Volvo Ocean Race: Ian Walkers Triumph – Beständigkeit und Ruhe zahlten sich aus

Erfahrung siegt

Volvo Ocean Race, Ian Walker

Erfahrung und Biss zahlten sich am Ende aus: Ian Walker führt sein Team zum Sieg © VOR

Ian Walkers langer, harter Weg zum Sieg, “Dongfengs” überraschend starker Auftritt, “SCAs” wichtiges Signal für den Hochseesport der Frauen – eine Bilanz.

Der Moment, als Ian Walker die Volvo Ocean Race-Trophäe in die Luft streckt, ist einer der ganz großen dieser Regatta. Der Mann hat es verdient, endlich ganz oben zu stehen. Seine Geschichte steht dafür, dass dieser Sport diejenigen fair belohnt, die hartnäckig arbeiten, nicht aufgeben und auch nach heftigsten Niederschlägen immer wieder aufstehen.

Walker drückt mit dem Sieg für das Abu Dhabi Team dieser Regatta endgültig seinen Stempel auf. Zuvor war er in den Annalen dieses brutalen Um-die-Welt-Rennens kaum mehr als eine der vielen Fußnoten über tragische Helden und große Verlierer. Nun hat er sein persönliches Happy End als strahlender Sieger geschrieben.

Volvo Ocean Race, Ian Walker

Der wohl glücklichste Moment in der Karriere des Ian Walker © VOR

Walker ist keiner, dem Erfolge zufliegen. Und deshalb ist dieser Wettkampf genau das Richtige für einen wie ihn. Keine Segelregatta erfordert mehr Entbehrungen und Grenzerfahrungen über eine so lange Dauer. Selten werden solche emotionalen Höhen und Tiefen durchlaufen. Und gerade dafür hat ihn seine Vita gewappnet

Wie Phoenix aus der Asche

Was musste der 45-jährige Brite nicht schon alles einstecken. Er ist einer der erfolgreichsten Segler seines Landes mit zwei olympischen Silbermedaillen. Aber auf den Höhepunkt seiner sportlichen Laufbahn folgt kurz danach seine schwärzeste Stunde. 1997, ein Jahr nach dem Gewinn von 470er Olympia-Silber in Atlanta, stirbt sein Vorschoter John Merricks bei einem Autounfall. Während einer Regatta in Italien verliert der Fahrer eines Minibusses die Kontrolle über das Fahrzeug, in dem auch Walker sitzt.

Der Schock sitzt tief. Was muss es für eine Kraft gekostet haben, wieder auf ein Schiff zu steigen. Dennoch gelingt es dem heutigen Abu Dhabi Skipper, erfolgreich in das Starboot zu wechseln. 2000 holt er in Sydney die zweite Silbermedaille. Er wähnt sich ganz oben und darf 2003 sogar den britischen America’s Cupper skippern. Ein guter Einstieg in das Cup-Geschehen, aber die Briten machen nicht weiter. Walker befindet sich wieder auf dem Abstieg. Für den Cup 2007 bekommt er nur einen Job bei dem hoffnungslos unterfinanzierten und später insolventen italienischen +39 Team.

Volvo Ocean Race, Ian Walker

Richtungsweiser: Ian Walker steht für Konsequenz und Durchhaltevermögen. © VOR

Nach dem unglücklichen Abenteuer wendet er sich dem Hochseesegeln zu. Das irisch-chinesische Green Dragon Team lässt ihn eine Mannschaft zusammenstellen. Mit einem Budget von 12 Millionen Dollar und wenig Zeit ist er so gut wie chancenlos gegen die 50 Millionen von Ericsson. Aber das Projekt ist seine Eintrittskarte in das Offshore-Rennen, bei dem immer mehr Profi-Segler mit olympischem Hintergrund eine größere Rolle spielen.

So gelingt es Walker, einen der lukrativsten aller Skipper-Jobs an Land zu ziehen. Abu Dhabi lässt ihm alle Freiheiten, ein Sieger-Projekt auf die Beine zu stellen. Das Team aus den Emiraten gehört zu den absoluten Favoriten für das Rennen 2011/12. Aber es wird schließlich zu einer der größten Enttäuschungen.

Die „Azzam“ von Designer Bruce Farr ist langsam und unzuverlässig. Schon bei der ersten Etappe bricht der Mast. Chancenlos wird Walker vorletzter von sechs Schiffen. So heftig ist ein Favoriten-Team beim Volvo Ocean Race noch nie gescheitert. Walkers Name steht nur noch für Misserfolg und blutleere Erklärungsversuche. Er scheint das Sieger-Gen verloren zu haben.

