurde der Mast gekappt und das Boot in den nächsten Hafen geschleppt.

Die Bilder des Rumpfes zeigen, dass die Stahlkielflosse an der Verbindung zum Kielkasten gebrochen ist. Die Kielkonstruktion des Code 8 weist keine Kielbolzen auf, die oben durch die Finne gesteckt werden, sondern einen Kielkasten der in den Rumpf geschraubt wird. In ihm steckt die Kielflosse. Von innen sieht die gesamte Kielkonstruktion noch vollkommen intakt aus.

Rückblickend können wir uns nichts vorstellen, was bei unserer Rettung professioneller hätte gehandhabt werden können. Das dänische Rettungssystem funktioniert mehr als gut. Etwa einer Stunde nach dem Kentern waren wir im Hubschrauber.

Unser besonderer Dank gilt der Hubschrauberbesatzung und der Crew des Yacht “Kraken”, die uns mitten in der Nacht gerettet haben. Wir danken auch Carl Erik Hansen, Bo Hasseriis und Familie Massenberg für ihre große Unterstützung. Wir trafen all diese Jungs nur für ein paar Stunden, aber sie halfen uns so, als wären wir schon seit Jahren Freunde. Wir werden diese Typen nicht vergessen.

In Bezug auf unsere Sicherheitsausrüstung können wir sagen, dass es auf die Vorbereitung ankommt. Es ist nicht neu und kein Geheimnis, aber es ist wirklich wichtig, eine Schwimmweste zu tragen. In den letzten Jahrzehnten scheint es sich so entwickelt zu haben, dass das einige uncool oder unmännlich empfunden haben, eine Schwimmweste zu tragen. Auch bei eine Regatta kann es vorkommen, dass die Schwimmweste die Bewegungsfreiheit einschränkt. Aber ohne unsere Westen hätten wir auch nicht die Seenotsender bei uns gehabt. Es wäre also viel schwieriger gewesen, uns zu finden. Vielleicht wäre es dann zu spät gewesen.

Apropos Seenotsender: Man sollte wirklich einen dabei haben! Sie kosten rund 250 Euro und der Hubschrauberpilot sagte uns, er hätte uns leicht gefunden, egal ob wir Lichter an uns trugen, beim Boot blieben oder im Wasser schwammen.

Der andere wichtige Punkt ist ein wasserdichtes Kommunikationsgerät, das sofort einsatzbereit ist. Wenn Sie weniger als 10 Sekunden Zeit haben, um alle aus dem Boot zu holen, müssen Sie ein UKW-Gerät im Cockpit bereit haben. Es gibt keinen Grund, darauf zu verzichten.

von Jasper Marwege

 

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6 Kommentare zu „Vegvisir Race: Lehren aus dem Kiel-Verlust – Skipper beschreibt das Unglück im Großen Belt“

  1. avatar RVK sagt:

    Das ist in der Tat wirklich beängstigend und hier haben die Jungs wirklich viel Glück gehabt. Nicht auszudenken, wenn das in tieferem Wasser passiert wäre. Kann man erfahren, welchen Seenotsender die Jungs dabei hatten? Irgendwie steht eine persönliche EPIRB (also keine fürs Boot aber eine für die eigene Schwimmweste) immer auf der eigenen Einkaufsliste, aber am Ende konnte ich mich nie entscheiden, welches Produkt jetzt wirklich sinnvoll ist. Wäre cool wenn Segelreporter hier nachhaken könnte oder einmal selbst einen Bericht schreibt, welche Alternativen es gibt und was Sinn macht. Danke euch und vor allem Jasper Marwege für die schnelle und vor allem schonungslose und ehrliche Berichterstattung. Das muss echt weh tun, wenn man sein Schiff so sieht…

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  2. avatar Captnahab sagt:

    Meine Rede! Was bin ich auf diesen Webseiten zum Thema Rettungswesten bepöbelt worden, als der Segler Alex Gogh vom Volvo Ocean Racer Scallywag ohne Weste über Bord ging und ich das entsprechend kommentierte.
    Als es dann ein paar Wochen später John Fischer traf, der zwar eine Weste trug, man ihn aber wegen einer defekten AIS-Antenne nicht mehr orten konnte und für immer auf See lassen musste, blieben die Kommentare meiner Kritiker aus.
    Eine Alarmierung per EPIRB kann unter Umständen viel zu lange dauern (bis zu 4 Stunden). Deshalb setze ich in unseren viel befahrenen Gewässern sog. AIS-MOBs ein. Die Dinger passen in jede Weste und sind von jedem Schiff, das einen AIS-Empfänger besitzt, im Umkreis von mindesten 5 sm auf dem Plotter zu sehen (z.B. rescueme mob1oder easyone). Man muss die Weste dann aber auch tragen…

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    • avatar Sébastienne sagt:

      Hier bedarf es nicht viel, um sich einen Haufen “dislikes” einzufangen. Die unbequeme Wahrheit reicht.

      Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 3

  3. avatar Matze sagt:

    Wer bezahlt die Hubschrauber-Rettung in diesem Fall?

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 2 Daumen runter 15

  4. avatar Björn sagt:

    Die ist schon bezahlt.

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  5. avatar pjotr sagt:

    f*ck. haben die konstrukteure das nicht mehr im griff? so langsam reichen mir die meldungen von kielabrissen.

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