Knarrblog: Mit 500.000 virtuellen Yachten um das Kap Horn

Papas Tamagotchi

Das Erlebnis der virtuellen Vendée Globe. Fast 500.000 Skipper segeln am Computer um die Welt. Dieses Spiel hat einen erstaunlichen Suchtfaktor.

Mit der virtuellen Vendée Globe am Kap Horn

Endlich das Kap Horn bezwungen.

War das eine Qual. Seit gut drei Tagen will das Boot im Rechner nicht so richtig vorwärts segeln. Jeden Morgen weist das System mit einem roten Pfeil und einem Minuszeichen darauf hin, dass in der Nacht wieder gut 1000 Schiffe durchgerutscht sind.

Mann wie das nervt. So wie am Anfang , nachdem der Kumpel mir die Kiste angedient hatte und die sich erstmal  auf Platz 80.000 in den Doldrums festgrub. Aber danach ging es stetig bergauf. Der Wach-Rythmus funktionierte immer besser.

Die Familie hat sich damit abgefunden, dass ich am Wochenende nicht das Frühstück mache oder die Kaninchen füttere, wenn ich kurz um acht aus dem Bett springe. Wenn ich was von “Boot trimmen” brumme, ernte ich nicht mehr unentspanntes Augenrollen.

Virtuelles Küken

Die Kinder checken, worum es geht, seit ich erklärt habe, dass der Open 60 so wie ein Tamagochi funktioniert, diese virtuellen Küken aus Japan. Das Boot muss mit den richtigen Kursangaben gefüttert werden, damit es ihm gut geht. Immer um acht Uhr morgens und 20 Uhr abends,  dann wenn der Wind in dem Spiel dreht, wenn die Taktik für die nächsten 12 Stunden bestimmt wird.

Dann bekommt Papa immer so ein hektisches Flimmern in den Augen. Besonders, wenn gerade kein Rechner in der Nähe ist. Mit dem Handy geht es zwar auch, aber auf Dauer kann man damit nicht gut segeln. Der Bildschirm ist zu klein.

So blöd es ist, aber irgendwie mag es durchaus einen Einfluss auf die Stimmung haben, ob die Nacht gut lief oder nicht. Wenn der Rechner aufklappt und wieder mal ein fettes Minuszeichen auf dem Schirm erscheint beginnt der Tag schon nicht so richtig geschmeidig. Was soll da noch kommen?

Man glaubt den Quatsch selber

So war die Situation in den letzten Tagen etwas angespannt. Es geht ja auch nicht um Papperlapp, oder so. Immerhin ist das eine Regatta gegen fast 461.000 Konkurrenten. Da kommt das Rennfieber von ganz alleine. Und je mehr man sich damit beschäftigt umso eher glaubt man den Quatsch tatsächlich selber.

Aber immerhin segeln die echten Vendée Helden fast parallel. Jean-Pierre Dick ist mit mir nach rechts gebraten und hat den Dreher etwas schlechter erwischt, weil er tiefer im Süden lag.  – Ich kann jetzt so reden, als wäre er ein Offshore-Kumpel – Und Alex Thomson – alte Kiste – ist mit einem virtuellen Kumpel ganz nach links ausgebüxt. Der liegt jetzt 3000 Plätze voraus. Wir sind zusammen ums Kap Horn, schreiben jeden Tag per Spiel-Chat und klagen unser Leid. Mal sehen, wie es ausgeht, wenn wir uns vor Brasilien wieder treffen.

Zuletzt hieß es Nerven bewahren. Nach rechts zum Ostwind knüppeln und nicht darauf achten, dass die Plätze purzeln. Bloß nicht zu früh wenden, dann war der Aufwand für die Katz. Wie im echten Leben. Jetzt aber endlich segelt GER6599 wieder mit Wind von Steuerbord. So kann man beschwingt ins Wochenende gehen.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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8 Kommentare zu „Knarrblog: Mit 500.000 virtuellen Yachten um das Kap Horn“

  1. avatar Uwe sagt:

    Nicht alle Teilnehmer sind so zielstrebig wie GER6599. Dies zeigt die Animation deutlich: http://vr-annexe.akroweb.fr/animsat.php

    Es macht jedoch Spass und ist mindestens so spannend wie das reale Vendee Globe.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 12 Daumen runter 1

  2. avatar hhround sagt:

    Der grüne Track in Bild 15 kommt mir ziemlich bekannt vor;) Nun fix ab nach Norden, der Spitze hinterher!

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    • avatar Uwe sagt:

      Gratuliere zu Rang 873

      Bei den deutschen Teilnehmern scheinst Du eine Top-Platzierung einzunehmen.
      Hast Du evtl. nur K2 2266 vor Dir ?

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      • avatar hhround sagt:

        Moin, über die auf Nationen bezogene Platzierung habe ich mir ehrlich gesagt bisher kaum Gedamken gemacht. Wo hast Du das denn her bzgl. nur noch K2 2266 aus GER vor mir?

        Aktuell kämpfe ich darum, auf jeden Fall vor meinen direkten Mitseglern in kühles Pils in les Sables zu köpfen!

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  3. avatar Stefan sagt:

    …naja Carsten, solange ich weiterhin 150 sm vor die bin kann ich ruhig schlafen 😉

    ..aber die Jungs von der Yacht machen im Westen den Thomson. Mal schauen, ob sich das auszahlt.

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  4. avatar Mario (Pterodactyl) sagt:

    Du schreibst mir aus der Seele – die rollenden Augen meiner Kinder , meine Frau hasst mittlerweile meinen morgendlichen Wecker um 8 Uhr . Nervig ist nur die Android Version des Spiels – aber man arrangiert sich eben irgendwie…

    Ich habe nur etwas Sorge auf die Zeit danach – was wird dann??? 😉

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  5. avatar Marsha sagt:

    wer auch nach der Vendée virtuell segeln will – und das 24/7 – voila: http://Sailonline.org. Da kommen zwar keine 500 Fantastrillionen Mitspieler zusammen, aber dafür mit dem besseren Look&Feel. My2cent

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