Volvo Ocean Race, Ian Walker

Na, kommt er wieder hoch der Bug? Das Abu Dhabi-Team schenkt sich nichts © Matt Knighton / Abu Dhabi Ocean Racing / Volvo Ocean Race

So ist es umso erstaunlicher, dass ihm die Scheichs erneut das Vertrauen schenken. Dabei können sie diesmal den Sieg nicht mit Geld erkaufen. Denn das neue Onedesign Konzept sieht einheitliches Material vor. Da kann Walker wenig von seiner Erfahrung der vergangenen Misserfolge zehren. Die Kampagnen-Kosten sollen dadurch von über 25 Millionen Euro auf rund 12 Millionen Euro gesunken sein.

Er überzeugt dennoch seine Geldgeber, bekommt nach SCA als zweites Team die Ressourcen, für den Aufbau einer Mannschaft und kann deshalb früher als die direkte Konkurrenz ein neues Boot übernehmen.

Erfahrung: das Ass im Ärmel

Ein Zeitvorsprung ist normalerweise die wichtigste Zutat für Sieger-Projekte im Segelsport. Umso mehr wenn es darum geht, möglichst schnell zu lernen, wie ein neues Boot funktioniert. Niemand kannte die neuen VO65 Racer. Wie würden die Segel bei den unzähligen Kombinationen aus Windwinkel und –stärke zu trimmen sein? Wie muss man den Wasserballast einsetzen oder die Segel stauen?

Volvo Ocean Race

Die Volvo Flotte im Kanal. © Volvo Ocean Race

Zweiboot-Tests sind verboten, und mit dem Computer lassen sich solche Daten nur begrenzt simulieren. So liegt der Leistungsschwerpunkt bei dieser Auflage des Volvo Ocean Races noch mehr als sonst bei der Crew. Es geht darum, wie steil ihre Lernkurve beim Trimmen des Bootes ist. Und dabei kommen die meisten Informationen von den ersten direkten Zweikämpfen auf dem Wasser. Besonders die intensive Nutzung der AIS Daten, die bis zu einem Abstand von etwa zehn Meilen die exakten Leistungsdaten des gegnerischen Bootes übermitteln. Wie schnell ist die Konkurrenz? Wie kann das eigene Team reagieren? Wo sind noch Leistungsprozente im Trimm herauszuholen?

Gerade bei dieser Anpassung zählt die Erfahrung der Crew. Und in diesem Punkt ist das Abu Dhabi Team am besten aufgestellt. Mit insgesamt 20 Volvo Ocean Race Teilnahmen unter den acht Seglern nimmt es die Spitzenposition ein. Allein der australische 49er Segler Luke Parkinson, der einen der beiden U30 Spots besetzt, war noch nie dabei. Nur Brunel kommt dem mit 18 Teilnahmen noch nahe und belegt auch prompt am Ende Rang zwei. (Die übrigen Teams: Vestas Wind: 15 VORs,
Mapfre: 13, Alvimedica: 4, Dongfeng: 3, SCA: 3)

Volvo Ocean Race, Dongfeng

Dongfeng unter Skipper Caudrelier überraschte © Ainhoa Sanchez / Volvo Ocean Race

Bei der Bedeutung der Erfahrung scheint das unerwartet starke Auftreten des Dongfeng Teams nicht ins Bild zu passen. Die überwiegend französische Crew hatte dazu noch das Handicap, unerfahrene Chinesen in die Mannschaft einbauen zu müssen. Aber die Mannen um Charles Caudrelier sind durch eine andere harte Schule gegangen.

Der Figaro Einhand-Zirkus schult genau die Fähigkeiten, die nun auch beim Volvo Ocean Race mit seiner reduzierten Crew gefragt sind. Unablässiges Puschen, Beobachten und Trimmen im Vergleich zur Konkurrenz mit dem gleichen Material.

Dongfeng kam bestens aus den Startlöchern und konnte als einziges Team Abu Dhabi Paroli bieten. Teilweise düpierten sie die Gegner mit erstaunlichen Speed-Vorteilen. Es heißt, sie hätten die Segel teilweise härter geschotet. Ob daraus auch die verschiedenen Schäden entstanden, die das chinesische Boot bremsten?

Dongfengs Achterbahnfahrt

Der entscheidende Rückschlag kam mit dem Mastbruch auf der fünften Etappe. Skipper Caudrelier beteuerte, dass er in diesem Moment gerade nicht gepuscht hatte. Und Renndirektor Knut Frostad bestätigt im Interview, dass der Bruch des Masttopps nicht auf eine zu hohe punktuelle Belastung hindeutet. Vielmehr soll eine Segellatte stark am Rohr gerieben und schließlich den Bruch verursacht haben.

Dongfeng Mastbruch

Mastbruch auf der Dongfeng © Yann Riou / Dongfeng Race Team / Volvo Ocean Race

Dongfeng zeigte nach dem Ausfall mit dem Sieg bei der folgenden sechsten Etappe zwar noch einmal eine unglaubliche Moral. Aber dann war das Pulver auch verschossen. Auf den Sprintetappen funktionierte die Franzosen-Combo nicht. Und das galt auch für die Inport-Races, die Caudrelier nur auf Rang sechs beendete.

Abu Dhabi dagegen lag auch in dieser Wertung komfortabel vorne, obwohl nur ein einziger Sieg gelang. Die Beständigkeit und die Ruhe der erfahrenen Crew zahlte sich aus. Vorschiffsmann Justin Slattery bringt es auf den Punkt: „Die Menschen machen den Unterschied aus. Wenn alle das gleiche Material haben, zählt jeder Meter. Der Druck ist hoch und das ist sehr stressig. Man muss sich daran gewöhnen, tagaus tagein mit Booten zu segeln, die nur wenige Meter entfernt sind. Wir sind bei den meisten Etappen sauber durchgekommen und haben keine dummen Fehler gemacht.“

Das hat ausgereicht. Die seglerische Konstanz hat sich durchgesetzt. So ist es auch kein Wunder, dass Mapfre schließlich deutlich das Podium verpasst. Auf dem Papier mochte das spanische Team bestens aufgestellt sein. Aber es meldete spät, hatte kaum Zeit, sich zu formieren und machte nach dem letzten Platz bei der ersten Etappe mit dem Rauswurf von Segel-Legende Michel Desjoyeaux auf sich aufmerksam. Dann ging Skipper Iker Martinez regelmäßig von Bord, um nebenbei etwas olympisch im Nacra 17 zu segeln. So kann ein Team nicht funktionieren.

SCA, Volco Ocean Race

Es ist ein Knochenjob, ohne wenn und aber. Und es gibt kein Pardon, nie! © team SCA

“Immer besser geworden!”

Großes Thema war die Leistung der Frauen von SCA. Etappe für Etappe segelten sie aussichtslos hinterher und so wurden sie schon beschimpft, dem Frauensegeln einen Bärendienst zu bescheren. Schon wurde diskutiert, ob das weibliche Geschlecht überhaupt in der Lage ist, seglerisch mitzuhalten. Schließlich wurde der Kraft-Nachteil durch drei zusätzliche Crewmitglieder ausgeglichen.

Aber dann gewann SCA plötzlich die achte Etappe, und viele Kritiker verstummten. Ein bedeutungsloser Vorgang für die Gesamtwertung aber ein wichtiges Signal für das Frauensegeln.

Frostad beharrt im Interview auch darauf, dass sich die Crew um Sam Davies nach der Analyse aller Daten „extrem gut geschlagen hat“. Im Vergleich zu früher, als ebenfalls Frauenteams beim Volvo Ocean Race dabei waren, sei die Qualität der Konkurrenten noch einmal deutlich angezogen. „SCA ist immer besser geworden. Der Rennsieg war nicht einfach nur Glück. Aber es fehlt einfach die Erfahrung“.

Volvo Ocean Race, Team SCA

Aber wehe, wenn sie losgelassen! © team SCA

volvo ocean race ian walker

Jetzt gehe es einfach nur darum, dass beim nächsten Mal erneut ein Frauenboot startet, um auf die Erkenntnisse aufbauen zu können. Definitiv sei das sein Wunsch. Möglicherweise setze SCA sein Sponsor-Engagement fort. Es seien auch Regeländerungen im Gespräch, die Mixed Crews bevorteilen.

Auf jeden Fall sollen bei der nächsten Volvo Ocean Race mindestens zehn Yachten an den Start gehen. Der viel diskutierte Umstieg auf die Einheitsklasse ist ein großer Erfolg. Selten gestalteten sich die Rennen so spannend und beinhalteten so viele Führungswechsel. Die härteste Etappen-Regatta der Welt steht bestens da. Ein wenig fehlten noch die ganz großen Namen des Segelsports. Schließlich war lange nicht klar, ob das One-Design-Segeln auch Offshore funktionieren würde. Aber nun steht fest: Das ist der richtige Weg.

 

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *